Von Clemens Höges
"Ohne Gnade" werde er die Rebellen niederringen, hatte Muammar al-Gaddafi gedroht, "Haus um Haus, Straße um Straße". Und eigentlich waren sie alle schon so gut wie tot, an diesem 19. März, einem Samstag, nur vier Wochen nach Beginn der Revolte in Libyen.
Gaddafis Armee stand schon in den Vororten der Rebellen-Hauptstadt Bengasi im Nordosten Libyens. Aber am Nachmittag hörten die Menschen dann plötzlich zwischen dem Rattern der Maschinengewehre und den dumpfen Schlägen der Granaten ein neues Geräusch, ein fernes Grollen, hoch in der Luft: Ein Geschwader französischer Jagdbomber, "Rafale"-Jets und "Mirage", fauchte über das Mittelmeer auf Libyens Küste zu.
Um genau 16:45 Uhr griffen sie an. Ihre Laser-gesteuerten Bomben und Präzisionsraketen trafen Panzer und Fahrzeuge der Gaddafi-Truppen südlich der Hafenstadt.
"Operation Harmattan" hatten Frankreichs Generäle ihren Plan genannt. Der "Harmattan" ist ein Wüstensturm, hart und heiß - und die Jets brachten die Wende im Kampf um Libyen. Ohne sie wäre der Aufstand gescheitert.
Zwischen den Häusern Bengasis kämpften die Aufständischen um ihr Leben. Frauen und Kinder starben, Menschen flohen in vollgepackten Autos, nur noch eine Straße war sicher, Richtung Osten zur ägyptischen Grenze hin. Die Uno bereitete sich darauf vor, Hunderttausende von Flüchtlingen zu versorgen.
Rebellenführer Mustafa Abdel Dschalil bettelte um Hilfe. "Alle Distrikte von Bengasi werden jetzt mit Raketen und Artillerie angegriffen", sagte er dem Sender Al-Dschasira. "Es wird eine Katastrophe geben, wenn die internationale Gemeinschaft die Resolution des Uno-Sicherheitsrats nicht umsetzt."
Im fernen Paris debattierten zur selben Zeit Politiker des Westens mit Arabern und Afrikanern, was sie tun sollten. Die Uno hatte ihnen erlaubt zu schießen, um die Libyer vor ihrem Diktator zu schützen. Es sah nur nicht so aus, als würden sie sich schnell genug einigen, es ging ja nur noch um Stunden.
Doch dann handelte Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy als erster. Nach dem Angriff seiner Jagdflugzeuge brach die Hölle erst richtig los. Welle um Welle flogen nun Bomber anderer Nato-Partner über Libyen, Engländer und US-Amerikaner vor allem, aber auch Dänen halfen, Italiener, Spanier. Nur die Deutschen fehlten, sie wollten sich nicht mit Gaddafi anlegen.
Aber die Nato kam auch ohne die Bundeswehr klar: Von zwei amerikanischen Kriegsschiffen und einem britischen U-Boot im Mittelmeer stiegen über 100 Cruise Missiles in den Himmel, die ganze Nacht hindurch blitzte und donnerte es am Himmel über Libyen. Am nächsten Morgen war Gaddafis Luftwaffe zerstört, seine Flugabwehr weitgehend außer Gefecht, und im Süden von Bengasi qualmten die zerrissenen Wracks seiner Panzer.
Zehntausende Opfer
In den Monaten danach vernichteten die Nato-Bomber fast alle schweren Waffen des Gaddafi-Regimes. Nur so konnten die Rebellen sich den Weg freikämpfen. 50.000 Menschen sollen gestorben sein, schätzt der Nationale Übergangsrat, der das Land nun regiert. Das ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen, aber Zehntausende von Opfern werden es schon sein.
Im August eroberten Aufständische aus den Bergen des Südwestens dann die Hauptstadt Tripolis - und am 20. Oktober endete der Krieg, als Kämpfer den einstigen Diktator aus einer Betonröhre bei Sirt scheuchten, wo er sich versteckt hatte. Der Diktator blutete, Kämpfer zerrten an seinen Haaren, sie traten ihn wie einen Hund. Einer schlug ihn mit einem Schuh. Gaddafi starb kurz danach durch einen Schuss in den Kopf. Die Rebellen brachten seine Leiche nach Misurata.
Als dann Kämpfer aus Zintan Gaddafis Sohn und einstigen "Kronprinzen" Saif al-Islam fassten, schleppten sie ihn als erstes in ihre Stadt in den Bergen - wie eine Trophäe, wie ein Faustpfand. Denn der eine Krieg mag zu Ende sein - aber der nächste Kampf hat gerade erst begonnen.
Es geht um die Macht im Land. Die Brigaden immer schon verfeindeter Stämme geraten aneinander, kämpfen gegen die Armee, gegen ehemalige Gaddafi-Loyalisten, und am schlimmsten: Sie lehnen sich gegen den Übergangsrat auf.
Libyen ist voller Waffen und voller junger Männer, die nichts zu tun haben. Es werde "Zeit brauchen", die Milizen zu entwaffnen, sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta vor kurzem in Tripolis. Er sei aber zuversichtlich, dass der Übergangsrat mit den wilden Truppen ein "einiges Libyen" schaffen könne.
Hoffen kann man das.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Jahresrückblick 2011 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH