Auftakt im 9/11-Prozess von Guantanamo Chaotische Szenen in Camp Justice

Sie schreien, beten oder strafen das Gericht mit Missachtung. Zum Auftakt des Prozesses um die Terroranschläge von 9/11 haben die Verdächtigen versucht, die Verlesung der Anklage zu boykottieren. Kaum begonnen, droht das Verfahren von Guantanamo im Chaos zu versinken.

Aus Guantanamo berichtet


Ihre Waffen sind das demonstrative Schweigen, provozierende Gesten des Desinteresses und teils schrille Zwischenrufe: Vor einem Militärgericht auf der US-Militärbasis Guanatamo Bay haben die vier mutmaßlichen Chefplaner der Terror-Attacken vom 11. September und vier weitere Angeklagte zum Auftakt des Verfahrens versucht, die Verlesung der Anklage und damit den Prozessstart zu blockieren.

Bis zum Mittag (Ortszeit) sorgte die Verweigerungshaltung von Chalid Scheich Mohammed und den anderen mutmaßlichen Terroristen für lange Verzögerungen des Jahrhundertprozesses. Es ist der zweite Anlauf der US-Regierung für eine juristische Aufarbeitung der Anschläge der al-Qaida, mehr als zehn Jahre nach den verheerenden Anschlägen.

In dem eigens errichteten Gerichtsgebäude im sogenannten Camp Justine verweigerten owohl Mohammed, weltweit bekannt unter dem Ermittler-Akronym KSM, als auch die vier mutmaßlichen Mitverschwörer von Beginn der Verhandlung an jegliche Antwort auf die Fragen des Richters, Militär-Oberst John Pohl.

Mohammed, der sich bei früheren Anhörungen in Guantanamo Bay sehr redselig gezeigt hatte, erschien im weißen Gewand, auf dem Kopf einen weißen Turban. Den langen Bart, den er sich seit seiner Festnahme im Jahr 2003 wachsen ließ, hat sich der 47-Jährige offenbar mit Henna rot-bräunlich gefärbt. Aus Protest gegen das Gericht antwortete er noch nicht einmal auf die Frage, ob er den Richter akustisch verstehe.

In den ersten Stunden des Terror-Prozesses spielten sich in dem weiß getünchten Hochsicherheitsraum chaotische Szenen ab. Während Richter Pohl versuchte, Ordnung in das Verfahren zu bringen und mit der Verlesung der Anklage zu beginnen, standen die Angeklagten immer wieder auf, begannen ostentativ mit Gebeten und knieten auf mitgebrachten Gebetsteppichen. Wenn Pohl sie ansprach, lasen sie demonstrativ im Koran oder in Gerichtspapieren.

Angeklagter Binalshibh: Gebrüll vor Gericht

Ramsi Binalshibh, der als Anführer der Terror-Zelle der Hamburger Todes-Piloten gilt, brüllte zwischendurch ungefragt los. Er werde im Camp 7 des Lagers bedroht, schrie er sichtbar verwirrt, morgen schon könne er tot sein. Der Richter ermahnte ihn daraufhin, zu schweigen.

Mit ihrer Verweigerungshaltung und ihren Gesten wollen die Angeklagten offenkundig gegen das aus ihrer Sicht ungerechte Militärgericht und ihre Behandlung in den letzten Jahren protestieren. Alle fünf Männer waren nach den 9/11-Anschlägen zunächst von der CIA entführt, jahrelang in Geheimgefängnissen festgehalten und dort gefoltert worden. Erst 2006 wurden sie in das Militärgefängnis Guantanamo Bay gebracht, dort wollte ihnen die Bush-Regierung vor Militärgerichten den Prozess machen. Die Tribunale wurden 2009 vom damals neu ins Amt gekommenen Präsidenten Barack Obama gestoppt. Nachdem der Plan der neuen US-Regierung für reguläre Prozesse gegen die Terror-Verdächtigen gescheitert war, reformierte man die Tribunale.

Mehrmals versuchten die Anwälte der mutmaßlichen Terroristen am Samstag, Anträge gegen die Eröffnung des Verfahrens durch die Verlesung der Anklage einzubringen. Richter Pohl jedoch wiegelte das ab. Streng im Ton machte er klar, dass aus seiner Sicht zunächst die Anklage verlesen werden sollte, dann könnten die Anwälte ihre Anträge stellen.

Mehrere Opfer-Familien verfolgen den Prozess vor Ort

In der Anklage, die auf die Verhängung der Todesstrafe ausgerichtet ist, wirft das Militär den Angeklagten Terrorismus, Flugzeugentführung, Verschwörung, Mord, Angriff auf Zivilisten, vorsätzliche schwere Körperverletzung und Zerstörung von Eigentum. Von den 88 Seiten der Anklageschrift werden allein auf 67 Seiten die Namen der 2936 Todesopfer der Anschläge aufgelistet.

