70 Jahre D-Day Amerikas letzter guter Sieg

Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Bis heute verehren Amerikaner die Soldaten, die an den Stränden Frankreichs kämpften und starben. Danach überdehnten die USA ihre Macht, US-Präsident Obama sucht jetzt den Ausweg.

Eine Multimediareportage von und


An einem Tag im Sommer 1944 spuckt der Fernschreiber im Tante-Emma-Laden von Bedford einen Namen nach dem anderen aus. Noch einen. Und noch einen. Immer weiter. Es hört gar nicht mehr auf. Es sind die Namen der Toten. Als Bedford Boys gehen sie in die Geschichte ein.

Die in den Blue Ridge Mountains von Virginia gelegene Gemeinde hat damals gut 3000 Einwohner; 37 von ihnen sind vor eineinhalb Monaten mit Kompanie A der 29. US-Infanteriedivision am Strand der Normandie gelandet, einen Ozean entfernt von Virginia. Das war am 6. Juni 1944. D-Day. Jetzt, Wochen später, erfährt das Dorf per Telegraf, dass an diesem einzigen Tag 19 seiner Boys fielen. Innerhalb einer Viertelstunde.

Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hatte kein Ort in den USA am D-Day mehr Tote zu beklagen. "Hier kannte jeder jeden", sagt April Cheek-Messier. Bedford stehe sinnbildlich für das große Opfer, das Amerikas kleine Gemeinden für die Befreiung Europas gebracht haben. "Bürgersoldaten" nennt sie die Bedford Boys, die zumeist freiwillig in den Krieg zogen: "Sie sind meine Helden."

Cheek-Messier ist die Direktorin der Nationalen D-Day-Gedenkstätte, die sie hier in Bedford vor 13 Jahren errichtet haben; kurz vor den 9/11-Anschlägen war das. Sie symbolisiert den eroberten Strand: Im Vordergrund ein Landungsboot mit geöffneter Klappe, die Nachbildung stürmender und toter Soldaten im Meer, dann die Bunker der Deutschen. Zwischendurch spritzt Wasser auf, als würde Maschinengewehrfeuer einschlagen.

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An seinen wichtigsten militärischen Sieg im 20. Jahrhundert erinnert sich Amerika nicht etwa abstrakt in der Hauptstadt, sondern konkret draußen auf dem Land. Jeder alliierte Soldat, dessen Tod am D-Day belegt ist, ist in Bedford verzeichnet: 4413 Namen, eingraviert in schwarzen Marmor. Die tatsächliche Opferzahl dürfte höher sein.

Überlebende von damals treffen sich schon zwei Wochen vor dem 70. Jahrestag der Invasion in Bedford. Es ist Ende Mai, Memorial Day - der Tag, an dem Amerika alljährlich seiner Kriegstoten gedenkt. "Ich war damals 18 Jahre alt, aber ich wache noch heute auf, weil ich von diesem Boot träume", sagt Don Anglar.

Der heute 88-Jährige steuerte am D-Day eines der Landungsboote. Fünfmal fuhr er zum Strand. Hin mit frischen Soldaten, zurück mit Verwundeten. Bis sein Boot von einer deutschen Granate getroffen wurde. Anglar ist bis heute gezeichnet von den Verletzungen und Verbrennungen.

Don Anglar im Video: Verwundet am D-Day

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Auch er zog freiwillig in den Krieg. Warum eigentlich?

"Wir wollten Hitler loswerden und die Welt befreien."

Es ist der Satz eines 18-Jährigen aus dem Munde des 88-Jährigen. Es ist ein sehr amerikanischer Satz. Ein sehr guter. Ohne solche Sätze wäre Nazi-Deutschland wohl nicht zu schlagen gewesen. Anglar lächelt in Erinnerung seines jugendlichen Übermuts. Er sagt: "Ich bin ziemlich stolz, dass ihr und die anderen Länder heute frei seid."

