17. Februar 2008, 09:18 Uhr

Israels Armee

Die Tabubrecherin von Haifa

Von Ulrike Putz, Haifa

Elite-Soldaten, die Palästinenser misshandeln: Dana Behar wollte nicht wegsehen und zeigte ihre Kameraden an. Anschließend wurde sie als Verräterin beschimpft. Wegen ihres Mutes wird im Land nun über Krieg, Soldatenehre und Übergriffe diskutiert.

Haifa - Als der Soldat mit einem Joghurtbecher in der Hand auf den Gefesselten zuging, dachte Dana Behar noch: "Wie nett." Der Palästinenser kniete neben dem Eingang zur Militärbasis, die Hände hinter dem Rücken in Handschellen, die Augen mit einem Stück Stoff verbunden. "Ich dachte wirklich, mein Kamerad geht rüber, um ihn zu füttern", sagt Dana. Doch der Rekrut holt aus, schlägt dem Ahnungslosen den Joghurt samt Becher auf Mund und Nase. Der Palästinenser krümmt sich, der Soldat rammt ihm das Knie ins weiß verschmierte Gesicht. "Ich bin losgerannt und habe ihn weggezogen", berichtet Dana. Doch der Soldat ist stärker als die 20-Jährige, schüttelt sie ab, läuft weg. Der Kommandant, dem Dana Bericht erstattet, winkt ab: "Das wird nicht das letzte Mal sein, dass so etwas passieren wird. Wir können nicht jedes Mal die Schuldigen bestrafen."

Dana Behar leistete ihren Wehrdienst bei den Falschirmjägern im Westjordanland: "Ich war naiv."
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Dana Behar leistete ihren Wehrdienst bei den Falschirmjägern im Westjordanland: "Ich war naiv."

Fünf Jahre ist das her. Weil der Vorfall sie nicht losgelassen hat, sitzt Dana Behar heute in einem Café in der nordisraelischen Hafenstadt Haifa und erzählt. Die Geschichte der jetzt 26-Jährigen ist die einer enttäuschten Idealistin. Sie sei von ihren Eltern als "gute Zionistin" erzogen worden. Zu Hause sei viel über Werte und Moral gesprochen worden, erzählt Dana bei Kaffee und Quiche. Als nach der Schule und einem Freiwilligenjahr bei einer Jugendbewegung ihre Einberufung bevorstand, habe sie sich deshalb für eine im Westjordanland operierende Elite-Einheit beworben. "Ich wollte eine aufregende Zeit in der Armee, ich wollte etwas Wichtiges tun."

Es ist 2002, auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada. Dana kommt zu einer Fallschirmjägereinheit, die regelmäßig im Kampfeinsatz ist. Als eine von zehn Frauen unter 500 Männern wird Dana als "Ausbildungsoffizierin" eingesetzt: Ihr Job ist es, die Männer vor jedem Einsatz kurz an "Werte und Menschenrechte zu erinnern". "Anfangs war ich total enthusiastisch, ich habe wirklich geglaubt, dass ich etwas bewirken kann", sagt sie. Sehr schnell muss sie feststellen, dass sie "in einer Machowelt" gelandet ist, in der "Frauenthemen wie Menschenrechte" keinen Platz haben. "Ich war den Offizieren nur lästig", sagt Dana. "Ich war naiv."

In der zweiten Woche ihrer Armeezeit versucht sie, Soldaten, die von Hausdurchsuchungen zurückkommen, in ein Gespräch zu verwickeln. Doch statt das Erlebte zu reflektieren, prahlen die Soldaten. "Sie zeigten mir Gebetsketten und Korane, die sie aus den durchsuchten Häusern hatten mitgehen lassen." Dana ist schockiert. "Mir ist beigebracht worden, dass so etwas Plündern ist."

Die Kameraden spucken aus, wenn sie Dana sehen

Die junge Soldatin geht zu ihrem Vorgesetzten. Der lässt sie nicht nur abblitzen, sondern erzählt herum, dass sie versucht habe zu petzen. Monatelang wird sie von der betroffenen Kompanie geschnitten, die Kameraden spucken aus, wenn sie Dana sehen. Die hat ihre Lektion gelernt und hält künftig den Mund: "Einmal kam eine Einheit mit den Leichen zweier erschossener Terroristen zurück. Ich hatte Küchendienst und habe Lärm gehört. Hinter der Küchenbaracke standen Soldaten und haben sich gegenseitig lachend mit den Toten fotografiert. Ich habe nichts gesagt, sondern bin reingegangen und habe mich übergeben." Ihre restliche Zeit in der Armee erinnert sie als "in der Hölle".

