30-Minuten-Werbemarathon Obama erobert Amerikas Fernsehzimmer

Was für eine Show: Eine halbe Stunde Werbezeit hat sich Barack Obama im US-Fernsehen eingekauft. Mit einem perfekten Film wollte er die Amerikaner davon überzeugen, dass er einer von ihnen ist - und kam dabei ziemlich weit.

Von , Washington


Washington - 1967 drehte Stanley Kramer den Film "Rat mal, wer zum Essen kommt?" Spencer Tracy und Katherine Hepburn spielen die Draytons, ein weißes Ehepaar mit junger süßer Tochter, die von einer Hawaii-Reise ihren neuen Freund zum Abendessen mitbringt. Er ist Arzt, höflich, gebildet, sieht blendend aus, der ideale Schwiegersohn - er hat schwarze Haut. Die Draytons sind Liberale, aber so liberal dann doch nicht. Sie sind schockiert.

In der vergangenen Nacht lud sich ein anderer Mann mit dunkler Hautfarbe aus Hawaii in Amerikas Wohnzimmer ein - um acht Uhr, kurz nach dem Abendessen: Barack Obama. Eine volle halbe Stunde hat der demokratische Präsidentschaftskandidat gebucht - zur besten Sendezeit, auf CBS, NBC, Fox, auf Univision, BET and TV One. Der Marathon-Werbespot zeigt schon nach ein paar Minuten: Viel hat sich geändert seit 1967 in den USA - aber doch nicht alles. Noch immer steht die Frage aus Kramers Film-Klassiker im Raum: Darf ich hereinkommen, auch wenn ich anders heiße und anders aussehe als ein gewöhnlicher Kandidat?

In US-Wahlkämpfen wird von der Wohnzimmer-Hürde gesprochen: Können sich die Amerikaner vorstellen, den Kandidaten vier Jahre lang abends via Fernsehen als Präsident in ihre Wohnung zu lassen? Trotz seines Vorsprungs in den Umfragen fürchten Obamas Berater nach wie vor Vorbehalte gegen einen Afro-Amerikaner im Weißen Haus; es ist der Abend, an dem bekannt wird, dass auf einem Campus im Bundestaat Kentucky eine erhängte Obama-Puppe gefunden wird.

"Hier ist, was ich als Präsident tun werde"

In seinem Werbespot steht Obama nun in einem holzvertäfelten Büro, das dem Oval Office stark ähnelt. Er spricht mit fester Stimme in die Kameras - wie Präsidenten halt sprechen. Er sagt: "Hier ist, was ich als Präsident tun werde." Das ist der autoritäre Teil.

Dann gibt es den mitfühlenden Teil, den ein Präsident auch beherrschen sollte, gerade in Krisenzeiten. Dafür sitzt Obama mit einfachen Wählern am Küchentisch, und er erzählt Geschichten von Menschen, die es schwer haben. Die Wähler in dem Werbespot kommen allesamt aus umkämpften Bundesstaaten wie Ohio. Sie sind schwarz und weiß, alt und jung, aber sie haben eins gemeinsam: Sorgen. Um ihre Kinder, um die Rechnungen, um die Medikamente, die sie nicht zahlen können, um die Zukunft. Obama hört zu, Obama findet tröstende Worte.

"Sie haben diese Pension verdient", sagt er einem Arbeiter, der von seiner versprochenen Pension von 1500 Dollar pro Monat nun nur noch 375 erhält. "Danke", antwortet der. Zweimal.

Wem diese Szenen nicht genügen, für den hat Obama eine Menge Freunde mitgebracht, die für ihn bürgen. Gouverneure aus der Mitte des Landes, aus Kansas oder New Mexiko, sie sagen all die richtigen Sätze: Obama ist ein Problemlöser. Obama wird ein guter Oberkommandierender sein. Obama hat Wurzeln in Kansas (seine Mutter kommt von dort).

Kein Wort über Bush oder McCain trübt die schönen Bilder

Aber allen voran: seine Frau Michelle, seine beiden Töchter. Beim Kartenspielen sind sie zu sehen, lachend. Michelle berichtet, wie ihr Mann die Kinder jeden Abend anrufe, ihnen vorlese, natürlich Harry Potter. "Alle Eltern wollen dasselbe für ihre Kinder", sagt der Präsident-in-spe in die Kamera.

Ausgespart bleiben in diesem Werbespot Obamas ungewöhnliche Kindheitsstationen Indonesien und Hawaii, seine Jahre an den Elite-Unis Columbia und Harvard. Bei flüchtigem Hinsehen lässt "Obama TV" eher glauben, er sei ein ganz gewöhnlicher Familienvater aus Kansas.