Da steckt alles drin, was den D-Day und Amerikas Rolle ausmacht. Mit dem Zweiten Weltkrieg betraten die USA die Weltbühne - und verließen sie, anders als nach dem Ersten, nicht mehr. Der westlichen Welt brachte Amerikas Herrschaft Freiheit, Stabilität, Wohlstand. Dafür stehen Leute wie Don Anglar.

Doch zugleich überdehnte Amerika seine Macht nach dem großen Befreiungskrieg. Wollten sie sich in den Zwanziger- und Dreißigerjahren vornehmlich raushalten, glaubten ihre Politiker und Generäle nun, noch im hinterletzten Winkel der Welt für US-Interessen in den Kampf ziehen zu müssen. Etwas war von einem Extrem ins andere gekippt. Während des Vietnam-Kriegs stellte die US-Historikerin Barbara Tuchman fest, Amerika habe seine frühere "Isolations-Illusion" mit der "Illusion der Allmacht" ersetzt.

Animation: Die Landung in der Normandie

Google Earth/Landsat
Die Veteranen dieser paranoiden Zeit, auch sie kann man treffen unter den 1300 Gästen an der Gedenkstätte in Bedford. Auf ihren Kappen steht "Vietnam" oder "Irak". Sie sind die Söhne und Enkel der Generation Don Anglars. "Ob man mit dem jeweiligen Krieg einverstanden ist oder nicht, diese Leute haben ihr Leben eingesetzt und dem Land gedient, dafür gebührt ihnen Anerkennung", sagt die Direktorin Cheek-Messier.

Doch spielt der Unterschied zwischen einem notwendigen und einem sinnlosen Krieg keine Rolle? Die Generationen nach Anglar wurden in Kämpfe geschickt, die Amerikas Ansehen nicht steigerten wie der D-Day, sondern auf Dauer beschädigten. Längst ist die Supermacht selbst verunsichert:

Umfragen zufolge wünschen sich 47 Prozent der US-Bürger eine "weniger aktive Rolle in der Welt".

Eine Dekade der Kriege im Irak und in Afghanistan: Was eigentlich hat das der Nation gebracht, die einst gemeinsam mit ihren Verbündeten die Diktaturen in Deutschland und Japan innerhalb von vier Jahren schlug? Die Landung in der Normandie steht nicht nur stellvertretend für den letzten großen Kriegserfolg der USA; sie steht auch für jenes gute, weltweit geachtete Land, nach dem sich nicht zuletzt die Amerikaner selbst sehnen.

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Operation Overlord: D-Day, H-Hour
Es ist diese Atmosphäre, in der Barack Obama gerade seine außenpolitischen Leitlinien vorgelegt hat. Sie handeln von graduellem Rückzug bei gleichzeitigem Schattenkrieg: Drohnen, NSA-Spionage, Spezialeinsätze. Die größten Fehler nach dem Zweiten Weltkrieg, sagte der US-Präsident, seien nicht durch Zurückhaltung, "sondern durch militärische Abenteuer" gemacht worden.

Künftig würden die USA nur noch dann in einen Krieg ziehen, wenn ihre "Kerninteressen" bedroht seien. Und schon zuvor hatte er bei einer Rede vor der Uno-Generalversammlung festgestellt, das Beispiel Irak zeige, dass Demokratie nicht durch Gewalt eingeführt werden könne.

Allerdings: Obama will all das nicht als Isolationismus verstanden wissen. Bezeichnend, dass er nun die D-Day-Feierlichkeiten in der Normandie zum Anlass für eine Europa-Tour nimmt, auf der er eine Truppenverstärkung ankündigt sowie insbesondere Polen und die baltischen Staaten mit Blick auf Russlands aggressives Vorgehen in der Ukraine rückversichert: "Ihre Freiheit ist auch unsere Freiheit."

Das ist wieder so ein sehr amerikanischer Satz.




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