16. Juli 2008, 07:00 Uhr

Guantanamo-Gefangener

Geheimdienstberichte offenbaren Details zum Fall Khadr

Von Yassin Musharbash

Er machte Bodybuilder-Posen, urinierte auf Familienfotos und las mit US-Soldaten Harry Potter: Aufschlussreicher als das Video des Guantanamo-Gefangenen Omar Khadr sind Berichte kanadischer Geheimdienstler. Sie dokumentieren die Dramatik des Falls - und seine Tragik.

Berlin - Bücher: Das war alles, was Omar Ahmad Khadr, damals 16 Jahre alt, von den Beamten seiner Regierung verlangte, als diese ihn im Februar 2003 besuchten. Über ein halbes Jahr war Khadr da schon Insasse des US-Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba.

Omar Ahmad Khadr: Eine Jugend in Guantanamo

Omar Ahmad Khadr: Eine Jugend in Guantanamo

Die Mitarbeiter des kanadischen Außenamt-Nachrichtendienstes rührte dieser Wunsch ganz offensichtlich an: "Wenn es in der Zukunft möglich sein sollte, wäre es hilfreich, wenn Mister Khadr an einem Fern-Studienprogramm teilnehmen könnte", schrieben sie. "Einmal, um ihm dabei zu helfen, sich zu bessern; und zum zweiten, um ihm eine intellektuelle Beschäftigung zu bieten, die nicht von Extremisten kontrolliert wird, mit denen er inhaftiert ist."

Khadr sei schließlich nicht dumm, nur ungebildet. Außerdem habe ein US-Soldat eine gute Beziehung zu ihm aufbauen können, indem er mit dem Kanado-Afghanen Harry Potter-Bücher gelesen habe.

Guantanamo als potentielle Besserungsanstalt? Was heute bizarr anmutet, schien 2003 noch eine - wenn auch theoretische - Möglichkeit zu sein. Der Bericht der kanadischen "Foreign Intelligence Division", datiert auf den 20. Februar 2003 und als "secret" eingestuft, spiegelt auch an anderer Stelle wider, dass man damals schlicht nicht wusste, was genau die befreundete Regierung der USA auf Kuba eigentlich tat - und wie es mit dem Insassen weitergehen sollte. Gerüchteweise, heißt es in dem Bericht, planten die USA, auf Guantanamo Tribunale abzuhalten. "An diesem Punkt, so kann man annehmen, könnten wir dann konsularischen Zugriff auf Khadr bekommen."

Die Geheimberichte sind seit Tagen öffentlich

Mittlerweile sind noch einmal über fünf Jahre vergangen, und Omar Khadr ist nach wie vor in Guantanamo inhaftiert. Am Dienstag erinnerte sich die Welt noch einmal an den jungen Mann. Denn seine kanadischen Anwälte veröffentlichten Ausschnitte aus Videos, die aufgenommen wurden, während er 2003 von den kanadischen Beamten befragt wurde.

Die Videos zeigen einen verzweifelten jungen Mann, der um Hilfe fleht und über Folter klagt. Es sind eindrucksvolle Bilder.

Doch noch beeindruckender als die verschwommenen Aufnahmen mit kaum hörbaren Dialogen sind die Berichte, die die kanadischen Befrager und die US-Wärter seinerzeit anfertigten. Erst vor wenigen Tagen wurden sie von der kanadischen Regierung freigegeben - und im Gegensatz zu dem Video erregten sie kaum Aufsehen. Die New Yorker Nefa-Foundation hat sie veröffentlicht.

Aus dem freigegebenen Dokumentenkonvolut geht nicht nur der Kontext der aufgetauchten Videos hervor, sondern noch ein weiteres Details: Das Treffen 2003 mit insgesamt gut acht Stunden Befragungszeit war nicht das Einzige; ein gutes Jahr später durfte erneut ein kanadischer Geheimdienstler zwei Stunden lang mit Khadr reden.

Der habe mittlerweile "seinen Babyspeck verloren" und sei ein "gut aussehender 17-Jähriger", heißt es in dem entsprechenden Bericht vom April 2004.

Wie schon beim ersten Besuch sei Khadr allerdings nur kurzzeitig kooperativ gewesen. Auf die Frage, warum er lüge oder nicht antworte, sagte er 2004: "It's fun!" ("aus Spaß!"). Die Hardliner unter den Gefangenen hätten Einfluss auf ihn gewonnen, schloss der Kanadier und vermutete, Mitinsassen hätten ihn "trainiert".

Ebenfalls wie schon beim ersten Besuch kamen die Kanadier 2004 zu dem Schluss, Khadr sei "die Schwierigkeit seiner Lage" nicht bewusst. Khadr vermute wohl, die Kanadier könnten ihn aus Guantanamo rausholen, wenn sie nur wollten. Mal verweigerte er die Zusammenarbeit, mal machte er Geständnisse, dann nahm er sie wieder zurück - nur um zu versprechen, alles zu verraten, wenn er erst in Kanada sei.

