60-Millionen-Yacht für die Queen Ahoi, "Kaputtes Britannien"

Eine rauschende Party ist ihm nicht genug. Michael Gove, britischer Bildungsminister, will seiner Königin eine Yacht zum Thronjubiläum spendieren. Kostenpunkt: 60 Millionen Pfund. Premier Cameron hat er schon überzeugt - das Volk reagiert mit Spott und Häme.

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Hamburg - Es ist das alte Dilemma: Was der Chefin zum Dienstjubiläum schenken? Wenn die Chefin dazu noch Multi-Millionärin ist und, ganz nebenbei, Königin von England? Im Juni feiert Queen Elizabeth II. den 60. Jahrestag ihrer Thronbesteigung. Der konservative Bildungsminister Michael Gove hat nun seine ganz eigene Vorstellung eines angemessenen Geschenks präsentiert - und sorgt damit für hitzige Debatten im Königreich: Eine neue Yacht soll her, findet Gove. 60 Millionen Pfund teuer, finanziert aus Steuergeldern.

Von einem "Geschenk der Nation an ihre Majestät" schwärmt der treue Untertan Gove in einem Brief an die Organisatoren der Feierlichkeiten. Das Diamant-Jubiläum biete dem Volk eine Gelegenheit, die "höchst bedeutenden Beiträge und den unermüdlichen Dienst" der Königin zu würdigen. "Flüchtige Events", wie die tagelangen Feierlichkeiten im Sommer, reichten da nicht aus - "ein bleibendes Vermächtnis" sei ja wohl das mindeste. Was käme also als nachhaltiges Präsent an die Monarchin eher in Frage als ein neues Schiff für die Königin?

Erst recht, da die letzte royale Yacht, die "Britannia", 1997 aus Kostengründen außer Dienst gestellt wurde. Zu teuer waren Crew und Sicherheitspersonal, die "Britannia" liegt heute als Partyschiff im Hafen von Edinburgh. Elizabeth II., sonst nicht unbedingt als rührselig bekannt, soll bei der Stilllegung des stolzen Schiffs Tränen vergossen haben.

Den vertraulichen Brief mit dem generösen Vorschlag schickte Gove laut dem britischen "Guardian" am 11. Dezember unter anderem an Vize-Premier Nick Clegg. Am vergangenen Sonntag fand das Schreiben den Weg an die Öffentlichkeit - seitdem diskutieren die größten Zeitungen des Landes das Thema auf den Titelseiten.

"Realitätsferne" Idee des Ministers

Das politische Gegenlager zerpflückt Goves Idee genüsslich. Laut Tom Watson, Vertreter der Labour Party, ließe der Vorschlag erkennen, "wie realitätsfern" der Bildungsminister inzwischen sei. In einer Zeit größter finanzieller Belastung, schrumpfender Schuletats und dramatischen Lehrermangels fragten sich Eltern, "wie Gove auch nur auf die Idee kommen konnte".

Wenig Unterstützung erhielt der Vorschlag - zunächst - auch aus 10 Downing Street, dem Sitz des Premierministers. "Wir sind in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, die öffentlichen Finanzen sind knapp, darum glauben wir nicht, dass das gegenwärtig eine angemessene Verwendung öffentlichen Geldes wäre", erklärte Regierungssprecher Steve Field am Montag.

Nur wenige Stunden später folgte die rhetorische Wende. Man werde "positiv" auf jeden Vorschlag für ein neues Königs-Schiff reagieren, erklärte ein Sprecher von Premier David Cameron - sofern sich private Geldgeber für das Projekt finden ließen. Steuergelder dürften unter keinen Umständen verwendet werden.

Neuer Plan - ohne Steuergelder

Zuvor hatte Gove in einer Fragestunde im britischen Unterhaus wütend dementiert, je öffentliche Budgets für den Bau des Prestigeobjekts eingeplant zu haben. Der "Guardian", dem Goves Brief vom 11. Dezember vorliegt, hält ihm seine eigenen Zeilen vor. Demnach sei "trotz der ernsten Lage ein Geschenk der Nation an die Königin angemessen". Das Bildungsministerium nannte den Brief nach Informationen der Zeitung "locker formuliert".

