25 Jahre Ende der Sowjetunion "Wir hätten Russland auf Augenhöhe behandeln sollen"

Vor 25 Jahren zerbrach die Sowjetunion. Ostexperte Thomas Kunze erklärt, warum in der Ex-UdSSR die Demokratie scheiterte, die Fehler des Westens - und wie der islamistische Terror die Annäherung bringen könnte.

Russen in Uniformen der früheren Sowjet-Armee (Aufnahme von 2014): "Das Streben nach einer Weltmachtrolle bleibt"
DPA

Russen in Uniformen der früheren Sowjet-Armee (Aufnahme von 2014): "Das Streben nach einer Weltmachtrolle bleibt"

Ein Interview von , Moskau


Für die einen war es das "Paradies der Werktätigen", für den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan aber das "Reich des Bösen".

Fast 70 Jahre war die Sowjetunion nach dem Sieg der Oktoberrevolution eine Supermacht. Doch das Ende des kommunistischen Imperiums begann, als Michail Gorbatschow Mitte der Achtzigerjahre die Macht im Kreml übernahm und den Kalten Krieg stoppen wollte.

1991 erklärten die ersten der 15 Teilrepubliken ihre Unabhängigkeit, das Ende des Eisernen Vorhangs. Im Westen hofften die Menschen auf eine lange Phase des Friedens, in der einstigen Sowjetunion auf Demokratie und Wohlstand.

Ostexperte Thomas Kunze (Autor des neuen Buchs "Das Ende des Imperiums") schildert, was aus den Staaten der Ex-UdSSR wurde und erklärt, warum es mit der Demokratie bis heute bei den wenigsten geklappt hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kunze, welche Bilanz ziehen Sie 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion?

Kunze: Eine durchwachsene, aber vorsichtig positive. In den drei baltischen Staaten wird heute mit dem Euro bezahlt. In Zentralasien aber wächst der Einfluss des radikalen Islam. Abgesehen vom Baltikum haben sich von Russland über Kasachstan bis Aserbaidschan im Kaukasus fast überall autoritäre Regierungsformen durchgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum konnte sich beinahe nirgendwo eine stabile Demokratie etablieren?

Kunze: In Russland, Weißrussland und der Ukraine folgten auf die Zarenherrschaft sieben Jahrzehnte Kommunismus. In Zentralasien gab es bis 1913 noch Sklavenmärkte, dann kam die bolschewistische Herrschaft. Wo Demokratie wenig historische Wurzeln hat, braucht es Zeit, bis sie die Oberhand gewinnt. Auch im Westen war Demokratie das Ergebnis einer Entwicklung, die Jahrhunderte brauchte. Es gab die Reformation, die Aufklärung, die bürgerliche Revolution. Das gab es im Osten so nicht oder erst Generationen später. Ich denke deshalb, dass der Westen Russland manchmal mit falschen Maßstäben misst, während er China im Namen der Realpolitik viel verzeiht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte sich denn der Westen nach dem Zerfall der Sowjetunion verhalten sollen?

Kunze: Wir hätten Russland auf Augenhöhe behandeln sollen, auch als es in den Neunzigerjahren schwach war. Stattdessen haben wir Russlands Interessen teilweise ignoriert, zum Beispiel auf dem Balkan. Der Westen hatte doch Gorbatschow und der Sowjetunion und später dann Jelzin signalisiert, dass er als Gegenleistung für die Beendigung des Kalten Kriegs Russlands Sicherheitsinteressen respektieren werde. Dankbarkeit ist sicher keine politische Kategorie. Aber die Russen haben vom Westen etwas anderes erwartet als die Ausdehnung der Nato an ihre Grenzen, nachdem sie aus eigener Kraft den Kommunismus abgeschüttelt haben. Zudem setzt der Westen oft auf die falschen Leute.

SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie?

Kunze: Beispielsweise den ehemaligen georgischen Staatschef Micheil Saakaschwili. Dieser und auch andere Hoffnungsträger des Westens sind oft selbst keine Demokraten. Saakaschwili hat in Georgien Opposition und Medien unterdrückt und wird dort per Haftbefehl gesucht. Nun hat ihn der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, auch er kein Musterdemokrat, zum Gouverneur im südukrainischen Odessa ernannt. Es ist viel Blauäugigkeit im Spiel, wenn manche denken, dass das westliche Demokratiemodell flugs in andere Weltgegenden exportiert werden kann. Wir können geduldig für Demokratie werben, aber wir können sie nicht von außen verordnen.

