11. September 2001 Ankläger erwägen Aufgabe im Moussaoui-Prozess

Nach Ausschluss ihrer wichtigsten Zeugen vom US-Terrorprozess gegen den Franzosen Moussaoui denkt die Staatsanwaltschaft darüber nach, ihre Forderung nach der Todesstrafe aufzugeben. Gleichzeitig versuchen sie, die Richterin umzustimmen und die Zeugen doch noch zuzulassen.


Alexandria - Die Bundesstaatsanwaltschaft bat Richterin Leonie Brinkema, ihre Entscheidung zu überdenken. In einem gestern beim Bundesgericht in Alexandria eingegangenen Antrag bezeichneten die dem Justizministerium direkt unterstehenden Ankläger die Entscheidung der Richterin als "unverhältnismäßig"; sie gefährde einen wichtigen Teil der Argumentation der Anklage gegen den Franzosen Zacarias Moussaoui.

Brinkema hatte am Dienstag entschieden, zentrale Zeugen der Anklage wegen eines groben Verstoßes gegen die Prozessordnung auszuschließen: Zuvor war bekannt geworden, dass eine Regierungsanwältin heimlich versucht hatte, die Aussage der Zeugen zugunsten der Anklage zu beeinflussen. Die Richterin vertagte den Prozess auf Montag, um der Bundesanwaltschaft Zeit zu geben, ihre nächsten Schritte zu prüfen. Auch nach dem Antrag von gestern bleibt ihr die Möglichkeit, den Richterbeschluss beim Bundesberufungsgericht in Richmond im US-Bundesstaat Virginia anzufechten.

Sollte es bei dem Ausschluss bleiben, erwägt die Staatsanwaltschaft offenbar, nicht mehr länger an ihrer Forderung nach der Todesstrafe festzuhalten. "Nach Ihrer Entscheidung wissen wir ehrlich gesagt nicht, ob es sich für uns überhaupt noch lohnt weiterzumachen", sagte Chefankläger Robert Spencer am Dienstagabend bei einer Telefonkonferenz mit Richterin Brinkema, weiteren Staatsanwälten und dem Verteidiger Edward MacMahon, wie aus einer gestern veröffentlichten Transkription hervorging.

In dem bislang einzigen US-Verfahren um die Terroranschläge des 11. September 2001 geht es nur noch um das Strafmaß, da Moussaoui bereits gestanden hatte, von den Anschlagsplänen gewusst zu haben. Die Anklage fordert Todesstrafe wegen Beihilfe zum 3000fachen Mord: Sie will nachweisen, dass der bereits drei Wochen vor dem 11. September festgenommene Franzose mit einer rechtzeitigen Enthüllung des Komplotts den Behörden hätte helfen können, die Anschläge zu verhindern.

phw/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.