Tschernobyl-Jahrestag: Das lange Leiden der Liquidatoren

Aus Lemberg berichtet Till Mayer

Tschernobyl: Die ruinierte Gesundheit der Katastrophenhelfer Fotos
Till Mayer

Vor 27 Jahren kam es in Tschernobyl zum Super-GAU, und Petro Wretsch und Igor Walko waren mittendrin: Tagelang evakuierten sie Menschen aus dem verstrahlten Gebiet. Für ihr Engagement zahlen sie bis heute mit einer ruinierten Gesundheit und einem entwürdigenden Kampf um Entschädigung.

Der Mann steht im Türrahmen, Sofia Wretsch würde am liebsten auf ihn zufliegen. Ihr Petro wendet sich ab. "Nicht", sagt er, "nimm mich nicht in den Arm. Küss mich nicht." Dann verschwindet er im Bad. Sofia Wretsch bleibt stehen, völlig erstarrt. Sie hört das Wasser laufen, hört, wie ihr Mann sich den Körper mit Seife abschrubbt. Wieder und wieder. Dann kommt er aus der Türe, die verdreckte Uniform in den Händen, packt sie in eine Tüte und verbrennt sie vor dem Wohnblock.

Einen Monat nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl war Petro Wretsch von seinem Einsatz als Liquidator in seine Heimatstadt Lemberg (Lviv) zurückgekehrt. Später wird der Soldat dafür wie die anderen Helfer Medaillen bekommen.

Tschernobyl - das ist bis heute die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Von den 6000 Liquidatoren, die aus dem Lviver Gebiet stammen, sollen laut Angaben vom örtlichen Tschernobyl-Verband in den vergangenen Jahren 1562 gestorben sein. Insgesamt, so schätzt die Organisation, waren 660.000 Helfer (aus der gesamten Sowjetunion) und 243.000 (aus der Ukraine) als Liquidatoren im Einsatz. Praktisch alle klagen laut dem Verband über gesundheitliche Problemen. Inwieweit ihr Leiden direkt auf die Nuklearkatastrophe zurückgeführt werden kann, ist in der Medizin umstritten. Auch die Zahl der Liquidatoren, die als Folge der starken Strahlenbelastung gestorben sind, ist bis heute nicht geklärt.

Petro Wretsch sieht seine Frau jedenfalls nur noch durch einen grauen Schleier, der Jahr für Jahr undurchlässiger wird: "Als ich ihr nach dem Einsatz wieder gegenüberstand, da hab ich meine Sofia noch einmal klar gesehen. Für einen kurzen Augenblick."

Petro Wretsch hält das bis heute für sein kleines persönliches Wunder. Ein kleiner Lichtblick, denn mit der Reaktorkatastrophe kam für ihn die Dunkelheit.

Der 26. April 1986 ist für die Wretschs ein Schicksalstag. Bereits am Tag nach der Katastrophe ist Petro Wretsch in Pripjat im Einsatz. Fast 50.000 Menschen leben dort. Eine junge Stadt in Sichtweite zum Kernkraftwerk, erst 1970 gegründet. Mit jungen Bewohnern: im Durchschnitt 26 Jahre alt. Petro Wretsch ist Lasterfahrer bei einer Kraftfahreinheit der Nationalgarde, die in Lemberg stationiert ist. An seinem SIL 131 kennt er jede Schraube. Oft genug hat er das olivgrüne Ungetüm reparieren müssen.

Am 27. April 1986 lenkt er seinen SIL 131 durch eine sozialistische Musterstadt mit großem Schwimmbad, einem gerade fertiggestellten Vergnügungspark und modernen Wohnblocks, die sich an schnurgeraden Straßen aneinanderreihen. Pripjat gilt bis zum Unglückstag als eine Stadt mit hoher Lebensqualität, mit mehr Annehmlichkeiten als in anderen Sowjetstädten. Jetzt reihen sich fast 1200 Busse auf den Hauptverkehrsadern aneinander, kilometerlang stehen sie Stoßstange an Stoßstange. Sie sollen die Bewohner aus der Stadt schaffen.

"Meinem Mann war schnell klar, dass etwas Unglaubliches passiert ist. Irgendwo hat er dann die Möglichkeit gefunden, sich in einer Pause zu einem Telefon zu schleichen. 'Bleib möglichst immer im Haus, es ist etwas Schreckliches passiert'. Mehr konnte er nicht sagen", erzählt Sofia Wretsch.

Heute, im Jahr 2013, muss sie oft für ihren Mann sprechen.

