30 Jahre Pinochet Der Diktator mit der Turnschuhsammlung

Sonnenbrille, Schnäuzer, fiese Mimik - Augusto Pinochet war die Karikatur des südamerikanischen Diktators. 30 Jahre nach seinem Putsch lebt der 87-Jährige in Santiago de Chile, geächtet, aber trotz aller Anklagen auf freiem Fuß.

Von , Santiago de Chile


Prototyp eines südamerikanischen Diktators: Augusto Pinochet am 20. Jahrestag seines Putsches 1993
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Prototyp eines südamerikanischen Diktators: Augusto Pinochet am 20. Jahrestag seines Putsches 1993

Was macht ein Diktator im Ruhestand den lieben langen Tag? Rausgehen kann Augusto Pinochet nicht, dann hieße es wieder, er sei zurechnungsfähig und belangbar für die Verbrechen seines Regimes. Computer darf er nicht benutzen - aus gesundheitlichen Gründen. Und Turnschuhe sammeln wird auch irgendwann langweilig. Hunderte Paare soll er haben, und er kauft immer noch neue.

Man muss kein Mitleid haben mit dem langjährigen Diktator Chiles, unter dem 3200 Menschen starben und Zehntausende eingesperrt und gefoltert wurden. Aber zum 30. Jahrestag des Putsches am 11. September drängt sich die Frage wieder auf: Was macht Pinochet eigentlich, 13 Jahre nach dem Ende seiner Herrschaft?

Seine Herrschaft forderte 3200 Opfer: Massengrab in Pisagua
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Seine Herrschaft forderte 3200 Opfer: Massengrab in Pisagua

Nicht, dass es in Chile irgendwen interessieren würde. Viele würden am liebsten gar nichts mehr über den General mit der Fiepsstimme hören. Diesen Alptraum bloß schnell vergessen.

So lebt der 87-jährige Pinochet mit seiner 80-jährigen Frau Lucia unbehelligt in einem 250-Quadratmeter-Haus in der Hauptstadt Santiago, im neureichen Stadtteil La Dehesa. Sein Name generiert immer noch heftige Debatten, aber das sind Stellvertreterkriege. Er selbst meldet sich nie zu Wort, lässt seinen einstigen Untergebenen Guillermo Garin, einen pensionierten General, für sich sprechen.

Für die Zeitungen nur noch eine Randnotiz

Die Familie versucht ihn als senilen Opa darzustellen: Pinochet vor drei Jahren
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Die Familie versucht ihn als senilen Opa darzustellen: Pinochet vor drei Jahren

Ab und zu bringen die Zeitungen eine Randnotiz über die Person Pinochet, etwa, dass er bei einem Mittagessen mit Generälen eine fünf Minuten lange Rede gehalten habe. Oder dass er in seiner Heimatstadt Iquique Urlaub macht und Geschenke für seine Enkel kauft.

Seine Familie ist bemüht, ihn als senilen Opa darzustellen, den man in Ruhe sterben lassen sollte. "Er hat viele Probleme, kann nicht alles essen, nur seine Diät. Er kann nicht mehr gehen, weil seine Beine nicht mehr reagieren. Deshalb ist er auch sehr dick geworden", erzählt die älteste Tochter Lucia im Interview der Zeitung "El Periodista". Dazu kommen Diabetes und ein Herzschrittmacher. Trotz allem habe er "große Lust zu leben", sagt Lucia.

Bislang viermal einem Prozesss entgangen

Vor Gericht hat der "General" bisher noch immer triumphiert. Ein chilenisches Berufungsgericht lehnte soeben einen Antrag ab, den Gesundheitszustand des Ex-Diktators erneut zu überprüfen. "Wenn er mit seinen Fans reden kann, wieso nicht mit einem Richter?", schäumt der Anwalt der Kläger, Hernan Montealegre.

Knapp einem Verfahren entgangen: Pinochet nach seinem Zwangsaufenthalt in Großbritannien
DPA

Knapp einem Verfahren entgangen: Pinochet nach seinem Zwangsaufenthalt in Großbritannien

Schon viermal entkam Pinochet einem Prozess: Aus seinem Hausarrest in London 1998 wurde er aus gesundheitlichen Gründen entlassen, und auch die chilenische Justiz hat es bisher nicht gewagt, ein Urteil über ihn zu fällen. Als er vergangenes Jahr für die Mordtaten der berüchtigten "Karawane des Todes" angeklagt war, stellte der oberste Gerichtshof das Verfahren vor der Urteilsfindung ein - ein Novum in der chilenischen Geschichte. Einige Personen stünden eben immer noch über dem Gesetz, kommentierte Chiles sozialdemokratischer Präsident Ricardo Lagos kürzlich in einem BBC-Interview.

Bequemer Lebensabend

Es ist fast schon ein Klischee, dass Ex-Diktatoren einen bequemen Lebensabend genießen. Auch in Pinochets Fall trifft es zu. Er bezieht bis heute ein Gehalt als Ex-Präsident, das Militär zahlt für seine Prozesskosten. Neben seinem Haus in Santiago hat er auch noch ein Anwesen an der Pazifikküste bei Santo Domingo. In Santiago betreuen ihn zwei Hausmeister, ein Krankenpfleger, ein Privatsekretär, ein Chauffeur sowie das Sicherheitspersonal. Seine fünf Kinder kommen häufig zum Mittagessen - obwohl das angesichts der faden Diät kein großer Spaß sei, wie sein Sohn Marco Antonio verrät.

