15. Februar 2010, 09:57 Uhr

Chimerica

Supermacht mit Superschulden

Von Gabor Steingart, Washington

Das haben sich die USA selbst eingebrockt: Mit Hingabe haben sie Geld verprasst, das sie sich in Peking geliehen haben. Jetzt wettert Obama gegen die chinesische Geldpolitik, dabei sollte er lieber das Geschick der neuen Weltmacht anerkennen. Und seiner Nation endlich das Sparen beibringen.

Es ist wichtig, Freunde zu haben, heißt es immer wieder. In der Politik aber ist es genauso wichtig, Feinde zu haben. Gegnerschaft verbindet.

So ist es kein Wunder, dass der in Bedrängnis geratene US-Präsident Barack Obama da anknüpft, wo sein Vorgänger George W. Bush aufgehört hatte: beim Beschimpfen der Chinesen. Deren Währungspolitik schade den Arbeitsplätzen in den USA, sagte er jüngst. Das kommt an. Das stimmt sogar. Aber das nützt nichts.

Die USA sind der weltgrößte Schuldnerstaat und damit in der denkbar schwächsten Position, sich gegenüber der Volksrepublik China durchzusetzen. Von jedem Dollar, den Obama 2010 ausgeben will, sind 30 Cents geliehen. Das Leihgeld stammt zu einem großen Teil aus China.

Es wäre klüger, die USA würden sich ihre Vorhaltungen sparen und von den Chinesen lernen. Deren Finanzsituation ist - gemessen an der amerikanischen - mehr als rosig. Ihre Währungspolitik zeugt von großer Raffinesse.

Die Zeit des billigen Geldes geht zu Ende

Die Chinesen verschulden sich nicht, sondern sparen. Sie tun das mit der gleichen Hingabe, mit der Amerika das Geld verjubelt. Über zwei Billionen Währungsreserven hat die Pekinger Staatsbank gehortet. Amerika dagegen arbeitet bei nur kleiner Dollarreserve mit einem Staatsdefizit im XXL-Format. Knapp 14 Billionen Dollar sind es derzeit.

In China wird die expansive Geldpolitik, die im Gefolge der Finanzkrise den labilen Geldkreislauf stabilisieren half, behutsam wieder beendet. Die Regierung hob die Zinssätze deutlich an und zwingt die privaten Banken, größere Reserven vorzuhalten. Die ausgereichte Liquidität soll so wieder eingesammelt werden. Die Zeit des billigen Geldes geht zu Ende.

In Amerika kann man sich zu einem "Exit" aus der schuldenfinanzierten Anti-Krisenpolitik nicht entschließen. Die Federal Reserve Bank verleiht das Geld weiter zu einem Zinssatz nahe der Nullgrenze. Mit Milliardensummen stabilisiert sie außerdem den Immobilienmarkt. So will man sich den Aufschwung kaufen. Bezahlt wird allerdings später.

Chinas Geldpolitiker treten international nicht als Bittsteller, sondern als Retter auf. Man beginnt Staatsanleihen auch im Ausland zu verkaufen, obwohl das Land keinerlei Leihgeld von außerhalb benötigt. Doch viele Staaten, zum Beispiel Brasilien, Indien und Russland, sind froh, eine Alternative zum US-Anleihemarkt zu besitzen. Sie kaufen Chinas Anleihen, und die Chinesen wiederum kaufen mit diesem Geld russische, indische und brasilianische Anleihen. So entsteht ein zweiter Geldkreislauf neben dem Dollar.

Das löst den Dollar als Weltwährung auf absehbare Zeit nicht ab, aber es hilft, seine Ablösung vorzubereiten. Xiao Gang, der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bank of China, sagte bereits vergangenen Sommer: "Die Zeit ist reif, den Yuan zu internationalisieren."

China agiert wie eine Mini-Weltbank

Amerika hingegen ist in der Geldpolitik mit sich selbst beschäftigt. Es ignoriert die Mahnungen vor steigender Inflationsgefahr und dem Heranwachsen einer neuen Spekulationsblase - und isoliert sich so. China schmiedet derweil neue Allianzen.

Ohne öffentliches Aufsehen zu erregen, beteiligte sich die Volksrepublik China als Anteilseigner an nahezu allen regionalen Entwicklungsbanken der Welt. Wie eine Mini-Weltbank greift China damit den notleidenden Staaten in Lateinamerika, Afrika und Asien unter die Arme. Auch der Anteil am IWF wurde um 50 Milliarden Dollar aufgestockt. Nicht chinesische Soldaten, sondern chinesische Geldexperten treiben so die Expansion ihres Landes voran - lautlos, aber effizient.

Das Fundament der Dollarhegemonie ist das Ölgeschäft. Rund sechs 2,2 Billionen Dollar werden pro Jahr mit den Öl-Förderstaaten in der US-Währung umgesetzt. "Der Dollar ist wie Englisch", sagt deshalb Obamas oberster Wirtschaftsberater Larry Summers.

Doch China, ebenfalls ein großer Ölkonsument, sprich mit seinen Lieferanten bereits über andere Zahlungsmodalitäten. Man würde gern in Yuan die Rechnung begleichen. Die Ölstaaten könnten dafür zwar nicht weltweit einkaufen, aber in China. Man spricht Mandarin, würde es dann heißen.

China redet schlecht über den Dollar - und nutzt so den eigenen Interessen. Sinkt der Dollar gegenüber Euro und Yen, sinkt auch der Yuan. Denn der ist an den Dollar gekoppelt. Der Fall des Yuan wiederum hilft beim Exportieren nach Europa und Asien.

Mittlerweile werden deutlich mehr Waren in der EU abgesetzt als in den USA. Wohl selten hat ein Staat die Instrumente der staatlichen Geldpolitik so planmäßig zum Einsatz gebracht. Obama schimpft, China wächst, und wir alle sind verwirrt.

In unseren Lehrbüchern war eine derart kluge Planwirtschaft nicht vorgesehen. Die Welt der Planwirtschaften sei "eine völlig erstarrte, künstlich verfälschte, reaktionsunfähige Scheinordnung", so sagte einst Ludwig Erhard. Sie werde "wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen".

Heute würde Erhard angesichts der asiatischen Erfolge sicher anders urteilen. Denn China hat einen Plan, Amerika offenbar nicht.


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