Der neue Plan sieht nach Informationen der "Times" und des "Guardian" vor, die royale Yacht als "schwimmende Universität" auszulegen. Schüler, Studenten und Wissenschaftler könnten Teile des Schiffes während Forschungsreisen nutzen - gegen Gebühr. Die Quartiere im Heck wären für die königliche Familie reserviert. Angeblich liegen bereits jetzt Sponsoring-Angebote in Höhe von 15 Millionen Pfund vor.

Ein Teil der enormen Unterhaltskosten, so das Konzept, soll aus den Zahlungen der Studenten und Schüler gedeckt werden, die auf dem Schiff unterwegs sind.

Großbritannien schlittert in die Rezession

Wie sehr die aktuelle Diskussion an den wirklichen Problemen des Landes vorbeigeht, zeigen zahllose Forumseinträge und Tweets zu den Artikeln in "Times" und "Guardian". Nutzer beklagen die hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde finanzielle Unterstützung durch die Regierung - und einen Realitätsverlust der Politiker.

Wirtschaftsexperten warnen seit langem vor einem Rückfall Großbritanniens in eine Rezession. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 2,62 Millionen oder 8,3 Prozent - so hoch wie seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr. Eine Million davon sind unter 25 Jahre alt, das ist jeder Fünfte in dieser Altersgruppe.

Zudem steht Großbritannien seit seinem Veto gegen eine Änderung der EU-Verträge im Dezember 2011 in Europa zunehmend isoliert da. Wenige Briten, so lassen es die Kommentare vermuten, haben da Verständnis für eine Debatte um Millionen-Präsente an die königliche Familie.

Twitter-Nutzer spotten über Goves Vorschlag

Bei vielen Internetnutzern ist der Protest gegen die absurde Diskussion ohnehin längst in Spott umgeschlagen. Größter Beliebtheit erfreut sich ein Wettbewerb beim Kurzmitteilungsdienst Twitter. Das Ziel: Einen angemessenen Namen für das Traumschiff zu finden. Weit vorn liegt "HMS Broken Britannia" ("Kaputtes Britannien").

Viele Nutzer vermuten hinter Michael Goves Vorstoß aber auch einen wenig subtilen Versuch, sich bei der Königin beliebt zu machen. Einer der heißen Favoriten ist daher: "HMS Where is my Knighthood" ("Wo bleibt mein Ritterschlag?").



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Der Pragmatist 17.01.2012
1. ....und das mit recht so!
Zitat von sysopEine rauschende Party ist ihm nicht genug. Michael Gove, britischer Bildungsminister,*will seiner Königin eine Yacht zum Thronjubiläum spendieren. Kostenpunkt: 60 Millionen Pfund. Premier Cameron hat er schon überzeugt - das Volk reagiert mit Spott und Häme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,809596,00.html
das Volk reagiert mit Spott und Häme. ....und das mit recht so!
Michael KaiRo 17.01.2012
2. Sollen doch
die Bankster in London-City den Pott bezahlen! Für die sind das eh nur Peanuts.
sunhaq 17.01.2012
3.
Broken bedeutet nicht nur "kaputt" sondern auch "Pleite". Das macht in dem Kontext des Artikels vermutlich mehr Sinn.
rudig 17.01.2012
4. .
ich glaube, die Briten haben z.Zt. andere Sorgen, als Ihrer Königin ein 60-Mio Geschenk zu machen. Auf der anderen Seite, wenn ich unseren BP sehe, sollten sie mit ihrer Königin glücklich u. dankbar sein.
faxendigge 17.01.2012
5. Sorry,
aber "Broken Britannia" heisst in diesem Zusammenhang: Britannien ist pleite. broke = Pleite broken = zerbrochen [] ich habe ausreichende Englischkenntnisse um so einen Witz zu übersetzen [] ich sollte lieber andere Bereiche beim Qualitätsjournalismus suchen
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