Der Greis, den eine Diagnose der Altersdemenz bisher vor gerichtlicher Verurteilung verschont hat, steht laut "El Periodista" morgens um halb zehn auf, bekommt Blut abgenommen, um die Insulindosis für den Tag festzulegen, und blättert durch die Zeitungen. Je nachdem, wie er sich fühlt, bittet er dann zur Audienz. Immer noch wollen ihn viele Leute sehen. Allerdings nur heimlich. Öffentlich distanzieren sich selbst manche rechte Politiker von Pinochet. Sie wissen, dass man mit der Vergangenheit keine Wahlen gewinnen kann. "Die Politiker haben ihn verlassen", klagt Tochter Lucia.

"Soldatisches Opfer"

Pinochet ist heute in weiten Teilen der Gesellschaft geächtet: Proteste gegen die Straflosigkeit seiner Verbrechen
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Pinochet ist heute in weiten Teilen der Gesellschaft geächtet: Proteste gegen die Straflosigkeit seiner Verbrechen

In weiten Teilen der Gesellschaft ist der Ex-Diktator geächtet, das Stigma des Nachnamens spüren auch seine Kinder. "Es gibt viele Leute, die privat sehr freundlich zu mir sind, aber sobald sie in der Öffentlichkeit sind, grüßen sie nur aus der Ferne", sagt Lucia.

Ihr Vater weiß, dass er unbeliebt ist. Im Juli 2002 trat er daher auch von seinem letzten Posten als Senator auf Lebenszeit zurück, "um des sozialen Friedens willen", wie er damals in einer Erklärung schrieb. Es gebe immer noch "zu viele Emotionen unter unseren Bürgern", daher sei mit einem "objektiven und fairen Urteil" nicht zu rechnen. Pinochet zeigte sich allerdings überzeugt, dass die Geschichte sein "soldatisches Opfer" irgendwann zu würdigen wissen werde.

Eine Stiftung für sein "Lebenswerk"

Dem "sozialistischen Teufel" Salvatore Allende die Macht entrissen: Demonstration gegen den Ex-General
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Dem "sozialistischen Teufel" Salvatore Allende die Macht entrissen: Demonstration gegen den Ex-General

Um sein "Lebenswerk" angemessen zu erinnern, wurde 1995 die Pinochet-Stiftung gegründet. Auf deren Website ist zu lesen, dass Chile "seine Freiheit und Entwicklung" der Militärregierung zu verdanken habe. Es ist das Hauptargument des Pinochetismo: Der General habe das Land dem sozialistischen Teufel Salvador Allende entrissen und zum ökonomischen Tiger Lateinamerikas gemacht. Vorstand und Beirat der Stiftung sind gespickt mit alten Kampfgefährten, Präsident ist Sohnemann Marco Antonio.

Im Moment kämpft die Stiftung allerdings auf verlorenem Posten. Neue Enthüllungen lassen den Ex-Diktator in noch schlechterem Licht erscheinen - soweit das überhaupt möglich ist.

Ausgerechnet sein alter Junta-Kollege Fernando Matthei verriet in seinen soeben veröffentlichten Memoiren, dass Pinochet einen zweiten Putsch erwog, als er das Referendum 1988 verlor. Bisher war dem Diktator trotz aller Menschenrechtsverletzungen immer zu Gute gehalten worden, dass er nachdem Referendum die Machtfreiwillig abgab und sich dem "No" des chilenischen Volkes beugte. Laut Matthei, dem damaligen Chef der Luftwaffe, war Pinochet hingegen nicht so demokratisch gesinnt: Der Diktator habe mit Gewalt an der Macht bleiben wollen, nur die anderen Junta-Mitglieder hätten ihn davon abgehalten.

Der Darstellung fehlen die Beweise: Neben Matthei und Pinochet ist nur noch ein weiteres Junta-Mitglied am Leben, der damalige Polizeichef Rodolfo Stange, und der bestreitet den Plan für einen zweiten Putsch. Doch der Verdacht steht im Raum - Grund genug für die Pinochetistas, Matthei öffentlich als "Verräter" zu beschimpfen.

Pinochetistas im Verfolgungswahn

Zur Würdigung seines "Lebenswerkes": Eine eigene Stifung
REUTERS

Zur Würdigung seines "Lebenswerkes": Eine eigene Stifung

Überhaupt fühlen sich die Pinochetistas in diesen Tagen verfolgt. Das Wühlen in der Vergangenheit behagt ihnen nicht. Auf der Website der Pinochet-Stiftung ist von einer "orchestrierten Schmierkampagne" der Medien die Rede. Damit ist die ausführliche Berichterstattung über den Putsch und die Diktatur anlässlich des 30. Jahrestags gemeint.

Die Berichterstattung hat nach Meinung vieler Beobachter endlich eine gewisse Objektivität erreicht. Dennoch ist es noch ein weiter Weg zum wahren Pluralismus. Das ganze Ausmaß der Verdrängung lässt sich am Sprachgebrauch der wichtigsten Zeitung des Landes, "El Mercurio", ablesen. Erst vor wenigen Monaten hat das Blatt zum ersten Mal das Wort "Putsch" gedruckt, vorher war immer nur beschönigend vom "Amtsbeginn der Militärregierung" die Rede. Das Wort "Diktator" ist immer noch tabu, es handelt sich offiziell um den "Ex-Präsidenten" oder "General" Augusto Pinochet.

Während die Justiz ihm den Rücken freihält, sitzt der frühere Diktator zu Hause und liest Bücher über Heilige und Archäologie. Am 11. September wird er in die Messe gehen und seine Anhänger um sich scharen. Sein ehemaliger Innenminister wird eine Rede halten, und alle Anwesenden werden ihn ehrfürchtig mit "mein General" anreden. Die oft geforderte öffentliche Entschuldigung wird Pinochet wieder nicht abgeben.



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