Rotarmist Wretsch geht Patrouille in der entvölkerten Stadt

Petro Wretsch fällt es schwer, lange Sätze zu bilden, sich zu konzentrieren. Auch seine Augen haben gelitten - er ist fast blind. Die Decke fällt flach auf das Sofa, wo sein rechtes Bein sein müsste. "Die Folge des Diabetes", sagt seine Frau zu der Amputation. Aber sie ist sich sicher, auch das muss eine Folge von Tschernobyl sein. "Dieser eine Monat in Tschernobyl hat die Lebenskraft aus meinen Petro gezogen. Er war danach ein anderer Mensch", sagt sie.

Nach der Evakuierung kam für Petro Wretsch die Angst. Seine Einheit blieb in der 30-Kilometer-Zone rund um Tschernobyl. "Es ging darum, in der Stadt nach Eindringlingen zu suchen. Niemanden in die Zone zu lassen", sagt der 63-Jährige heute. So geht Rotarmist Wretsch 1986 auf Patrouille durch eine Stadt, die sich in wenigen Stunden völlig entvölkert hat. "Mir hat er immer erzählt, wie bedrückend es für ihn war. Die Stille, die absolute Leere. Zuvor hatte er all die Menschen gesehen, die ihr Heim für immer verloren haben", berichtet seine Frau. Petro Wretsch nickt schwach. Das Gespräch strengt ihn an, er braucht Ruhe.

Seiner Frau kommen die Tränen, als sie ihre Geschichte erzählt. Davon, wie sie nach dem Anruf ihres Mannes so viele Menschen wie möglich warnen wollte. Wie sie fassungslos zusieht, als in Lemberg und überall in der Ukraine und Weißrussland die Menschen zu den 1.-Mai-Veranstaltungen strömen. "All die Kinder in ihren kurzen Sommersachen. Was für ein Wahnsinn. Da werde ich heute noch wütend", meint Sofia Wretsch.

In Deutschland beginnt man den Sand in Kinderspielplätzen zu wechseln. Doch in Lemberg verstehen viele den Ernst der Lage nicht.

Die vergessenen Liquidatoren

Als es in Fukushima zum GAU kommt, weint Frau Wretsch und ist froh, dass ihrem fast blinden Mann diese Bilder erspart bleiben. In den ukrainischen Medien spielt das japanische Reaktorunglück bei weitem nicht die Rolle wie in Deutschland. "Die Menschen sind gleichgültig geworden. Und die Liquidatoren, die ihre Gesundheit, oft ihr Leben opferten, geraten in Vergessenheit", meint sie leise: "Michael Turtschak, Witalij Titschenko und all die anderen Kameraden meines Mannes, die schon gestorben sind. Wer denkt noch an sie?"

Als sie hört, dass in Deutschland die Atomkraftwerke Schritt für Schritt stillgelegt werden, lächelt sie. "So etwas ist schön", erklärt sie. Doch sie hat andere Sorgen zu bewältigen. Die pensionierte Krankenschwester muss ihren Mann pflegen. 110 Euro Rente bekommt sie, 280 Euro Armee-Rente ihr Mann. Sie hätten auch eine Rente für die Strahlenopfer beantragen können. Doch das Verfahren ist kompliziert. "Wenn unsere Tochter und ihr Mann uns nicht unterstützen würden, könnten wir mit unserem Geld kaum die Medikamente für meinen Mann bezahlen." Zu sechst lebt das Seniorenpaar mit Tochter, Schwiegersohn und Enkeln in einer Dreizimmerwohnung in den Außenbezirken von Lemberg.

Igor Walko wurde der Status als Strahlenopfer verweigert

Zwei, drei Blocks weiter entfernt steht das Ehrenmal für die Opfer und Helfer der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Hier wartet Igor Walko. Keine 20 Jahre war er alt, als er als Wehrdienstleister vom 6. August bis 26. Oktober in Tschernobyl zum Einsatz kam.

"Meistens war ich in der Zone zwischen 10 und 20 Kilometer vom Reaktor entfernt. Doch achtmal kam ich bis zu 40 bis 50 Meter an die Unglückstelle heran", berichtet er. Auch er war meist zu Fahrdiensten eingeteilt. Irgendwann sah er, dass viele Kiefern braune Nadeln bekamen. "Aber keiner von uns Jungs hat sich so richtig Gedanken gemacht", berichtet Walko.

Als er kurz nach seinem Einsatz auf Folgeschäden durch das Unglück untersucht wird, erleidet er einen allergischen Schock, als ihm eine Spritze verabreicht wird. "Ich wäre damals fast gestorben. Ich hatte nie eine Allergie gegen Medikamente. Plötzlich, nach Tschernobyl, war das anders", sagt der 47-Jährige. "Wäre heute eine Operation notwendig, würde das meinen Tod bedeuten. Ich könnte keinerlei Medikamente oder Spritzen erhalten."

