Von Björn Hengst
Hamburg - Es war ein grauer Regentag, als Don Melitón Manzanas González nachmittags am 2. August 1968 von der Arbeit nach Hause kam. Der Polizeikommissar von San Sebastián stieg die Stufen zu seiner Wohnung herauf, als ein Schuss die Stille in dem baskischen Grenzort Irún zerriss. Manzanas sackte auf der Treppe zusammen. Den 59-Jährigen trafen weitere Kugeln aus einer 7,85-Millimeter-Pistole, drei davon unmittelbar in den Kopf.
An jenem Augusttag feuerte die radikale baskische Separatistenorganisation Eta ihre ersten gezielten Todesschüsse ab.
Drohungen gegen den verhassten Polizisten gab es von den Separatisten genug. Sie machten ihn verantwortlich für Verhaftungen und Misshandlungen von Freiheitskämpfern des Baskenlandes. Und als solche verstehen sie sich: Euskadi ta Askatasuna, zu deutsch Baskenland und Freiheit, dafür stehen die drei Buchstaben Eta.
Einen unabhängigen, sozialistisch geprägten baskischen Staat will die Organisation und dafür kämpft, bombt und tötet sie seit nunmehr fünf Jahrzehnten.
Eine Gruppe junger Basken, die meisten von ihnen Studenten der Jesuitenuniversität von Bilbao, hat die Eta am 31. Juli 1959 gegründet. Ihr erster Gegner war Diktator Francisco Franco. Dessen designierten Nachfolger, den damaligen Ministerpräsidenten Luis Carrero Blanco, ermordeten die Separatisten im Dezember 1973.
Aber der Terror der Eta endete nicht mit Spaniens Übergang zur Demokratie. Die Vertreter des Staates stehen weiter im Visier der radikalen Separatisten.
Auch auf König Juan Carlos plante die Eta Mordanschläge: 1995 wollten die radikalen Separatisten den spanischen König während dessen Urlaub auf Mallorca töten. Ein Präzisionsgewehr mit Schalldämpfern und Dum-Dum-Geschossen lag in einem Apartment bereit, von dem aus ein Scharfschütze auf die rund 250 Meter entfernte Motoryacht des Königs schießen sollte. Die Polizei kam der Gruppe frühzeitig auf die Spur und nahm das dreiköpfige Eta-Kommando fest. Im anschließenden Prozess bezeichneten die Angeklagten den König als Hauptverantwortlichen für die "Unterdrückung" der Basken und verlangten eine Abstimmung über die Unabhängigkeitsforderungen der Eta.
2004 soll die Organisation einen Raketenangriff auf das Flugzeug des Königs vorbereitet haben, die Pläne wurden aber von französischen Anti-Terror-Einheiten aufgedeckt.
Oft genug gingen die Pläne der Eta allerdings in blutigem Terror auf:
Die Liste der Anschläge in den vergangenen Jahren ließe sich fortsetzen: Mehr als 800 Tote und Tausende Verletzte gehen auf das Konto der Eta. Auch vor Touristenzielen machte die Gruppe keinen Halt. Am 22. Juli 2003 wurden bei Bombenanschlägen auf zwei Urlauber-Hotels an der Costa Blanca 13 Menschen verletzt, darunter zwei Deutsche.
Zu dem Anschlag vor der Polizeistation in Palmanova auf Mallorca am vergangenen Donnerstag hat sich die Eta bislang nicht bekannt. Zugeschrieben wurde ihr die Tat aber bereits unmittelbar nach der Explosion, bei der zwei Beamte der Guardia Civil starben.
Ganz gleich, ob die Eta hinter dem Mallorca-Anschlag steckt oder nicht, die Separatistenorganisation hat längst die Sympathie verloren, die sie zu Zeit des Franco-Regimes in Teilen der baskischen Gesellschaft genoss.
Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Gespräche zwischen der Eta und dem spanischen Staat, mehrfach kam es zu zeitlich begrenzten Waffenruhen, aber die Gewalt flammte später wieder auf.
Nach den verheerenden islamistischen Anschlägen auf Pendlerzüge in Madrid am 11. März 2004 mit 192 Toten schränkte die Eta vorübergehend ihre Aktionen ein und signalisierte Dialogbereitschaft. Die spanische Regierung lehnte den Vorschlag jedoch ab, weil die Separatisten ausgeschlossen hatten, die Waffen endgültig niederzulegen.
Zuletzt führte die spanische Regierung unter dem amtierenden Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero Verhandlungen mit der Eta, aber die Gespräche scheiterten trotz einer von der Separatistenorganisation verkündeten permanenten Waffenruhe. Mit einem Sprengstoffanschlag auf den Madrider Flughafen am 30. Dezember 2006 (zwei Tote) kehrte die Eta nach einem Machtwechsel innerhalb der Separatistenorganisation zur Gewalt zurück.
Dennoch galt die Eta zuletzt als extrem geschwächt. Die politische Betätigung wird dem politischen Arm der Eta seit dem Verbot der Batasuna-Partei im Jahr 2003 verwehrt. 750 Terroristen sitzen in Haft, allein in den vergangenen Monaten gelangen Ermittlern gleich mehrere Schläge gegen die Separatisten. So nahm die Polizei im Mai 2008 den unter dem Decknamen Thierry bekannten Leiter des militärischen und politischen Arms der Eta fest. Wenig später ging Ermittlern Thierrys Nachfolger Txeroki ins Netz, es folgten die Festnahmen weiterer Führungspersönlichkeiten.
Der jetzt der Eta zugeschriebene Anschlag auf Mallorca wäre deshalb ein bedeutungsschweres Zeichen der radikalen Separatisten, die Botschaft wäre diese: Wir können weiterhin zuschlagen - selbst auf der beliebtesten Ferieninsel im Mittelmeer.
Mit Material von dpa und AP
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