Von Johannes Korge
Washington/Kabul - Der Schock in Afghanistan sitzt tief. 16 Dorfbewohner sind tot, unter ihnen neun Kinder. Erschossen hat sie offenbar ein Soldat der US-Streitkräfte, der in der Nacht zum Sonntag durch zwei kleine Ortschaften in der Nähe von Kandahar gezogen war. Dabei war der Mann nach bisherigem Ermittlungsstand in drei Gebäude eingedrungen und hatte die Bewohner erschossen. Noch sind längst nicht alle Fakten zu dem schockierenden Vorfall bekannt. Offenbar stammt der Amokläufer jedoch von einem US-Stützpunkt, der schon in der Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt hat.
SPIEGEL ONLINE fasst die wichtigsten Fakten zum Amoklauf in Afghanistan zusammen.
Wer ist der Todesschütze?
Bisher halten die US-Behörden die Identität des Mannes geheim, doch einiges ist trotzdem durchgesickert. So soll der mutmaßliche Täter 38 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder sein. Es war offenbar nicht sein erster Auslandseinsatz. US-Medien berichten von mindestens drei Missionen im Irak, seit Dezember 2011 war er in Afghanistan. Es wird vermutet, dass er der 3rd Brigade, 2nd Infantry Division der US-Basis Lewis-McChord angehört.
Die Überseeeinsätze dieser Einheit passen zum kolportierten Profil des mutmaßlichen Täters. Der Staff Sergeant, vergleichbar mit dem Status eines Feldwebels, sollte offenbar Spezialeinheiten vor Ort unterstützen. Dabei handelt es sich laut US-Medien entweder um Green Berets oder Navy Seals. Die Mission, an der der Täter mittelbar beteiligt war, diente offenbar der Stabilisierung der Lage in afghanischen Dörfern. Dabei werden internationale Spezialkräfte mit lokalen Kräften kombiniert. So soll die Akzeptanz in der Zivilbevölkerung gestärkt werden.
Was ist über den Stützpunkt in Washington bekannt?
Mindestens drei afghanische Zivilisten starben zwischen Januar und Mai 2010 durch willkürliche Schüsse des "Kill-Teams". Diese Gruppe aus fünf US-Soldaten gehörte der 5. Stryker-Brigade an - auch sie waren von der Lewis-McChord-Basis nach Afghanistan geschickt worden. Vor Ort hatten sie regelrecht Jagd auf Afghanen gemacht, diese getötet und die Leichen teilweise geschändet. Für ihre Taten wurden die Soldaten zu langen Haftstrafen verurteilt. Rädelsführer Calvin Gibbs muss wegen vorsätzlichen Mordes in drei Fällen lebenslang ins Gefängnis. Auch der spektakuläre Prozess gegen das "Kill-Team" fand auf dem Stützpunkt Lewis-McChord statt.
Wurden aus den Vorfällen um das "Kill Team" Konsequenzen gezogen?
Offenbar nicht. Die "Los Angeles Times" bezeichnete die Lewis-McChord-Militärbasis im vergangenen Jahr als "Stützpunkt vor dem Absturz". Zahlreiche Selbstmorde hatten die Basis zuvor erschüttert. Auch Jorge Gonzales, Sprecher einer Veteranenvereinigung in der Nähe des Stützpunkts, erhebt schwere Vorwürfe. "Es ist nicht ein einzelner Soldat außer Kontrolle geraten - die ganze Basis ist außer Kontrolle". Die Militärzeitung "Stars and Stripes" nannte Lewis-McChord "den problematischsten Stützpunkt der ganzen Armee". Das Blatt zitiert den pensionierten General Barry McCaffrey, der "massive Probleme in der Führung" erkannte.
Das Pentagon kann dagegen nicht mehr als "eine kleine Anzahl vor aufsehenerregenden Einzelfällen" feststellen. Bei einer derart großen Basis seien Zwischenfälle unvermeidbar. Rund 100.000 Soldaten und Zivilangestellte arbeiten auf dem Areal, das als einer der größten Stützpunkte der US-Streitkräfte gilt. Die Joint Base Lewis-McChord entstand im Jahr 2010 nach der Zusammenlegung von Fort Lewins mit dem Luftwaffenstandort McChord Air Force Base. Auf dem Standort werden alle Waffengattungen trainiert. Das Areal ist 41 Quadratkilometer groß und dehnt sich über Land und Wasser aus.
Hätte der Amoklauf verhindert werden können?
Noch sind die Motive für die Tat völlig offen. Auch der psychische Zustand sowie die Krankenakte des mutmaßlichen Täters sind bisher nicht öffentlich. Sowohl afghanische Behörden als auch die Nato arbeiten an der Aufklärung. Laut Isaf-Sprecher Major Jason Waggoner ist bisher davon auszugehen, dass der Täter allein gehandelt hat. Zum Zeitpunkt der Tat seien in dem Gebiet, rund 25 Kilometer südwestlich von Kandahar, keine Militäraktionen abgelaufen oder geplant gewesen. "Die Untersuchung wird schnell aber gründlich sein und der Täter muss sich voll verantworten", hieß es von der Isaf. Auch das Weiße Haus betonte, "die Fakten müssten so schnell wie möglich ans Licht gebracht werden".
Welche Reaktionen sind in Afghanistan zu erwarten?
Die Stimmung im Land ist seit den Koran-Verbrennungen durch US-Soldaten Ende Februar angeheizt. Immer wieder gibt es wütende Demonstrationen, zahlreiche Menschen kamen bei Zwischenfällen ums Leben. Der Vorfall vom Sonntag dürfte die Situation weiter verschärfen. In einer Online-Botschaft drohten die Taliban bereits mit Vergeltung für "die barbarischen Taten". Die US-Streitkräfte wurden in der Nachricht "als kranke amerikanische Wilde" bezeichnet, die "ihren Durst mit dem Blut unschuldiger Zivilisten stillen". Auch der afghanische Präsident Hamid Karzai sprach von einem "unentschuldbaren" Verbrechen.
Die USA fürchten jetzt um die Sicherheit ihrer Streitkräfte und Bürger. Die US-Botschaft in Kabul warnte US-Amerikaner in Afghanistan vor anti-amerikanischen Gefühlen und Protesten, besonders in den östlichen und südlichen Provinzen des Landes. US-Bürger sollten wachsam bleiben und große Menschenmengen meiden. Reisepläne sollten nicht gegenüber Fremden geäußert werden, heißt es auf der Homepage der Botschaft.
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