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9/11-Ausschuss: Triumph der Trauernden

Von , Washington

Wochenlang hatte die US-Regierung versucht, ihre Aussage zu verhindern. Heute ist es so weit: Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice wird vom 9/11-Ausschuss verhört. Die schonungslose Aufarbeitung der Vorgeschichte der Terroranschläge ist vor allem vier jungen Witwen aus New Jersey zu verdanken.

Witwe Kristen Breitweiser: "Ich will wissen, warum mein Mann gestorben ist"
AP

Witwe Kristen Breitweiser: "Ich will wissen, warum mein Mann gestorben ist"

Washington - Kristen Breitweiser trägt zwei Eheringe: ihren eigenen links, einen zweiten rechts. Er gehörte ihrem Ehemann Ron. Der Ring wurde ihr im Oktober 2001 vom New York Police Department übergeben, wenige Wochen, nachdem Ron im Inferno des World Trade Centers umgekommen war. Er hatte noch an Rons abgerissener Hand gesteckt - das Einzige, was nach den Terrorattacken von ihm übrig geblieben war.

Wenn sich heute US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice vor dem Washingtoner Terror-Ausschuss für die Versäumnisse ihrer Regierung im Kampf gegen al-Qaida rechtfertigen muss, wird Breitweiser im Saal mit dabei sein, wie bei jeder Sitzung. Denn für die 33-jährige, hoch gewachsene Witwe aus New Jersey ist der Auftritt von Rice, die sich gegen eine Aussage lange gesträubt hat, ein bittersüßer Triumph der Trauernden: "Ich will wissen, warum mein Mann gestorben ist", sagt Breitweiser zu SPIEGEL ONLINE. "Warum er eines Tages nach der Arbeit nicht mehr nach Hause kam."

Diese einfache Frage führte schließlich zur Einsetzung der unabhängigen Kommission zur Untersuchung der Anschläge vom 11. September 2001. Denn der Terror-Ausschuss, der den Akteuren im Weißen Haus jetzt das Leben schwer macht, gibt es nur deshalb, weil Breitweiser und ihre drei besten Freundinnen - ebenfalls Witwen aus New Jersey - kurz nach dem Tod ihrer Männer einen stillen Pakt geschlossen und sich versprochen haben: "Wir werden herausbekommen, was genau passiert ist, warum und wer dafür die Verantwortung trägt. Das schulden wird unseren Jungs."

Tod im Frühstücksfernsehen

Deshalb ist die widerwillige Aussage von Condoleezza Rice, öffentlich und unter Eid, jetzt auch so wichtig. Nicht für die Nation, sondern vor allem für Breitweiser und ihre "Jersey Girls", wie sie in Washington inzwischen genannt werden. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines privat begonnenen Feldzuges für Gerechtigkeit, von dem sich viele Amerikaner mehr Aufklärung erhoffen. Auch Thomas Kean, der republikanische Vorsitzende des Ausschusses, lobt die Aktivitäten der Witwen: "Ich bezweifle, ob es uns ohne sie gäbe."

Condoleezza Rice: Wird sie sich entschuldigen?
AP

Condoleezza Rice: Wird sie sich entschuldigen?

Doch es ist jedes Mal auch eine Tortur für Breitweiser, Mindy Kleinberg, 42, Patty Casazza, 43, und Lorie van Auken, 49, deren Männer ebenfalls im World Trade Center umkamen. Vor zwei Wochen, als sich Richard Clarke, der einstige Terror-Beauftragte des Weißen Hauses als erstes Regierungsmitglied überhaupt bei den Opfer-Familien entschuldigte, flossen Tränen im Saal.

In Momenten wie diesem erinnert sich Breitweiser oft an Rons letzte Worte. "Mir geht's gut, keine Sorge", hatte ihr der Vizepräsident des Bankhauses Fiduciary Trust am Telefon versichert. Sekunden später jagte das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Centers, wo Ron im 94. Stock sein Büro hatte. Seine Frau sah den Moment seines Todes hilflos im Frühstücksfernsehen mit an.

Dramatische Versäumnisse und Pannen

Eine Ewigkeit lang hatte Breitweiser Abend für Abend noch gehofft, dass Ron heimkehrt zu ihr und ihrer heute fünfjährigen Tochter Caroline. Hatte ihm im Badezimmer liebevoll Zahnbürste und Zahnpasta zurechtgelegt, wie früher auch immer. Hatte sich dann auf den Klodeckel gehockt und still gewartet. Erst nach Monaten gestand sie sich ein, "dass mein Mann nie mehr zurückkommen wird."

Auf einer Veranstaltung für Terror-Opfer lernte sie Casazza, Kleinberg und van Auken kennen. Die vier wurden unzertrennlich. "Ihr könnt nicht zulassen, dass die Regierung euch wie Dreck behandelt", bläute ihnen Bob Monetti ein, der Chef der Hilfsorganisation "Families of PanAm103/Lockerbie", der bei dem Lockerbie-Anschlag von 1988 seinen Sohn verloren hatte.

Denn auf ihrer Suche nach plausiblen Antworten stießen die Frauen auf immer neue Fragen. "Die offiziellen Geschichten ergaben keinen Sinn", sagt van Auken, eine Designerin mit zwei Teenagern. Ihr Verdacht: Die Terroranschläge waren auch das Resultat dramatischer Versäumnisse und Pannen, die von der Regierung vertuscht werden sollten.

Ein Abgeordneter versteckt sich vor den Witwen

Also stellten die vier ihre eigenen Recherchen an. Nacht für Nacht saßen sie am Computer, surften auf der Jagd nach Indizien und Hintergründen zu 9/11 durchs Internet. Was sie fanden, machte sie stutzig: Ungereimtheiten, Informationslücken, Puzzlestücke ohne Bezug. Etwa, dass Bush schon im Frühjahr 2001 über die Gefahr eines al-Qaida-Anschlags auf US-Boden informiert war.

"Irgendjemand erzählt uns nicht die volle Wahrheit", glaubt Breitweiser. Also machten sie sich auf nach Washington - in eine fremde Politikwelt, von deren internen Regeln, Gesetzen und Gebräuchen sie keine Ahnung hatten.

Einen Schubkarren voller Akten hinter sich her ziehend, nahmen sie an Senatssitzungen teil und sagten auf Kongressanhörungen aus. Sie wurden im Weißen Haus vorstellig. Sie jagten dem republikanischen Abgeordneten Porter Goss nach, bis der sich hinter seiner Bürotür versteckte. Sie mobilisierten Tausende zu einer Mahnwache am Kapitol. Und eines Abends, nach einer weiteren Demonstration, sprach Casazza müde das aus, was sie alle dachten: "Okay, wir haben demonstriert - können unsere Männer jetzt nach Hause kommen?"

Wird sich Condi Rice entschuldigen?

Verbündete fanden sie im demokratischen Senator Joseph Lieberman und seinem republikanischen Kollegen John McCain. Die brachten schließlich den Gesetzesentwurf zur Bildung der Terror-Kommission durch den Kongress, gegen den Widerstand Bushs. Im März 2003 nahm der zehnköpfige Ausschuss die Arbeit auf. "Ich bin enorm beeindruckt, dass Laien den Weg für dieses Gremium geebnet haben", sagte Ex-Vizejustizminister Jamie Gorelick bei der ersten Sitzung. "Was ist Ihr Geheimnis?" Kleinbergs Antwort war ebenso kühl wie kummervoll: "18 Monate, in denen wir nichts anderes getan haben als zu trauern und das Puzzle zusammenzusetzen."

Um dieses Puzzle zu vervollständigen, wird jetzt auch Sicherheitsberaterin Rice wichtige Fragen beantworten müssen. Zum Beispiel: Warum schoss sich die US-Regierung nach dem 11. September 2001 intern sofort auf den Irak ein, obwohl alle Spuren zu al-Qaida führten? Warum reagierte niemand auf die über 40 Briefings, in denen CIA-Direktor George Tenet Bush vor al-Qaida warnte? Warum gab es in den Monaten vor 9/11 nur eine einzige Kabinettssondersitzung zur Terror-Gefahr? Und: Wird sich Rice bei den Familien der Terror-Opfer im Anhörungssaal entschuldigen, wie es Clarke so telegen getan hat?

Eins haben die vier Witwen jedenfalls jetzt schon gewonnen - "Freundinnen fürs Leben", sagt van Aucken: "Wir haben uns gegenseitig aus dem Koma gezogen." Sie telefonieren täglich miteinander oder schreiben sich E-Mails. Sie gehen gemeinsam einkaufen, gemeinsam essen. Und sie sitzen gemeinsam im Sitzungssaal des 9/11-Ausschusses. "Wir sind eine Familie geworden", sagt Kleinberg. "Es ist, als hätte ich drei neue Schwestern."

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