Viel Verwertbares bekamen die Kanadier bei beiden Treffen letztlich nicht heraus. Es ging ihnen wohl weniger darum, Khadr zu verhören, als vielmehr darum, eine Einschätzung seiner Lage zu erhalten. In den Berichten geht es genau so oft um Beobachtungen über Guantanamo wie über Khadr als Fall. Die Frage, ob Khadr wirklich einen US-Soldaten tötete, wird zwar durchaus thematisiert. Aber es finden sich ebenso ausführliche Beschreibungen seiner Stimmung ("wechselhaft"), seines Gesundheitszustandes ("gesund"), seiner Person ("könnte ein guter Student sein") und seines Verhaltens.

Khadr verleugnete seine Familie

Aber eindeutig ist das Bild nie. So beschrieb ihn der kanadische Beamte, der ihn 2004 befragte, zugleich als einen "jungen Mann, der völlig erledigt ist". Beispiele für irritierendes Verhalten lieferte er mit. So habe Khadr vor einem vermeintlichen Spiegel, der in Wahrheit ein Fenster war, durch das die Wärter in den Verhörraum schauen konnten, Bodybuilder-Posen gemacht. Als Pentagon-Verhörer ihm ein Foto seiner Familie vorgelegt hätten, habe Khadr zwei Mal behauptet, keinen der Abgebildeten zu kennen - sodann beide Male seine Hose heruntergezogen und auf das Foto uriniert. Die Verhörer hätten ihn schließlich allein zurückgelassen. Nach zweieinhalb Stunden, Khadr habe vermutlich gedacht, er sei nun unbeobachtet, habe er schließlich seinen Kopf neben das Foto auf die Tischplatte gelegt - und zwar "in einer Weise, die als liebevoll beschrieben wurde".

Von dem US-Kollegen, dessen Aufgabe es war, das Vertrauen Omar Ahmad Khadrs zu gewinnen und ihm mögliche Geheimnisse zu entlocken, hielt der kanadische Besucher aus dem Jahr 2004 unterdessen nicht viel: "Er versucht eher, Omar einzuschüchtern oder zum Sprechen zu zwingen, als ihn zu Kooperation zu überreden", schrieb der kanadische Mitarbeiter der "Foreign Intelligence Division" über den Mann, dessen Name in dem Dokument geschwärzt ist. Der US-Verhörspezialist scheine "keinen durchdachten Plan" für seine künftigen Interviews mit Khadr zu haben.

2003 hatten die Kanadier noch einen positiveren Eindruck von dem Lager gehabt: Die medizinische Versorgung sei gut, die Ernährung ausreichend und die Behandlung der Gefangenen sei "professionell, unemotional und erfolge 'nach Zahlen'" - das Protokoll habe zum Ziel, keinen Anlass für Klagen über Misshandlungen zu liefern. Die "Zellen" oder "Käfige" hätten die kanadischen Besucher allerdings nicht sehen dürfen.

Jährliche Besuche bei Osama Bin Laden

Omar Ahmad Khadr ist einer der prominenteren Guantanamo-Insassen. Doch nicht etwa weil er die Anschläge vom 11. September 2001 mitgeplant hatte. Sondern vor allem, weil er so jung war: Als 15-Jährigen griffen die US-Soldaten ihn 2002 in Ostafghanistan im Anschluss an ein Feuergefecht auf. Khadr wird vorgeworfen, mit einer Handgranate einen US-Soldaten getötet zu haben.

Er stammt außerdem aus einer illustren Familie: Sein Vater war ein enger Vertrauter des Qaida-Gründers Osama Bin Laden. Einmal jährlich besuchten Vater und Sohn den Saudi-Araber und andere Qaida-Größen wie Aiman al-Sawahiri oder Saif al-Adl. Der Vater, der ein knappes Jahr nach Omars Festnahme in einem Gefecht in Pakistan getötet wurde, soll dafür gesorgt haben, dass sein Sohn Privatunterricht in Terrorismus bekam. Khadr bestreitet das, ebenso wie die Tötung des US-Soldaten. Zwischenzeitlich soll er die Tat zwar gestanden haben; später widerrief er aber. Auch das geht aus den kanadischen Akten hervor.

Doch nicht nur die Kanadier verfassten Berichte über die Treffen mit Khadr. Auch die US-Beamten, die den Besuch aus dem Norden betreuten, verschriftlichten, was sie von den Interviews mitbekamen. Denn die Gespräche mit Khadr wurden per Video aufgezeichnet. Insgesamt vier Bänder fassten die Amerikaner zusammen, nachdem die Kanadier wieder abgereist waren.

Aus diesen Protokollen wiederum geht hervor, welche Details die kanadischen Befrager interessierten, etwa Informationen zu Bankkonten, die Khadrs Vater benutzte oder die Frage, ob seine Großmutter darauf Zugriff hatte.

Viel aus den Gesprächen sei wegen der schlechten Tonqualität aber unverständlich gewesen, klagten die US-Beamten. Einiges spricht unterdessen dafür, dass die Bänder, die sie beschrieben, eben jene sind, die Khadrs Anwälte nun veröffentlichten.

Zwischen den Zeilen verbergen die Berichte im Übrigen noch ein weiteres Drama - ein familiäres: Im Gegensatz zu seinen Besuchern und Verhörern wusste Khadr nämlich nicht, dass sein Vater bereits tot war. Zudem forderte er bei beiden Besuchen, dass er seinen Bruder sehen könne - Khadr vermutete, dass dieser ebenfalls in Guantanamo untergebracht war. Bestätigt wurde ihm das nie.


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