06. Dezember 1999, 12:18 Uhr

Schweizer Banken

53.000 mögliche Holocaust-Konten entdeckt

54 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollen die Schweizer Banken eines ihrer übelsten Kapitel nun schließen. Das Volcker-Komitee, eingesetzt für die Suche nach nachrichtenlosen Konten, hat seinen Abschlussbericht vorgelegt. Das Ergebnis: Es wurden 53.886 Konten mit einem möglichen Bezug zu NS-Opfern gefunden.

Zürich - Von den entdeckten Konten wurden allerdings 39.980 bereits während des Zweiten Weltkriegs oder später geschlossen, meist von den Banken oder von Konto-Bevollmächtigten. Vielfach existieren dazu keine Unterlagen mehr. Eine genaue Schätzung der Summe der entdeckten Vermögen gab das Komitee nicht. Dies könne erst geschehen, wenn sich die Anspruchsberechtigten bei den Banken gemeldet hätten, hieß es.

Der amerikanische Bankier Paul Volcker, Leiter des internationalen Gutachtergremiums
DPA

Der amerikanische Bankier Paul Volcker, Leiter des internationalen Gutachtergremiums

Die Revisoren des Komitees entdeckten auch 417 Konten von Verfolgten, die von den Banken während des Zweiten Weltkriegs auf Anweisung der Nationalsozialisten aufgelöst worden waren. Die Banken händigten das Geld damals den deutschen Behörden aus.

Außerdem fand das Volcker-Komitee bei den Schweizer Banken 1600 Konten, die möglicherweise deutschen Nationalsozialisten oder Nazi-Kollaborateuren gehörten. Die tatsächliche Herkunft dieser Gelder müsse aber die Schweizer Bergier-Kommission für die Untersuchung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg klären, sagte ein Vertreter der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg).

Diese möglichen Nazi-Konten seien durch einen Vergleich mit Namenslisten von NS-Verbrechern ermittelt worden. "Vielleicht findet sich darunter kein einziger Nazi und es sind nur Allerweltsnamen wie Hans Meier, die zufällig übereinstimmen", sagte er. Sollte es sich in einigen Fällen jedoch wirklich um Vermögen von Nazi-Verbrechern handeln, müsse die Regierung in Bern darüber entscheiden, was mit dem Geld geschehen solle. "Die SBVg ist überzeugt, dass dieses Kapitel in der Geschichte des Finanzplatzes Schweiz nun geschlossen werden kann."

Laut Volcker-Bericht gibt es entgegen früheren Behauptungen einiger jüdischer Organisationen keine Anhaltspunkte für eine systematische Zerstörung von Kontounterlagen der Opfer des Nationalsozialismus durch die Schweizer Banken. "Es gibt jedoch bestätigte Anzeichen für fragwürdige und unlautere Vorgehensweise einzelner Banken bei der Behandlung der Konten von Opfern, unter anderem die Vorenthaltung kontorelevanter Informationen gegenüber Holocaust-Opfern." Der Bericht nennt einige Fälle, in denen Holocaust-Überlebende oder ihre Erben von Bankangestellten bewusst hingehalten worden waren.

Dabei habe bei den Banken, die Geld an die Nazis überwiesen hätten, zum Teil auch die Angst vor Enthüllungen und Rechtsstreitigkeiten eine Rolle gespielt, erklärte das Komitee, das vom früheren US-Notenbankchef Paul Volcker geleitetet wird.

Abschließend sprach sich das Volcker-Komitee dafür aus, die anspruchsberechtigten Holocaust-Opfer und ihre Erben aus der Vergleichssumme von 1,25 Milliarden US-Dollar zu entschädigen, auf die sich die Großbanken UBS und Credit Suisse im August vergangenen Jahres in New York geeinigt hatten.

Auf den ersten beiden Listen der Banken von 1997 waren insgesamt 5570 ausländische Konten mit rund 67 Millionen Franken verzeichnet, deren Besitzer sich seit Kriegsende nicht mehr gemeldet hatten.


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