Nach der Untersuchung wurde ihm trotzdem der Status als Strahlenbetroffener nicht zuerkannt. Erst seit 1992 erhält er monatlich einen Zuschuss als "Hilfe für die Verbesserung der Gesundheit". 2000 wird er wieder aberkannt. "Ich war so wütend", erzählt Walko. Dann kämpft er gegen die Behörden. Immer neue Papiere soll er heranschaffen. Erst 2009 hat er die ukrainische Bürokratie besiegt: "Es war eine demütigende Prozedur."

15 Euro erhält der Automechaniker jetzt monatlich vom Staat.

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1. Wirklich ein Wunder...
juergw. 24.04.2013
Zitat von sysopVor 27 Jahren kam es in Tschernobyl zum Super-GAU, und Petro Wretsch und Igor Walko waren mittendrin: Tagelang evakuierten sie Menschen aus dem verstrahlten Gebiet. Für ihr Engagement zahlen sie bis heute mit einer ruinierten Gesundheit und einem entwürdigenden Kampf um Entschädigung. 27 Jahre Tschernobyl: Viele Opfer kämpfen bis heute um Entschädigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/27-jahre-tschernobyl-viele-opfer-kaempfen-bis-heute-um-entschaedigung-a-895910.html)
das sie noch leben.Wer von deutschen Berufsgenossenschaft eine Entschädigung für im Berufsleben ruinierte Gesundheit einfordert,kämpft gegen die gleichen Windmühlen !Auch für die Betroffneden entwürdigend .
2. ?
vincent1958 24.04.2013
Zitat von sysopVor 27 Jahren kam es in Tschernobyl zum Super-GAU, und Petro Wretsch und Igor Walko waren mittendrin: Tagelang evakuierten sie Menschen aus dem verstrahlten Gebiet. Für ihr Engagement zahlen sie bis heute mit einer ruinierten Gesundheit und einem entwürdigenden Kampf um Entschädigung. 27 Jahre Tschernobyl: Viele Opfer kämpfen bis heute um Entschädigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/27-jahre-tschernobyl-viele-opfer-kaempfen-bis-heute-um-entschaedigung-a-895910.html)
...wo bleiben denn jetzt hier unsere Freunde der Atomenergie,die sich in jedem Forum über ein par cent EEG Umlage aufregen und von der Deindustrialisierung ganz Deutschlands fabulieren.....die vor Ökohass überschäumen und den Werteverfall Ihrer RWE und E.on Aktien betrauern......?
3. Rechnen!
Hannovergenuss 24.04.2013
Rechnen sie mal anhand der Bundesdeutschen Sterbetafeln nach wie viele 1986 20 Jährige bei uns nach 27 Jahren verstarben, das sind auch fast 10% also fast ebensoviele wie bei den Ukrainischen Liquidatoren. Empörend ist natürlich wie diese behandelt werden.
4. Hallo
Steeevyo 24.04.2013
Zitat von vincent1958...wo bleiben denn jetzt hier unsere Freunde der Atomenergie,die sich in jedem Forum über ein par cent EEG Umlage aufregen und von der Deindustrialisierung ganz Deutschlands fabulieren.....die vor Ökohass überschäumen und den Werteverfall Ihrer RWE und E.on Aktien betrauern......?
Ich bin hier. Ich wuenschte andere Energieformen haetten die niedrige Todesrate die Kernenergie nachweisslich hat. Das aender nichts an den bedauerlichen Schicksalen die im Artikel behandelt werden. Ich bin im Gegensatz zu Anti AKW Fanatikern allerdings nicht so selektiv mit meiner Anteilnahme und fuehle auch mit den Opfern der Kohlegewinnung in China beispielsweise, die um ein viel tausendfaches hoeher liegen.
5. Rechnen und Denken
poetdale 24.04.2013
Zitat von HannovergenussRechnen sie mal anhand der Bundesdeutschen Sterbetafeln nach wie viele 1986 20 Jährige bei uns nach 27 Jahren verstarben, das sind auch fast 10% also fast ebensoviele wie bei den Ukrainischen Liquidatoren. Empörend ist natürlich wie diese behandelt werden.
Es lohnt sich auch beim Rechnen zu denken. Die etwa 25000 von 250000 Liquidatoren sind in den Jahren 2009 bis 2013 gestorben. Wir sprechen nicht von den vergangenen 27 Jahren.
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