16 Tote in Afghanistan: Amokläufer vom Chaos-Stützpunkt

Von

16 afghanische Zivilisten sind tot, erschossen von einem US-Soldaten - jetzt fürchten die Amerikaner Rache. Der mutmaßliche Amokläufer soll von derselben Basis im Bundesstaat Washington kommen wie das berüchtigte "Kill Team". Experten sagen, der riesige Stützpunkt sei außer Kontrolle.

Joint Base Lewis-McChord: Berüchtigte Heimat des Attentäter Fotos
AP

Washington/Kabul - Der Schock in Afghanistan sitzt tief. 16 Dorfbewohner sind tot, unter ihnen neun Kinder. Erschossen hat sie offenbar ein Soldat der US-Streitkräfte, der in der Nacht zum Sonntag durch zwei kleine Ortschaften in der Nähe von Kandahar gezogen war. Dabei war der Mann nach bisherigem Ermittlungsstand in drei Gebäude eingedrungen und hatte die Bewohner erschossen. Noch sind längst nicht alle Fakten zu dem schockierenden Vorfall bekannt. Offenbar stammt der Amokläufer jedoch von einem US-Stützpunkt, der schon in der Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt hat.

SPIEGEL ONLINE fasst die wichtigsten Fakten zum Amoklauf in Afghanistan zusammen.

Wer ist der Todesschütze?

Bisher halten die US-Behörden die Identität des Mannes geheim, doch einiges ist trotzdem durchgesickert. So soll der mutmaßliche Täter 38 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder sein. Es war offenbar nicht sein erster Auslandseinsatz. US-Medien berichten von mindestens drei Missionen im Irak, seit Dezember 2011 war er in Afghanistan. Es wird vermutet, dass er der 3rd Brigade, 2nd Infantry Division der US-Basis Lewis-McChord angehört.

Die Überseeeinsätze dieser Einheit passen zum kolportierten Profil des mutmaßlichen Täters. Der Staff Sergeant, vergleichbar mit dem Status eines Feldwebels, sollte offenbar Spezialeinheiten vor Ort unterstützen. Dabei handelt es sich laut US-Medien entweder um Green Berets oder Navy Seals. Die Mission, an der der Täter mittelbar beteiligt war, diente offenbar der Stabilisierung der Lage in afghanischen Dörfern. Dabei werden internationale Spezialkräfte mit lokalen Kräften kombiniert. So soll die Akzeptanz in der Zivilbevölkerung gestärkt werden.

Was ist über den Stützpunkt in Washington bekannt?

Mindestens drei afghanische Zivilisten starben zwischen Januar und Mai 2010 durch willkürliche Schüsse des "Kill-Teams". Diese Gruppe aus fünf US-Soldaten gehörte der 5. Stryker-Brigade an - auch sie waren von der Lewis-McChord-Basis nach Afghanistan geschickt worden. Vor Ort hatten sie regelrecht Jagd auf Afghanen gemacht, diese getötet und die Leichen teilweise geschändet. Für ihre Taten wurden die Soldaten zu langen Haftstrafen verurteilt. Rädelsführer Calvin Gibbs muss wegen vorsätzlichen Mordes in drei Fällen lebenslang ins Gefängnis. Auch der spektakuläre Prozess gegen das "Kill-Team" fand auf dem Stützpunkt Lewis-McChord statt.

Wurden aus den Vorfällen um das "Kill Team" Konsequenzen gezogen?

Offenbar nicht. Die "Los Angeles Times" bezeichnete die Lewis-McChord-Militärbasis im vergangenen Jahr als "Stützpunkt vor dem Absturz". Zahlreiche Selbstmorde hatten die Basis zuvor erschüttert. Auch Jorge Gonzales, Sprecher einer Veteranenvereinigung in der Nähe des Stützpunkts, erhebt schwere Vorwürfe. "Es ist nicht ein einzelner Soldat außer Kontrolle geraten - die ganze Basis ist außer Kontrolle". Die Militärzeitung "Stars and Stripes" nannte Lewis-McChord "den problematischsten Stützpunkt der ganzen Armee". Das Blatt zitiert den pensionierten General Barry McCaffrey, der "massive Probleme in der Führung" erkannte.

Das Pentagon kann dagegen nicht mehr als "eine kleine Anzahl vor aufsehenerregenden Einzelfällen" feststellen. Bei einer derart großen Basis seien Zwischenfälle unvermeidbar. Rund 100.000 Soldaten und Zivilangestellte arbeiten auf dem Areal, das als einer der größten Stützpunkte der US-Streitkräfte gilt. Die Joint Base Lewis-McChord entstand im Jahr 2010 nach der Zusammenlegung von Fort Lewins mit dem Luftwaffenstandort McChord Air Force Base. Auf dem Standort werden alle Waffengattungen trainiert. Das Areal ist 41 Quadratkilometer groß und dehnt sich über Land und Wasser aus.

Hätte der Amoklauf verhindert werden können?

Noch sind die Motive für die Tat völlig offen. Auch der psychische Zustand sowie die Krankenakte des mutmaßlichen Täters sind bisher nicht öffentlich. Sowohl afghanische Behörden als auch die Nato arbeiten an der Aufklärung. Laut Isaf-Sprecher Major Jason Waggoner ist bisher davon auszugehen, dass der Täter allein gehandelt hat. Zum Zeitpunkt der Tat seien in dem Gebiet, rund 25 Kilometer südwestlich von Kandahar, keine Militäraktionen abgelaufen oder geplant gewesen. "Die Untersuchung wird schnell aber gründlich sein und der Täter muss sich voll verantworten", hieß es von der Isaf. Auch das Weiße Haus betonte, "die Fakten müssten so schnell wie möglich ans Licht gebracht werden".