Der erste Tag des Verfahrens wird weltweit mit großem Interesse beobachtet. Allein in Guantanamo sind rund 50 internationale Reporter angereist, auch mehrere Opfer-Familien verfolgen den Prozessstart vor Ort.

Daneben hat das US-Militär in mehreren Basen Videoübertragungen eingerichtet, so soll auch die Transparenz des Verfahrens unterstrichen werden. Die US-Regierung will nach dem Scheitern des noch unter Obamas Vorgänger George W. Bush begonnenen Militärtribunals beweisen, das die von ihr leicht reformierten Kommissionen des Militärs nun eine gerechte Aufarbeitung der Terror-Anschläge leisten können. Bürgerrechtler haben die neuen Verfahren trotzdem bereits massiv kritisiert und als illegal gebrandmarkt.

Der wirre Vormittag des Prozessstarts gab einen Vorgeschmack auf ein möglicherweise chaotisches Verfahren gegen die mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge, die Amerika in seinen Grundfesten erschüttert haben. Selbst wenn die Anklage am Samstag schließlich verlesen werden kann, wird das Gericht Monate brauchen, um mit dem eigentlichen Prozess zu beginnen. Die Anwälte haben bereits angekündigt, sowohl die Legitimität des Gerichts als auch den Umgang mit Beweisen angreifen zu wollen. Obwohl die Regierung versprochen hat, keine unter Folter gewonnenen Erkenntnisse in dem neuen Anlauf benutzen zu wollen, schweben die Exzesse der Bush-Regierung noch immer wie ein Damoklesschwert über dem Verfahren.

SPIEGEL-ONLINE-Chefreporter Matthias Gebauer verfolgt die Terrorprozesse in Guantanamo Bay seit mehreren Jahren. Er beobachtete die erste Militärkommission gegen Chalid Scheich Mohammed und die weiteren 9/11-Verschwörer im Jahr 2008 vor Ort. Als einziger deutscher Journalist berichtet er nun erneut aus Guantanamo Bay über die Anklageeröffnung im Camp Justice.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Lekcad 05.05.2012
1.
Zitat von sysopAPSie schreien, beten oder strafen das Gericht mit Missachtung: Zum Auftakt des Prozesses um die Terroranschläge von 9/11 haben die Verdächtigen versucht, die Verlesung der Anklage zu boykottieren. Kaum begonnen, droht das Verfahren von Guantanamo im Chaos zu versinken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831567,00.html
Wann äußern sich unsere Vorkämpfer für Menschenrechte und rechtsstaatliche Verfahren, Gauck und Westerwelle, eigentlich hierzu mal?
rabenkrähe 05.05.2012
2. nene
Zitat von sysopAPSie schreien, beten oder strafen das Gericht mit Missachtung: Zum Auftakt des Prozesses um die Terroranschläge von 9/11 haben die Verdächtigen versucht, die Verlesung der Anklage zu boykottieren. Kaum begonnen, droht das Verfahren von Guantanamo im Chaos zu versinken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831567,00.html
......... Dieser Klamauk-Prozeß, der nur einer Wahlkampf- Inszenierung Obamas dienen soll, nämlich Rechtsstaatlichkeit im Umgang mit angeblichen Terroristen vorgaukeln soll, ist Farce und Skandal zugleich. Mit Verteidigern, die über erfolgte Folter mit den Gefangenen nichtmal sprechen dürfen. Unwürdig und traurig, mit Rechtsstaatlichkeit hat das von vorne bis hinten nichts zu tun. rabenkrähe
deb2011 05.05.2012
3. .
Zitat von sysopAPSie schreien, beten oder strafen das Gericht mit Missachtung: Zum Auftakt des Prozesses um die Terroranschläge von 9/11 haben die Verdächtigen versucht, die Verlesung der Anklage zu boykottieren. Kaum begonnen, droht das Verfahren von Guantanamo im Chaos zu versinken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831567,00.html
Ich hoffe sehr, dass sie das bekommen, was sie sich verdient haben. Sie haben, wenn sich die Anklage bestätigt, die Vorbereitung für einen Massenmord akribisch geplant und durchgeführt. Darauf muss ein Staat mit der maximal möglichen Härte des Gesetzes antworten. Er schuldet es denen, die am 11. September 2001 sinnlos ermordet wurden.
taigatiger 05.05.2012
4.
Massenmörder gehören vor Gericht und Gauck und Westerwelle brauchen sich dazu nicht äußern.
backstabber1987 05.05.2012
5.
Zitat von taigatigerMassenmörder gehören vor Gericht und Gauck und Westerwelle brauchen sich dazu nicht äußern.
Sie gehören aber nicht gefoltert, dazu hätten sie sich schon zu äußern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.