Aus Gaza berichtet Ulrike Putz
Der junge Mann zieht die Tür des Taxis hinter sich zu. Er ist nass, draußen geht ein dünner Nieselregen auf Gaza herab. Er dreht sich kurz um, begrüßt die Fahrgäste auf der Rückbank mit knappem Handschlag. "Seid ihr bereit?", fragt er sie. "Ab jetzt können wir jede Minute ins Paradies eingehen." Die Autoinsassen schweigen, der Fahrer des Mercedes tritt aufs Gas. "Ich hätte meine Frau anrufen sollen", sagt er nach einer Weile. "Sie soll schon mal nach einem neuen Ehemann Ausschau halten."
Es ist eine lange Fahrt durch stockfinstere Nacht, die zu den geheimen Raketenschmieden im Gaza-Streifen führt. Seit Abdul* und seine zwei Freunde zugestiegen sind, ist es eine lebensgefährliche Tour geworden. Die jungen Männer produzieren Raketen für den "Islamischen Dschihad". Tag für Tag landen ihre archaischen Bomben in israelischen Dörfern, Feldern, Kibbuzen. Israel antwortet, indem sie die Mitglieder der Kassam-Kommandos per Luftschlag tötet. Die Angriffe erfolgen meist auf die Autos, in denen die Militanten auf dem Weg zu ihrer Mission sind – Autos wie unseres heute Abend.
Es geht nach Norden, in Richtung israelische Grenze. Die Männer reißen Witze über die Jungfrauen, die sie nach islamischem Glauben im Paradies erwarten: Galgenhumor. Einer hält der Fremden eine Pistole ins Gesicht: "Ich wollte nur mal sehen, ob du dich erschrickst." Draußen gießt es inzwischen, die Scheiben des Taxis sind so beschlagen, dass die angekündigten Augenbinden gar nicht notwendig sind. Auch so weiß man bald nicht mehr, wo man ist, sieht nur, dass die Häuser draußen immer ärmlicher werden. Neben dunklen Fenstern wellen sich Plakate zu Ehren von "Märtyrern", im Kampf gegen Israel getötete Palästinenser. Zwischen riesigen Pfützen qualmen Lagerfeuer und leuchten den Weg.
Der Dünger für den Raketentreibstoff kommt aus Israel
Der Wagen hält schließlich auf einem Feldweg. Die Raketenschmiede des "Islamischen Dschihad" ist in einer Art Gartenschuppen untergebracht. Fünf Mal fünf Meter, in der Ecke lehnen Metallrohre mit Flügelchen: halb fertige Kassams. In einem Regal lagern mehrere prall gefüllte Mülltüten. "TNT", sagt Abdul und zeigt einen Brocken vor. Der Sprengstoff sieht aus wie klumpiger Zucker. Auf einem Gaskocher steht ein Suppenkessel bereit, an der Wand hoch liegen hebräisch beschriftete Säcke gestapelt. "Dünger für den Raketentreibstoff", sagt Abdul und grinst. "Beziehen wir aus Israel."
Abdul ist 22, groß und schlaksig wie er ist, würde er auch für 16 durchgehen. Seit dreieinhalb Jahren ist er Raketenbauer, Hunderte von Kassams hat er gefertigt, sagt er. Ein Veteran mit einem Doppelleben: Tagsüber studiert Abdul Geografie, nachts trägt er sein Scherflein zum "Dschihad" bei.
Kassams sind primitive Geschosse ohne Lenkfunktion, sie zu bauen "ist kinderleicht", sagt Abdul: Ein Bautrupp schweißt aus Metallrohren die Raketenhülsen zusammen, einer füllt die Sprengköpfe mit bis zu drei Kilogramm TNT. Abduls Spezialität ist der letzte Schritt, der Raketenantrieb. Aus Glukose, Dünger und ein paar weiteren Chemikalien brauen er und seine Kumpels den Treibstoff zusammen, der ihre Raketen bis zu neun Kilometer weit fliegen lässt. Ganz zum Schluss setzt er dann die Zündkapsel ein, die das Geschoss beim Aufschlag explodieren lässt. Die fertigen Kassams verstecken sie in Depots, aus denen sich die Abschusskommandos nach Bedarf bedienen. Abdul feuert nur dann selbst, wenn er ein bewährtes Modell ein wenig verbessert hat. "Dann will ich sehen, wie sie fliegt."
Bis zu 100 Raketen pro Nachtschicht
Bis zu 100 Raketen pro Nachtschicht kann das Kommando abschussfertig machen, heute werden es nicht mehr als zehn sein. Statt der üblichen zwölf sind nur drei von Abduls Männern erschienen. "Die anderen Jungs sind alle auf der ägyptischen Seite, shoppen", sagt er. Die Militanten seien auch nur Menschen, die offene Grenze zum Nachbarland eine Attraktion. Ob sie da Zutaten für den Kassam-Bau besorgen würden? "Von wegen", erwidert der Gruppenälteste lächelnd. "Die kaufen Kartoffelchips. Wir haben noch genug Rohmaterial für die nächsten Jahren."
