Machtkampf in Ägypten Dutzende Tote in Kairo - Muslimbrüder rufen zum Aufstand auf

Die Staatskrise in Ägypten spitzt sich zu: Bei einer Schießerei vor einer Kaserne in Kairo sind Dutzende Muslimbrüder gestorben. Die Partei der radikalislamischen Salafisten boykottiert jetzt die Gespräche über eine neue Regierung - und die Muslimbrüder fordern ihre Anhänger zum Aufstand auf.

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Kairo - Nach einer Schießerei vor einer Kaserne in Kairo ist die Zahl der Toten auf 42 gestiegen. Die genauen Umstände des Zwischenfalls sind noch unklar. Nach Darstellung der islamistischen Muslimbrüder wurden ihre Anhänger von den Sicherheitskräften beschossen. Dagegen erklärte die Armee, eine Terrorgruppe habe versucht, das Hauptquartier der Republikanischen Garde zu stürmen.

Nach dem Zwischenfall riefen die Muslimbrüder ihre Anhänger zum Aufstand auf. Die Menschen sollten sich gegen jene erheben, die "die Revolution mit Panzern stehlen", heißt es in einer Erklärung vom Montagvormittag.

Das Militär nahm nach eigenen Angaben etwa 200 Bewaffnete fest, die an dem Angriff beteiligt gewesen sein sollen. Die Festgenommenen hätten unter anderem Schusswaffen und Brandsätze bei sich gehabt, hieß es in einer Erklärung der Armee.

In der belagerten Kaserne soll sich angeblich Ex-Präsident Mohammed Mursi befinden, der unter Arrest steht. Er war am Mittwoch nach anhaltenden Massenprotesten gegen seine Amtsführung von den Streitkräften abgesetzt worden. Auch zahlreiche Anführer der Bruderschaft wurden festgenommen.

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Aufruhr in Ägypten: Eskalation vor Militärgelände
Nach den Zusammenstößen erklärten die radikalislamischen Salafisten, sie zögen sich aus den politischen Gesprächen über die Zukunft Ägyptens zurück. Das erklärte der Sprecher der "Partei des Lichts", Nader Bakkar, am Montag über Twitter: "Wir haben als Reaktion auf das Massaker vor dem Club der Republikanischen Garde beschlossen, uns mit sofortiger Wirkung aus allen Verhandlungen zurückzuziehen." Die Salafisten "wollten Blutvergießen verhindern, und nun fließt das Blut in Strömen", fügte er hinzu.

Die ultrakonservative Partei war früher mit der Muslimbruderschaft verbündet, aus der Mursi stammt. Zuletzt hatte sie sich aber der Opposition gegen den am Mittwoch vom Militär abgesetzten Präsidenten angeschlossen.

Bei der Bildung einer Übergangsregierung gibt es damit neue Hindernisse. Zuvor hatte sich die Nur-Partei bereits gegen den neuen Favoriten für den Posten des Regierungschefs ausgesprochen. Dem Sozialdemokraten Siad Bahaa al-Din ist nach ägyptischen Medienberichten das Amt angeboten worden. Der Wirtschaftsjurist sagte dem Blatt, es gebe noch keine offizielle oder endgültige Entscheidung. Die Salafisten wollen für das Amt dagegen eine politisch neutrale Persönlichkeit.

Türkei spricht von "Massaker"

Auch Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei als Vizepräsidenten lehnen sie ab, wie der Fernsehsender al-Arabija berichtete. Laut der Zeitung "al-Ahram" sollte ElBaradei dieses Amt übernehmen. Die Ernennung von ElBaradei zum neuen Chef der Übergangsregierung war am späten Samstagabend dementiert worden. Nach der Entmachtung Mursis soll der Übergangspräsident Adli Mansur das Land bis zu Neuwahlen führen.

ElBaradei forderte am Montagmittag eine unabhängige Untersuchung der tödlichen Zusammenstöße in Kairo. "Gewalt erzeugt Gegengewalt und sollte scharf verurteilt werden", warnte der ägyptische Politiker am Montag über den Kurznachrichtendienst Twitter. Ein friedlicher Übergang sei der einzige Weg für Ägypten.

Die türkische Regierung rügte den Zwischenfall an der Kaserne. Außenminister Ahmet Davutoglu sprach von einem "Massaker" und forderte, dass der Normalisierungsprozess beginnen müsse.

fab/dpa/Reuters

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insgesamt 135 Beiträge
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kaputtschino 08.07.2013
1. titel
Wer so dämlich ist, sich offen mit dem Militär anzulegen hat nichts anderes verdient. Die sogenannten Muslimbrüder sowieso nicht.
bio1 08.07.2013
2. "Marktkonforme Demokratie" oder Diktatur?
Der frühere Premierminister des Vereinigten Königreich und momentaner Sondergesandte des Nahost-Quartetts Tony Blair verteidigt den Militär-Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung Ägyptens. Er wäre zwar ein starker Befürworter der Demokratie, aber Demokratie ist kein Ersatz für “effektive Regierungsentscheidungen”. Es müsste jemand Dingen zum Laufen bringen. “Das wird harte, unpopuläre Entscheidungen bedeuten. Es wird nicht leicht.” Das ägyptische Militär hätte eine Wahl zwischen “Chaos und Intervention” gehabt. Trotz der Massenproteste reagierte die ägyptische Börse mit Kurs-Sprüngen auf den Putsch. Tony Blair: Demokratie kein Ersatz für effektive Regierung Tony Blair: Demokratie kein Ersatz für effektive Regierung | Friedensblick (http://friedensblick.de/6582/tony-blair-demokratie-kein-ersatz-fuer-effektive-regierung/)
Pinsel 08.07.2013
3. Thema durch
"Nach der Entmachtung Mursis soll der Übergangspräsident Adli Mansur das Land bis zu Neuwahlen führen." Neuwahlen? Eher geht die Sonne viereckig auf. Ägypten kann man gedanklich von der Landkarte streichen. Eine weitere No-Go-Area in Nah-Ost. Thema durch.
gewgaw 08.07.2013
4.
Zitat von sysopAFPDie Staatskrise in Ägypten spitzt sich zu: Bei einer Schießerei vor einer Kaserne in Kairo sind Dutzende Muslimbrüder gestorben. Die Partei der radikalislamischen Salafisten boykottiert jetzt die Gespräche über eine neue Regierung - und die Muslimbrüder fordern ihre Anhänger zum Aufstand auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/42-tote-in-kairo-muslimbrueder-rufen-zu-aufstand-auf-a-909935.html
Stichworte: - Youth bulge - Ein-Kind-Politik - Ägypten Selbstversorgungsgrad: 55% Ansonsten ist alles andere nur ein Vorwand bzw. politisch motiviert.
gast2011 08.07.2013
5. hmmm
sind die nun alle bei den junfrauen? und was ist mit den frauen, was bekommen die? fragen über fragen zur friedlichsten religion von allen.
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