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30 Jahre Militärputsch in Chile: Allendes Auferstehung unter Polizeischutz

Von , Santiago de Chile

Der 11. September ist in Chile ein bedeutsames Datum: An diesem Tag im Jahr 1973 putschte das Militär gegen die sozialistische Regierung. Zu den Festivitäten des 30. Jahrestag formieren sich die alten Lager. Beim Großteil des Volks ist der damalige Präsident Salvador Allende ebenso unbeliebt wie sein Nachfolger, Diktator Pinochet.

Die Kommunisten zeigen Flagge: Gedenkmarsch für Allende
SANTIAGO LLANQUIN / AP

Die Kommunisten zeigen Flagge: Gedenkmarsch für Allende

Der 11. September ist nicht nur für die USA ein einschneidendes Datum - auch in Chile hat dieser Tag historische Bedeutung: Am 11. September vor 30 Jahren hat das Militär gegen die Regierung Allende geputscht.

Im öffentlichen Bewusstsein spielt der 30. Jahrestag des Militärputsches keine große Rolle. 68 Prozent der Chilenen interessieren sich laut einer Umfrage nicht dafür. Doch es gibt kein Entkommen. Denn dieses Mal, so haben Politik und Medien entschieden, soll ausgiebig erinnert werden, ein für allemal.

Seit Monaten lebt das Land daher wieder in der schwarzweißen Vergangenheit: Der bombardierte Regierungspalast La Moneda in Flammen, Salvador Allende mit seiner Hornbrille, Panzer auf den Straßen Santiagos, die Junta Augusto Pinochets, all die berühmten Bilder von 1973 kehren wieder. Der Erinnerungsmarathon kulminiert diese Woche in zahlreichen Gedenkfeiern und Demonstrationen rund um den 11. September.

Die alten Reflexe

Kinos zeigen Dokumentations-Klassiker wie Patricio Guzmans "Die Schlacht um Chile", in den Universitäten finden Foren statt, es gibt Foto-Ausstellungen, und die Zeitungen sind voll mit Rückblicken und Appellen.

Genauso unbeliebt wie der Sozialist Allende: Diktator Pinochet
AP

Genauso unbeliebt wie der Sozialist Allende: Diktator Pinochet

Doch erinnert wird in separaten Lagern, denn trotz aller Aufrufe zur nationalen Versöhnung: Es braucht nur der Name Allende oder Pinochet zu fallen, und die alten Reflexe springen an. Der Sozialist Allende habe das Land an den Rand des Zusammenbruchs gewirtschaftet und den Putsch so selbst verursacht, sagen die einen. Das entschuldige noch lange nicht 17 Jahre Diktatur, sagen die anderen.

Seit Wochen muss sich die derzeitige Regierung des sozialdemokratischen Präsidenten Ricardo Lagos gegen den Vorwurf wehren, sie wolle mit einer parteiischen Hommage an den linken Märtyrer Allende das Land spalten. Lagos sah sich schließlich gezwungen zu versprechen, keine Lobrede auf Allende zu halten. Er bestand jedoch auf seinem Recht, des tragischen Todes eines demokratisch gewählten Präsidenten zu gedenken.

Angst vor Krawallen

Der Stein des Anstoßes: Statt einer neutralen Messe, wie sie in vergangenen Jahren üblich war, wird es diesmal eine Reihe symbolischer Akte geben. So wird eine Gedenktafel in dem Raum der Moneda angebracht, in dem Allende sich am 11. September 1973 erschossen hat. Auch wird jene Seitenpforte des Präsidentenpalastes wieder geöffnet, durch welche die Leiche Allendes damals heraus getragen wurde. Zusätzlich wird das Chile-Stadion nach Victor Jara benannt - zum Gedenken an den ermordeten Liedermacher, der zur Ikone des Widerstands gegen die Diktatur wurde.

Aufmarsch: Die Polizei rüstet sich für den Jahrestag
AP

Aufmarsch: Die Polizei rüstet sich für den Jahrestag

Je näher das Datum rückt, desto schärfer wird der Ton zwischen den beiden Lagern. Vergangene Woche boykottierte die rechte Opposition den offiziellen Gedenkakt für Allende im Parlament. In einigen armen Vierteln Santiagos ist es bereits zu Krawallen gekommen - mit brennenden Autoreifen stimmt man sich auf den konfliktträchtigsten Tag des Jahres ein. Der traditionelle Marsch zu Allendes Grab auf dem Friedhof in Recoleta wird, wenn er nicht ganz verboten wird, unter massiver Polizeipräsenz stattfinden. Aus Angst vor Randalierern haben einige Bezirksbürgermeister bereits Ampeln und Laternen von bestimmten Straßenecken entfernen lassen.

Die Pinochet-Stiftung plant mehrere Veranstaltungen in verschiedenen Städten, um die "Rettung des Vaterlandes" zu feiern, für die das Datum ihrer Meinung nach steht. Die verbleibenden Linken beklagen derweil den Verlust ihres sozialistischen Traums, unter anderem vergangene Woche mit einem Konzert im Nationalstadion, demselben Ort, der unter Pinochet als gigantisches Open-Air-Gefängnis fungiert hatte. 5000 politische Gegner wurden dort nach dem Putsch festgehalten.

Die meisten Chilenen allerdings werden am 11. September gar nichts Besonderes machen: Sie müssen arbeiten. Sie mögen weder Allende noch Pinochet, denn beide Namen stehen für Konflikt. In einer neuen Umfrage der Fundacion Futuro, die nach dem Ansehen der sieben letzten Präsidenten fragte, teilen sich Allende und Pinochet mit jeweils rund 30 Prozent den letzten Platz.

Ranghohe Militärs bedauern

Nicht zuletzt deshalb haben es Folteropfer wie Beatriz Brinkmann schwer, in der Gesellschaft Gehör zu finden. Die Deutsch-Chilenin, die 1986 für ein Jahr in Haft war und mehrfach gefoltert wurde, gehört zu denjenigen, für die der 11. September eine echte Bedeutung hat. "Die Debatte über die Vergangenheit ist wichtig", sagt sie. Sie freut sich über Fortschritte, etwa, "dass wir im Punkt Wahrheit weiterkommen".

Die Vergangenheit ruht nicht: Pinochet-Unterstützer demonstrieren an einem Mahnmal
AP

Die Vergangenheit ruht nicht: Pinochet-Unterstützer demonstrieren an einem Mahnmal

In den vergangenen Monaten sind etliche neue Details ans Licht gekommen. Ranghohe Militärs haben zum ersten Mal ihr Bedauern über die Menschenrechtsverletzungen der Pinochet-Ära ausgedrückt. Doch Brinkmann, die in einem Zentrum für Folteropfer arbeitet, zweifelt daran, dass solche Floskeln in handfeste Gefängnisstrafen übersetzt werden. "Ich kann nicht daran glauben, dass wir Gerechtigkeit erreichen werden."

Mireya Garcia, Vizepräsidentin der Organisation der Verschwundenen, hat eine einfache Erklärung dafür, warum die Debatte am Ende doch immer wieder stirbt. Genau eine Woche nach dem 11. September ist nämlich der chilenische Nationalfeiertag. "Es ist immer das gleiche", sagt Garcia. "Am 11. September erinnern wir uns an die Vergangenheit, und am 18. hüllen wir uns in die Fahne und ertränken die Erinnerungen im Alkohol".

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