"Warum habe ich nichts getan, warum bin ich nicht eingeschritten?" Das sind die Fragen, die Dana bis heute beschäftigen. Vor allem aber: "Wie kann es sein, dass sich meine Freunde, meine Kameraden, deren Werte ich grundsätzlich teile, auf einmal so unmoralisch verhalten?" Für Dana sind diese Fragen auch drei Jahre nach dem Ende ihres Militärdienstes brandaktuell. "Ich kann das, was ich gesehen habe, nicht verleugnen", sagt sie. Sie hat sich ihre eigene Theorie zurechtgelegt, warum die Dinge "so schlecht laufen". "Es sind die Umstände. Du bist 20, du hast Angst und du hast Macht über deine Feinde. Das bringt in jedem Menschen das Schlechteste hervor." Kein Mensch werde als Teufel geboren, sagt Dana, die ihre Mutter mit zum Interviewtermin gebracht hat. "Aber nur wenigen gelingt es, unter solchen Bedingungen menschlich zu bleiben."

Eine Soldatin lässt sich mit einem nackten Toten fotografieren

Inzwischen studiert Dana Psychologie an der Universität Haifa. Sie will verstehen, wie die menschliche Psyche funktioniert, wenn "sie auf stumm schaltet". "Es gibt in Israel ein großes Tabu: Kritik am Militär gibt es nicht, das tut man nicht." Dana will dieses Schweigen brechen, deshalb hat sie ihre Geschichte vor der Kamera der bekannten israelischen Dokumentarfilmerin Tamar Yarom erzählt. "Es wird Zeit, dass die Leute darüber reden, was in den besetzten Gebieten passiert", sagt sie. Reden, das ist für sie die Therapie nach der Therapie. Monatelang ging sie nach ihrem Militärdienst zum Psychologen, um das, was sie gesehen hatte, einzuordnen.

"Kritisieren kann man hinterher"

Vier Jahre hat es gedauert, um den Dokumentarfilm "Um zu sehen, ob ich lächele" fertig zu stellen. Dana Behar und fünf weitere Frauen erzählen, wie sie den Armeedienst in Kampfeinheiten erlebt haben. Der Titel des Films bezieht sich auf eine Episode, die einer der Frauen widerfahren ist. Sie war dafür zuständig, die Leichen von getöteten Palästinensern zu waschen, bevor diese an die palästinensischen Behörden übergeben wurden. Eines Tages hatte eine der Leichen im Tode eine Erektion. Die Soldatin ließ sich mit dem nackten Toten fotografieren - und ist heute entsetzt darüber. Sie habe sich nachher so geschämt, sie habe das Foto nie wieder ansehen wollen, sagt Meytal Sandler in dem Film. Erst viel später habe sie es wieder angeschaut: "Ich wollte sehen, ob ich lächele."

Der einstündige Beitrag hat im Dezember beim weltweit größten Dokumentarfilmfestival in Amsterdam den "Silbernen Wolf" gewonnen. Von den Festivalbesuchern wurde die israelische Dokumentation als bester Film des Jahres 2007 gewählt. Zwar gewann er auch beim israelischen Dokumentarfilmfestival in Haifa einen Preis. Als er im November im israelischen Fernsehen ausgestrahlt wurde waren die Reaktionen jedoch beileibe nicht so positiv. "Im Internet und per Leserbrief wurden wir von sehr vielen Leuten als Heulsusen beschimpft, als Verräterinnen", sagt Dana. Aber es habe auch andere Stimmen gegeben. "Von Leuten, die sagten, sie hätten zwar ähnliches erlebt, aber es sei nicht die richtige Zeit, die Armee zu kritisieren", sagt Dana. "Wir stehen mitten in einem Krieg, kritisieren kann man hinterher, das ist so ein klassisches Argument." Dana klingt müde, wenn sie sich die Schmähungen in Erinnerung ruft. "Es waren harte Wochen."

Gefreut hat Dana, dass es auch viele positive Reaktionen gab. "Ein paar Schulen haben mich eingeladen, um vor ihren Abiturienten zu sprechen." Die israelische Gesellschaft fange langsam an, sich dem Problem zu stellen. "Dabei ist es typisch, dass die Frauen die ersten sind, die den Mund aufmachen. Es gibt genügend Männer, die die Dinge ähnlich sehen wie wir, aber es fällt ihnen wohl schwer, über ihre Gefühle zu reden."

Das Schwierigste sei die Kluft zwischen ihrem zivilen Leben und dem Armeedienst gewesen, sagt Dana. "Da hat man ein paar Tage frei und sitzt wie ich heute im Café, und keiner um einen herum will hören, was man die Woche davor erlebt hat." Selbst ihrer Mutter, die ihr "den moralischen Kompass eingebaut" hat, habe sie sich nicht anvertrauen können in jener "schweren Zeit". Auch deshalb habe sie beim Filmprojekt mitgemacht, sagt Dana. Sie wollte zu den Eltern sprechen, deren Kinder demnächst eingezogen werden. "Sie schicken ihre Kinder in die besetzten Gebiete, sie haben das Recht zu wissen, dass dort nicht alles gut ist."


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