Russland

Einwohner: 144 Mio.
Hauptstadt: Moskau
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Wladimir Putin, seit Mai 2012, zuvor von 2000 bis 2008
Währung: Russischer Rubel
Außenpolitik: zunehmende Konfrontation mit dem Westen, Kernland der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAU), Militärbündnis ODKB mit sechs Staaten, führende Rolle in Shanghai Organisation (SOZ) und Brics
Religion: mehrheitlich Christentum (russisch-orthodox), außerdem Islam, Judentum
Ethnien: 80,9% Russen, 3,9% Tataren, 1,4% Ukrainer, 1,2% Baschkiren u.a.

Ukraine

Einwohner: 45,5 Mio.
Hauptstadt: Kiew
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Petro Poroschenko, seit Juni 2014
Währung: Hrywnja
Außenpolitik: nach jahrelanger Schaukelpolitik zwischen Russland und dem Westen nun Hinwendung zur EU und Streben in die Nato
Religion: überwiegend orthodox; muslimische, katholische, kleinere jüdische Gemeinden
Ethnien: 78% Ukrainer, 17% Russen, 0,6% Weißrussen u.a.

Weißrussland

Einwohner: 9,5 Mio.
Hauptstadt: Minsk
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Alexander Lukaschenko, seit Juli 1994
Währung: Belarus-Rubel
Außenpolitik: Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU), Anlehnung an Russland
Religion: überwiegend russisch-orthodox; römisch-katholisch (ca. 20 %), kleinere evangelische, muslimische, jüdische Gemeinden
Ethnien: 81% Weißrussen, Russen rd. 10%, Polen 6,69%

Moldau

Einwohner: 3,6 Mio.
Hauptstadt: Chisinau
Staatsform: Republik
Präsident: Nicolae Timofti, seit März 2012
Währung: Moldau-Leu
Außenpolitik: Partnerschaftsabkommen mit der EU, Bevölkerung zwischen Westorientierung und Anlehnung an Russland gespalten
Religion: überwiegend russisch-orthodox
Ethnien: 75% Moldauer, 8% Ukrainer, 6% Russen, 4% Gagausen

Litauen

Einwohner: 3,2 Mio.
Hauptstadt: Vilnius
Staatsform: Republik
Präsidentin: Dalia Grybauskaite, seit Juli 2009
Währung: Euro (seit 1.1.2015)
Außenpolitik: Nato- und EU-Mitglied
Religion: überwiegend katholisch; protestantische, russisch-orthodoxe, jüdische Minderheiten
Ethnien: 85% Litauer, 5,6% Polen, 5% Russen

Lettland

Einwohner: ca. 1,98 Mio.
Hauptstadt: Riga
Staatsform: Republik
Präsident: Raimonds Vejonis, seit Juli 2011
Währung: Euro (seit 1.1.2015)
Außenpolitik: Nato- und EU-Mitglied
Religion: evangelisch-lutherisch, römisch-katholisch, russisch-orthodox
Ethnien: 62% Letten, 27% Russen u.a.

Estland

Einwohner: 1,3 Mio.
Hauptstadt: Tallinn
Staatsform: Republik
Präsident: Toomas Hendrik Ilves, seit Oktober 2006
Währung: seit 2011 Euro
Außenpolitik: Nato- und EU-Mitglied
Religion: evangelisch-lutherisch, russisch-orthodox
Ethnien: 69,8% Esten, 25,2% Russen, 1,7% Ukrainer u.a.

Aserbaidschan

Einwohner: 9,48 Mio.
Hauptstadt: Baku
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Ilcham Alijew, seit Oktober 2003
Währung: Aserbaidschan-Manat
Außenpolitik: Partnerschaftsabkommen mit EU
Religion: etwa 96% Muslime
Ethnien: 90% Aseris, Russen, Tataren, Kurden u.a.

