Zu viele Plätze, zu wenig Wohnungen 100.000 Flüchtlingsbetten ungenutzt

Der große Flüchtlingsandrang ist vorbei, als Folge sind derzeit bundesweit etwa 100.000 Plätze in Notunterkünften frei. Nun stellt sich ein anderes Problem: Es fehlt günstiger Wohnraum.

Leerer Flüchtlingswohnraum in einer Bremer Kirche
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Leerer Flüchtlingswohnraum in einer Bremer Kirche


Gut zwei Jahre nach dem großen Flüchtlingsandrang in Deutschland sind in Erstaufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünften rund 100.000 Plätze nicht belegt - obwohl viele Bundesländer die damals eilig aufgebauten Kapazitäten bereits deutlich reduziert haben.

Das neue Problem: Für die vielen Zugezogenen gibt es nicht genügend ordentlichen Wohnraum. In Ballungsräumen gibt es zunehmend Schwierigkeiten, Zuwanderer dauerhaft mit Wohnungen zu versorgen, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Insgesamt sind die Zahlen neuer Flüchtlinge in Deutschland stark zurückgegangen. In Berlin leben derzeit noch rund 3700 Flüchtlinge in Notunterkünften wie alten Kasernen- oder Bürogebäuden. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sind Erstaufnahmen und Flüchtlingsheime mit 22.000 Plätzen belegt - das ist nur die Hälfte momentanen Kapazität. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise waren 78.000 Plätze mit 50.000 Flüchtlingen belegt.

In Hessen kamen zum Jahresende 2800 Flüchtlinge auf gut 10.000 Plätze in Erstaufnahmen, in Baden-Württemberg 5100 auf 15.600 Plätze. Hinzu kommen im Südwesten noch 75.000 Plätze in Flüchtlingsheimen, 29.000 davon stehen leer.

Leerstand in unterschiedlichem Maße melden auch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Brandenburg, Hamburg und Rheinland-Pfalz. In Bayern lebten zuletzt 8000 Zuwanderer in Erstaufnahmeeinrichtungen und 30.000 in Heimen (Stand von Ende Oktober). Dem standen Kapazitäten von zusammengenommen 45.000 Plätzen gegenüber. Aus Niedersachsen hieß es hingegen, in den Erstaufnahmen und Ankunftszentren für bis zu 5000 Menschen sei - mit Ausnahme von Sanierungsmaßnahmen - kein Platz unbesetzt.

Bundesländer kündigen weiteren Abbau an

Etliche Bundesländer gaben an, die Aufnahmekapazitäten weiter verringern und umbauen zu wollen. Allerdings bestehen Unsicherheiten darüber, wie sich die Flüchtlingsbewegungen von Afrika und Asien nach Europa weiter entwickeln.

"Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass sich die Situation schlagartig verändert und wieder sehr viel mehr Flüchtlinge den Weg nach Deutschland finden", sagte etwa Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Der Bund müsse die Länder mit einer Art Frühwarnsystem besser auf dem Laufenden halten als 2015, forderte der Minister.

Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) erklärte, die Länder würden auch weiter Reserven vorhalten, um im Bedarfsfall schnell reagieren zu können. "So ist sichergestellt, dass wir nötigenfalls innerhalb weniger Wochen die Kapazitäten wieder deutlich erhöhen können."

Probleme mit der "Anschlussunterbringung"

Für die dauerhafte Unterbringung von Asylbewerbern nach Erstaufnahme und mitunter folgender, zeitlich begrenzter Erstunterbringung in Landeseinrichtungen sind in der Regel die Kommunen zuständig. Und hier gibt es oft erhebliche Probleme, den Menschen reguläre Wohnungen anzubieten. Vielerorts mangelt es an erschwinglichem Wohnraum.

Unter anderem der Städtetag Baden-Württemberg etwa klagt über Engpässe bei der sogenannten "Anschlussunterbringung". Aus Bremen heißt es, der Wohnungsmarkt sei "eng geworden". Auch Hessen kennt das Problem und will mit einem "Masterplan Wohnen" gegensteuern. Berlin plant, alle Notunterkünfte bis Ende 2018 zu schließen oder umzubauen. Alternativ sollen bis zu 60 sogenannte modulare Unterkünfte (MUF) entstehen, die später auch Studenten und anderen Menschen mit weniger Geld offenstehen sollen.

cht/dpa



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