Dass es an Nachschub niemals mangele, dafür sorge der Schmuggel durch die Tunnel unter der ägyptischen Grenze hindurch. "Das TNT zum Beispiel kommt aus dem Sudan über Ägypten zu uns." Andere Bauteile gelangten per Boot übers Meer nach Gaza. "Wir beziehen einiges aus Osteuropa." Bis zu 500 Dollar koste das Rohmaterial für eine große Kassam. Das Geld, mit dem sie finanziert würden, nehme denselben Weg die Materialien. "Die Blockade der Israelis trifft uns nicht, die soll nur die Bevölkerung ins Elend stürzen."
Ab und an fallen draußen Schüsse, eine Explosion hallt durch die Nacht. An der nahen Grenze wird gekämpft. Drinnen quäken die Walkie-Talkies Lageberichte, mit einem Fauchen erwacht der Gaskocher zum Leben. Ein Kessel Treibstoff wird aufgesetzt: Unter Rühren schmilzt einer der Männer einen Batzen Zuckersirup, die anderen wiegen den nitrathaltigen Dünger ab. Ganz langsam müsse man das Nitrat unter die Zuckerlösung mischen, erklären sie. "Das Zeug ist hochentzündlich." Viele seiner Freunde hätten schwere Verbrennungen erlitten oder Finger verloren, sagt Abdul und zuckt die Achseln. "Es gibt in Gaza ein Sprichwort: Wer Gift kocht, wird es auch probieren müssen."
"Wenn es ein Kind trifft, sind wir natürlich nicht froh"
Die Treibstoffproduktion ist eine heikle Sache, die wahre Gefahr aber seien die Kampfhubschrauber der Israelis, sagt Abdul. "Wir wissen, dass wir leichte Beute sind." Sein Daumen blinkt mit der Taschenlampe einen nervösen Morsecode auf den Boden der Hütte. "Wir sind bereit, zu sterben, das ist der Preis unserer Freiheit." Es bliebe den Palästinensern keine andere Wahl, als den Kampf gegen Israel mit der Waffe zu führen. "Entweder wir gehen in den Widerstand, oder sie behandeln uns wie Sklaven." Er mache sich schon Gedanken, wer von seinen Geschossen getroffen würde. "Wenn wir Soldaten töten, sind wir mehr als glücklich", sagt er. "Wenn es ein Kind trifft, sind wir natürlich nicht froh."
Es sei aber nun einmal so, dass man mit einer Kassam nicht zielen könne. "Und guck dir die Israelis an, die haben F-16 und Apache-Helikopter und könnten wunderbar genau schießen. Und trotzdem töten sie unsere Frauen und Kinder." Abdul denkt kurz nach. "Kinder dürften in keinem Krieg dieser Welt getötet werden", sagt er, der selbst noch keine hat.
Dann schickt er alle vor die Tür. "Das ist jetzt der gefährlichste Moment. Kurz bevor der Treibstoff fertig ist, kann das Zeug leicht hochgehen." Beim Tee unter dem Vordach der Hütte erzählt Abdul von seiner Laufbahn als Waffenbauer. Ein paar Stunden Theorie, dann seien er und seine Kumpels bei erfahrenen Raketenbauern in die Lehre gegangen. Er will es nicht so deutlich sagen, aber wie es scheint, hat er auch im Ausland trainiert. "Ich war in Syrien, Jordanien und noch einem Land", sagt er. In Iran? Abdul lächelt.
"Meine Mutter ist stolz auf mich"
Der Raketentreibstoff im Kessel ist fertig: ein sämiger, gelblicher Teig. Abdul trägt einen Löffel voll vor die Tür und hält ihn in das Feuer, auf dem der Tee köchelt. Eine Stichflamme schießt hoch, zischend und sprühend brennt die Nitrat-Zucker-Mischung ab. Es riecht nach Silvester-Feuerwerk, Abdul ist zufrieden. Die Masse ist bereit zum Abfüllen. Zähflüssig rinnt sie in ein Plastikrohr, in dem sie nun abkühlen muss. Die Masse umschließt einen Zünder mit langem Kabel, mit dem die Rakete später gezündet werden wird. Ist der Treibstoff ausgehärtet, wird das Plastikrohr weggeschnitten, der gelbliche Brennstoff-Zylinder in die Kassam-Hülle eingesetzt.
Die erste Kassam-Rakete dieser Nacht ist so gut wie fertig, Abdul ist ruhiger geworden. "Heute schützen uns die Wolken vor den Drohnen der Israelis." Die Witwen- und Waisenkasse des "Islamischen Dschihad" wird wohl erstmal nicht für seine Hinterbliebenen sorgen müssen. Seine Mutter, die sich so oft Sorgen um ihn macht, darf sich morgen früh freuen, dass ihr Sohn in seinem Bett aufwacht. "Sie ist ja einerseits schon stolz auf mich", sagt Abdul, der Raketenbauer. "Aber letzten Endes ist sie eben doch eine Mutter."
* Name von der Redaktion geändert
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