Georgien

Einwohner: 4,3 Mio.
Hauptstadt: Tiflis
Staatsform: Parlamentarische Republik
Präsident: Giorgi Margwelaschwili, seit November 2013
Währung: Lari
Außenpolitik: nach Westen orientiert, strebt in EU und Nato
Religion: überwiegend georgisch-orthodox. Minderheiten: Muslime, Katholiken
Ethnien: 84% Georgier, 6,5% Aseris, 6% Armenier, 1,5% Russen

Armenien

Einwohner: 3 Mio.
Hauptstadt: Eriwan
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Sersch Sargsjan, seit April 2008
Währung: Dram
Außenpolitik: lehnt sich an Russland an, EAWU- und ODKB-Mitglied. Aber auch Partnerschaftsabkommen mit der EU
Religion: 92,6% armenisch-apostolisch
Ethnien: 98% Armenier; Russen, Kurden u.a.

Kasachstan

Einwohner: 17,4 Mio.
Hauptstadt: Astana
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Nursultan Nasarbajew, seit Dezember 1991
Währung: Tenge
Außenpolitik: EAWU- und ODKB-Mitglied. Gute Beziehungen zu Russland und zum Westen
Religion: überwiegend Muslime (Sunniten), russisch-orthodoxe Minderheit
Ethnien: 65% Kasachen, 22% Russen, 3% Usbeken, 1,1% Deutsche u.a.

Kirgisien

Einwohner: 5,7 Mill.
Hauptstadt: Bischkek
Staatsform: Parlamentarische Republik
Präsident: Almasbek Atambajew, seit Dezember 2011
Währung: Som
Außenpolitik: lehnt sich an Russland an, EAU- und ODKB-Mitglied
Religion: 80% sunnitische Moslems, 8% orthodoxe Christen
Ethnien: 70% Kirgisen, 15% Usbeken, 6,7% Russen

Tadschikistan

Einwohner: 8,2 Mio.
Hauptstadt: Duschanbe (ehemals Stalinabad)
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Emomali Rahmon, seit November 1994
Währung: Somoni (1 Euro = 8,55 TJS, Kurs 4.2.2016)
Außenpolitik: lehnt sich an Russland an, EAU- und ODKB-Mitglied.
Religion: überwiegend Muslime (Sunniten)
Ethnien: 68,4% Tadschiken, 24,8% Usbeken, 3,2% Russen

Usbekistan

Einwohner: 30,7 Mio.
Hauptstadt: Taschkent
Präsident: Islam Karimow, seit 24.03.1990
Staatsform: Republik, Präsidialdemokratie
Währung: Sum, (1 Euro = 3093 UZS, Kurs 4.2.2016)
Außenpolitik: verfolgt unabhängige Außenpolitik von Russland und dem Westen
Religion: überwiegend islamisch-sunnitisch
Ethnien: 80% Usbeken, 5% Russen, 5% Tadschiken

Turkmenistan

Einwohner: 6,7 Mio.
Hauptstadt: Aschgabat
Staatsform: Präsidialrepublik
Präsident: Gurbanguly Berdimuhamedow, seit 14.2.2007 auch Regierungschef
Währung: Turkmenischer Manat (1 Euro = 3,71 TMT, Kurs 4.2.2016)
Außenpolitik:verfolgt eine auf Neutralität ausgerichtete Außenpolitik
Religion: mehrheitlich sunnitischer Islam
Ethnien: 77% Turkmenen, 9,2% Usbeken, 6,7% Russen

SPIEGEL ONLINE: Hat sich denn überhaupt etwas positiv entwickelt?

Kunze: Der Zerfall dieses letzten Imperiums des 20. Jahrhunderts verlief relativ unblutig, wenn wir ihn beispielsweise mit dem Nahen Osten und dem Erbe der dortigen Kolonialreiche vergleichen. Bürgerkriege wie in Tschetschenien oder die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den Kaukasusstaaten Armenien und Aserbaidschan hätte zu einem Flächenbrand werden können.

SPIEGEL ONLINE: Vergessen Sie da nicht den Krieg in der Ukraine?

Kunze: Dieser Bürgerkrieg ist ein Nachbeben des Zerfalls der Sowjetunion und ein Ergebnis der Spaltung der Ukraine über die Frage, ob sie sich nach Russland oder Europa orientieren soll. Hier schwelt der Kalte Krieg zwischen Ost und West weiter. Scharfmacher auf beiden Seiten fallen wieder in Rhetorik und Propaganda zurück, die beinahe so klingen als sei der Eiserne Vorhang nie gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist schuld am Ukrainekonflikt?

