9/11-Ausschuss "Erinnerst du dich daran, Dick?"

Vor dem Untersuchungsausschuss waren sich die führenden Mitglieder der US-Regierung einig. Hinweise auf Terroraktionen habe es vor den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht gegeben. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld berief sich schlichtweg auf Erinnerungslücken.


Donald Rumsfeld: "Du vielleicht, Dick?"
AP

Donald Rumsfeld: "Du vielleicht, Dick?"

Washington - Er könne sich einfach nicht daran erinnern, dass es in seiner Amtszeit Hinweise darauf gegeben habe, dass ein Passagierflugzeug als Waffe eingesetzt werden könne, sagte Rumsfeld. Der Minister drehte sich bei seiner Aussage auch zu Generalstabsschef Richard "Dick" Myers um und sagte: "Ich kann mich nicht daran erinnern. Du vielleicht, Dick?"

Die Anschläge wären aber auch durch eine Ausschaltung von Terrorchef Osama Bin Laden nicht verhindert worden, meinte Rumsfeld. Außerdem wäre vor dem 11. September keine internationale Koalition zur Unterstützung des Anti- Terror-Feldzuges in Afghanistan zu Stande gekommen.

Ähnlich äußerte sich bei der siebenstündigen Anhörung auch Außenminister Colin Powell. Die Regierung habe der Terrorismusabwehr und insbesondere dem Kampf gegen al-Qaida von Anfang an höchste Priorität eingeräumt. Es hätten aber keine Hinweise auf die Anschläge vorgelegen. Die Regierung habe fälschlicherweise vielmehr geglaubt, die Hauptgefahr gehe von Anschlägen der militanten Muslim-Organisation gegen Ziele im Ausland aus.

Am Wochenende hatte Richard Clarke, der frühere Anti-Terror-Berater von George W. Bush, dem Präsidenten vorgeworfen, er habe sich von Anfang an auf den Irak konzentriert und dabei die Bedrohung durch al-Qaida trotz Warnungen außer Acht gelassen. Bush äußerte sich nun erstmals vor Journalisten selbst zu den Vorwürfen. Der Chef des US-Geheimdienstes CIA, George Tenet, habe ihn vor den Anschlägen vom 11. September 2001 regelmäßig über Terrordrohungen gegen die USA informiert, sagte Bush. "Hätte meine Regierung über irgendwelche Erkenntnisse darüber verfügt, dass Terroristen am 11. September New York angreifen würden, hätten wir gehandelt."

Der vom US-Kongress bereits im vergangenen Jahr eingesetzte Untersuchungsausschuss mit Vertretern der Republikaner und Demokraten soll die Entwicklungen im Vorfeld der Terroranschläge vom 11. September beleuchten und prüfen, ob die Attacken hätten verhindert werden können. Dazu wurden auch Mitglieder der früheren Regierung unter Präsident Bill Clinton vernommen: Außenministerin Madeleine Albright und Verteidigungsminister William Cohen. Sie verteidigten ihrerseits die seinerzeitige Anti-Terror- Strategie. Heute soll Tenet aussagen.

Vor den Vernehmungen hatte der Ausschuss am Dienstag einen vorläufigen Untersuchungsbericht vorgelegt und darin erklärt, dass die US-Geheimdienste schon Jahre vor dem 11. September von den Gefahren durch das al-Qaida-Netz gewusst hätten. Sowohl unter Clinton als auch unter Bush sei zunächst vor allem auf diplomatischem Weg versucht worden, die Terrororganisation zu schwächen. Erst kurz vor dem 11. September habe sich die Regierung auf eine Strategie verständigt, die früher oder später zu einem Militärschlag im Fall eines weiteren Versagens der Diplomatie geführt hätte.



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