Das ist natürlich gewollt - genau wie die vielen US-Flaggen in sanften Aufnahmen Amerikas, kunstvoll inszeniert von Davis Guggenheim, der schon Regie bei Al Gores Klimaschutz-Film "An Inconvenient Truth" führte und dessen Vater einst Dokumentarfilmer von Robert F. Kennedys Wahlkampf war.

Kein böses Wort über John McCain oder George W. Bush trübt die schönen Bilder. Es soll um die Zukunft gehen, um die Hoffnung.

"Das ist die Story von Amerika", sagt Obama.

Natürlich ist es auch die Story von Barack Obamas unglaublichem Aufstieg.

Dessen Stationen sind zu sehen - seine schon legendäre Parteitagsrede in Boston im Jahre 2004, die Erklärung seiner Präsidentschaftskandidatur 2007 in Springfield, der Nominierungsparteitag in Denver. Die Kamera schwelgt in jubelnden Massen, den "Change"-Schildern.

Dann ist Obama plötzlich am Ende zwei Minuten lang live auf dem Schirm, in einem perfekten Schnitt. Er spricht vor begeisterten Zuhörern in der Nähe von Fort Lauderdale in Florida, er ruft: "Amerika, die Zeit für Wandel ist gekommen!" Der Kandidat guckt dabei nicht wirklich in die Kamera, ein kleiner Makel immerhin - aber vielleicht ist das auch kalkuliert.

Eine grandiose Demonstration der Stärke

Es ist ein großes Wahlkampf-Finale, das Obama da bietet. Kurz nach der halbstündigen Fernsehshow tritt er auch noch zum ersten Mal mit Bill Clinton in Kissimmee in Florida auf. Es ist sein Abend. Mehr als 780 Millionen Dollar an Spenden hat Obama von seinen Anhängern gesammelt. Nie hatte ein Kandidat mehr Geld zur Verfügung. Mehr als drei Millionen Dollar kostete allein die Werbe-Extravaganza dieses Abends. Das letzte Mal hat sich vor 16 Jahren ein Kandidat einen ähnlich langen TV-Auftritt geleistet, Ross Perot, der war Milliardär.

Obama könnte noch viel mehr Fernseh-Werbezeit kaufen, wenn er wollte. Rivale John McCain, der nur auf 340 Millionen Dollar Spendengelder kommt, bleibt nicht mehr, als nach Obamas Show in jener Nacht einen im Vergleich sehr kurzen Clip zu schalten, der erneut die Eignung des Demokraten fürs Weiße Haus anzweifelt.

Aber verfängt das nun noch?

Die halbe Werbestunde war eine grandiose Demonstration der Stärke. Oder des Übermuts? Obama ist davor nicht immer gefeit.

Sein Auftritt im Juli an der Berliner Siegessäule vor 250.000 Zuschauern freute Europäer, doch erschien er manchen Amerikanern anmaßend für einen Präsidentschaftsbewerber. Auch seine Rede beim Demokraten-Parteitag vor einer Art griechischem Tempel in einem gewaltigen Stadion trug Popstar-Züge. Und nun dieser teure Endlos-Spot, perfekt durchgestylt wie ein Hollywoodstreifen. Zu einer Sendezeit, da viele Amerikaner zur Entspannung ihr gewohntes Fernsehprogramm erwarten - und Sportfans stattdessen erleben mussten, dass Fox offensichtlich die Übertragung eines der Spiele der Baseball-Endrunde "World Series" für Obamas lukrativen Spot verschob (der Sender verneint das pflichtschuldig).

McCain spricht über Obamas angebliche PLO-Connection

Die Republikaner versuchen nun, auf dieser Ebene zu punkten. "Das zeigt mal wieder: Bei ihm geht es mehr um Stil als Substanz", wettert einer ihrer Strategen. "Wenn ich Präsident bin, wird kein Spiel der World Series wegen einer Wahlkampfwerbung verschoben", verspricht McCain.

Der Kandidat der Republikaner sitzt kurz nach dem Ende der Obama-Show bei Talkshow-Legende "Larry King". McCain redet gleich wieder über Obamas angebliche Verbindungen zu einem PLO-Terroristen, das neueste Gerücht seines Teams - das von US-Medien rasch widerlegt wurde.

Dann fragt King den Republikaner, was er eigentlich möge an Obama. McCain sagt behutsam, der Rivale sei inspirierend. Und er sei ein guter Vater.

In dem Moment wirkt er fast wie Spencer Tracy in "Rate mal, wer zum Essen kommt?" Der gesteht sich schließlich ein, dass wenig gegen einen schwarzen Schwiegersohn spricht. Am Ende von Kramers Film wird der schwarze Heiratsbewerber Teil der weißen Familie.

In sechs Tagen könnten die Amerikaner Obama in ihre Wohnzimmer lassen - als US-Präsidenten.

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