Kunze: Wer sich in der Region wirklich auskennt, wusste, wie Russland mit Putin an der Spitze auf die Westannäherung des Landes reagieren wird, das die Mehrheit der Russen als Geburtsstätte und Teil ihrer Nation sehen. Das rechtfertigt nicht die Annexion der Krim oder Russlands Vorgehen in der Ostukraine. Es erklärt aber Moskaus Politik.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter zwischen Russland und dem Westen?

Kunze: Islamistischer Totalitarismus und Terrorismus, die sich wie eine Krake ausbreiten, werden zu einer Annäherung führen. Zur Vision eines gemeinsamen europäischen Hauses, die Michail Gorbatschow und Helmut Kohl hatten, gibt es keine Alternative. Es muss vom Atlantik bis zum russischen Wladiwostok an der Pazifikküste reichen. Wir sind an einem Scheideweg.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen im Osten wünschen sich eigentlich die Sowjetunion zurück?

Kunze: Sicherlich nicht die Mehrheit, aber auch nicht gerade wenige. Vor allem ältere Menschen sehnen sich nach der Sicherheit und der Geborgenheit zurück, die sie mit der Sowjetunion verbinden. Putin verdankt seine hohe Popularität nicht zuletzt Rückgriffen auf die Sowjetvergangenheit. Mit der Sowjetunion ist eine Welt- und Supermacht untergegangen, nicht aber das Streben der Russen nach einer Weltmachtrolle.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 268 Beiträge
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Seite 1
langenscheidt 14.02.2016
1. Politischer Dummfug
Allein die Tatsache, dass Westen und Russland Versprechungen über den Köpfen der neuen und freien Ostblockstaaten hinweg machten (keine NATO-Osterweiterung) zeigt, wie die Supermächte auch nach dem Ende des Kalten Krieges dachten: elitär und rücksichtslos.
derhey 14.02.2016
2. Eine Zusammenfassung
und wohl auch bereits Allgemeingut, was die Aussage allerdings nicht weniger richtig macht. Die Nato hat mit der Westerweitrung überzogen, sie hätte Rußland viel stärker und entschlossener einbinden müsse, keine Frage. Diese lautet aber jetzt: Wie bekommen wir die Kuh vom Eis? Und zwar schnell. Ein Rückzug der Nato aus Polen, Litauen etc kommt nach der Annexion der Krim durch Rußland wohl nicht mehr in Frage, vielleicht dann wenn Rußland die Krim an die Ukraine zurückgibt und seine Truppen aus Donez zurückzieht??? Liese Pution & Co überhaupt nocht mit sich reden? Die Nato völlig anders aufstellen, z.B. mit Rußland im Boot? Ich befürchte, daraus wird nichts und auf die Islamisten sollte man nicht hoffen.
Fuscipes 14.02.2016
3.
"25 Jahre Ende der Sowjetunion: "Wir hätten Russland auf Augenhöhe behandeln sollen"", wenn man es nicht getan hat, wäre es vielleicht ganz gut, es jetzt wieder zu tun.
competa1 14.02.2016
4. Gorbatschows grösster Fehler
..war, allein auf die Versprechungen des Westens, auf Osterweiterungen zu verzichten, zu vertrauen.Diese hätten vertraglich zugesichert werden sollen.
galbraith-leser 14.02.2016
5. Souveränität der Völker
bedeutet auch, dass Staaten, die sich vor den Russen fürchten, bei der NATO Schutz suchen. Siehe Baltikum, Polen, Ukraine etc. Es liegt an den Russen, sich anders zu verhalten, wenn sie nicht als Aggressor dastehen wollen. Die rigorose Unterstützung des Assad-Regimes hilft da ebenso wenig wie die Zündelei in der Ukraine. Und über den Witz mit dem lupenreinen Demokraten, als den Altkanzler Schröder Putin einst bezeichnet, kann man auch nicht mehr lachen, weil es zu bitter ist. Parlamentarismus und Demokratie, die fälschlicherweise oft verwechselt werden, brauchen Zeit, um sich zu entfalten. Und eine wirtschaftlich gesunde Entwicklung als Grundlage - die aber ist in der Ex-UdSSR nicht in Sicht.
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