Welche Reaktionen sind in Afghanistan zu erwarten?

Die Stimmung im Land ist seit den Koran-Verbrennungen durch US-Soldaten Ende Februar angeheizt. Immer wieder gibt es wütende Demonstrationen, zahlreiche Menschen kamen bei Zwischenfällen ums Leben. Der Vorfall vom Sonntag dürfte die Situation weiter verschärfen. In einer Online-Botschaft drohten die Taliban bereits mit Vergeltung für "die barbarischen Taten". Die US-Streitkräfte wurden in der Nachricht "als kranke amerikanische Wilde" bezeichnet, die "ihren Durst mit dem Blut unschuldiger Zivilisten stillen". Auch der afghanische Präsident Hamid Karzai sprach von einem "unentschuldbaren" Verbrechen.

Die USA fürchten jetzt um die Sicherheit ihrer Streitkräfte und Bürger. Die US-Botschaft in Kabul warnte US-Amerikaner in Afghanistan vor anti-amerikanischen Gefühlen und Protesten, besonders in den östlichen und südlichen Provinzen des Landes. US-Bürger sollten wachsam bleiben und große Menschenmengen meiden. Reisepläne sollten nicht gegenüber Fremden geäußert werden, heißt es auf der Homepage der Botschaft.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Krieg
hubertrudnick1 12.03.2012
Zitat von sysopREUTERS16 afghanische Zivilisten sind tot, erschossen von einem US-Soldaten - jetzt fürchten die Amerikaner Rache. Der mutmaßliche Amokläufer soll von derselben Basis im Bundesstaat Washington kommen wie das berüchtigte "Kill Team". Experten sagen, der riesige Stützpunkt sei außer Kontrolle. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820780,00.html
In Kriegen werden Menschen oft zu Monster, nicht jeder wird nur seine Aufgaben erfüllen, aber was sind denn die Aufgaben? Intelligente Menschen gehen bekanntlich nicht freiwillig in den Krieg, zu mal da nicht das eigene Land verteidigt wird.
2.
weitWeg 12.03.2012
Zitat von hubertrudnick1In Kriegen werden Menschen oft zu Monster, nicht jeder wird nur seine Aufgaben erfüllen, aber was sind denn die Aufgaben? Intelligente Menschen gehen bekanntlich nicht freiwillig in den Krieg, zu mal da nicht das eigene Land verteidigt wird.
Das ist ganz schön überheblich.
3.
TheZioWolf 12.03.2012
Zitat von hubertrudnick1In Kriegen werden Menschen oft zu Monster, nicht jeder wird nur seine Aufgaben erfüllen, aber was sind denn die Aufgaben? Intelligente Menschen gehen bekanntlich nicht freiwillig in den Krieg, zu mal da nicht das eigene Land verteidigt wird.
Wo haben Sie denn diese Einstellung her? Oder definieren Sie Intelligenz so, dass es Ihrer Einstellung entspricht? Wo bleibt der Respekt vor weniger intelligenten Menschen? Fast alle Offiziere z.B. haben ein anspruchsvolles Studium hinter sich.
4. "Time to go ..."
eine-Meinung-unter-Vielen 12.03.2012
... auch für die Deutschen Soldaten. Auch sie werden durch solche Aktionen unnötig zu Zielscheiben gemacht. Mehr braucht man darüber eigentlich nicht mehr diskutieren. Höchstens, wie man sich in Zukunft aus solchen Kriegen heraushält.
5.
hokie 12.03.2012
---Zitat--- Die "Los Angeles Times" bezeichnete Lewis-McChord im vergangenen Jahr als "Stützpunkt vor dem Absturz". ---Zitatende--- Ach ist das so? In meiner Army Times steht Jahr fuer Jahr wieder das Ft Lewis einer der bliebtesten US Stuetzpunkte in den lower 48 ist! Zumindest wenn man nach persoenlichen Meinungen der Soldaten fragt. Ich war vor etlichen Jahren einmal dort und habe eine aehnliche Meinung. Saemtliche Anlagen sind Top gepflegt gewesen und die Unterkuenfte weit ueber dem Army standart gewesen! Die Ausruestung und Trainingsmoeglichkeiten sind erster Guete. Natuerlich gibt es dort sehr viele junge Soldaten die sich abends mit ihren Autos treffen, Musik hoeren, Bierchen trinken und hier und da ein paar kleine rennen veranstalten und es am WE in den oertlichen Bars eventuell mal etwas zu sehr knallen lassen ... Dies hat aber nichts mit einem Standort per se zu tun. Munster oder Seedorf in Dtl sind da aehnlich, wenn auch nochmal um Welten kleiner ... Das sich an einem Standortkomplex mit 80.000 Soldaten Selbstmorde ereignen ist ueberaus tragisch, aber de facto leider normal! Man sollte die Selbstmorde dort erstmal mit dem Mittel aller Selbstmorde von US Soldaten vergleichen. Dann kann/muss man noch in erwaegung ziehen das der Dienst bei der Infanterie natuergemaess groessere mentale Belastungen ,die einem Selbstmord ausloesen koennten, fordert als zB der Dienst bei der Luftwaffe oder in irgendeinem Buero!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Afghanistan-Krieg
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 52 Kommentare
Fotostrecke
Afghanistan: Taliban schwören Rache für Amoklauf

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon