11. September "Geheimdienst-Versagen von beispiellosem Ausmaß"

Die amerikanischen Geheimdienste erhielten vor dem 11. September 2001 zahlreiche Warnungen vor Terroranschlägen mit Flugzeugen - weitaus mehr, als die Regierung bisher zugegeben hat. Ein entsprechender Bericht des US-Kongresses sorgt jetzt für Spannungen zwischen Parlament und Regierung.


Washington - "Wir wissen jetzt, dass unsere Unfähigkeit, die Anschläge vom 11. September vorherzusagen und zu verhindern, ein Geheimdienst-Versagen von beispiellosem Ausmaß war", sagte der Demokrat Bob Graham, Vorsitzender des Geheimdienst-Ausschusses des Senats.

Geht mit Bush-Regierung scharf ins Gericht: Demokrat Bob Graham
AFP

Geht mit Bush-Regierung scharf ins Gericht: Demokrat Bob Graham

Die Ausschüsse des Senats und des Repräsentantenhauses veröffentlichten jetzt erstmals die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, die klären sollten, über welche Informationen die Geheimdienste vor den Anschlägen verfügt hatten. Dem Bericht zufolge hat die für die weltweite Kommunikationen zuständige National Security Agency (NSA) zwischen Mai und Juni 2001 mindestens 33 Mitteilungen abgefangen, die auf einen "möglichen, bald bevorstehenden Terrorangriff" hinwiesen. Darunter hätten sich auch eindeutige Hinweise auf bevorstehende große Aktionen des Terror-Netzwerks al-Qaida in den USA befunden - unter anderem mit Verkehrsflugzeugen. Der Bericht widerspricht damit den Beteuerungen der Regierung Bush, alle Warnungen vor dem 11. September hätten sich ausschließlich auf Angriffe außerhalb der USA bezogen.

Hinweise auf "spektakuläre" Terror-Attacke

Dem Bericht zufolge wurden hohe Regierungsbeamte im Juli vergangenen Jahres darüber informiert, dass al-Qaida "in den kommenden Wochen" einen bedeutenden Angriff auf Einrichtungen der USA und Israels durchführen werde. Die Attacke werde "spektakulär" sein und massenhafte Opferzahlen zum Ziel haben. Die Ausschüsse deckten außerdem auf, dass CIA-Direktor George Tenet im Dezember 1998 nach Bombenanschlägen auf zwei afrikanische US-Botschaften eine formale Richtlinie an seine engsten Mitarbeiter ausgegeben hat: "Wir sind im Krieg mit al-Qaida". Allerdings habe das nicht zu einer Intensivierung der Anti-Terror-Maßnahmen geführt.

Der Bericht hat die Spannungen zwischen US-Regierung und Kongress über die Untersuchungen zum 11. September zusätzlich verschärft. Die Regierung weigert sich bisher zu veröffentlichen, welche Informationen die Geheimdienste vor den Terroranschlägen an US-Präsident Bush weitergegeben hatten. Die zuständigen Ausschüsse des Kongresses und des Senats erhielten nach Zeitungsberichten die Order, alle Details geheim zu halten. Selbst die Namen von Terroristen, über die in den Medien längst berichtet worden sei, hätten nicht genannt werden dürfen.

Graham warf der Regierung Bush vor, mit ihrer Blockade-Strategie die Vermeidung künftiger Terror-Attacken zu gefährden. Ziel sei es, die Probleme herauszufinden und zu lösen, die die Regierung daran gehindert hätten, die Angriffe zu verhindern. Man wolle die Wahrheit finden und nicht Schuld zuweisen.



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