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17. September 2006, 08:16 Uhr

9/11-Held in der Kritik

Kratzer am Denkmal Giuliani

Von Sebastian Heinzel, New York

New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani führt derzeit das Feld der republikanischen Kandidaten für das Präsidentenamt 2008 an. Doch nun gerät der Mythos des Helden von 9/11 ins Wanken.

New York - Am Morgen des 11. September 2001 sahen die Amerikaner nicht nur die Türme des World Trade Center von ihren Fernsehschirmen verschwinden, sondern auch ihre Regierung. Das panische Secret Service ließ Präsident George W. Bush den ganzen Vormittag ziellos an Bord der Air Force One in der Luft kreisen, Vizepräsident Dick Cheney ging in einem Bunker unter dem Weißen Haus in Deckung. Nur einer zeigte, dass der Staat noch funktionierte: Rudolph Giuliani. Die Bilder des staub- und aschebedeckten New Yorker Bürgermeisters, der zu Fuß durch Manhattan schreitet, Rettungsmaßnahmen koordiniert und die Bürger beruhigt, haben sich tief in das kollektive Gedächtnis Amerikas gebrannt.

Giuliani: Noch überstrahlt der Heiligenschein alle Kritik"
DPA

Giuliani: Noch überstrahlt der Heiligenschein alle Kritik"

Giulianis Performance war tadellos - darin waren und sind sich selbst seine Kritiker einig. "Niemand hätte die Stadt an diesem Tag besser führen können als Giuliani. Er war heroisch", sagt Ed Koch, einer seiner Vorgänger, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man hätte den scheidenden Bürgermeister für "eine Kombination aus Winston Churchill und Spiderman" halten können, meint Wayne Barrett, Journalist der Stadtzeitung "Village Voice" und Autor mehrerer Bücher über Giuliani.

Vor den Anschlägen hatte es ausgesehen, als würde Giulianis politische Karriere ein unrühmliches Ende nehmen. Doch sein Auftreten am 11. September 2001 ließ ihn wie den sprichwörtlichen Phoenix aus der Asche von Ground Zero steigen: Queen Elizabeth schlug "Amerikas Bürgermeister" zum Ritter, Frankreichs Präsident Jacques Chirac adelte ihn zu "Rudy the Rock", das "Time"-Magazin erkor ihn zur "Person des Jahres 2001". Bis heute zehrt Giuliani von seinem 9/11-Ruhm. Die Geschäfte seiner Sicherheits-Beratungsfirma laufen ausgezeichnet, sein Buch "Leadership" ist noch nach Jahren ein Hit. Und obwohl Giuliani kein politisches Amt innehat, ist er derzeit der aussichtsreichste republikanische Kandidat für die US-Präsidentenwahlen 2008. In einer aktuellen Umfrage von CNN unterstützen 31 Prozent der republikanischen Wähler eine Kandidatur Giulianis, Senator John McCain (20 Prozent) und Newt Gingrich (12 Prozent) liegen deutlich hinter ihm.

Doch nun wird erstmals an Giulianis Denkmal gerüttelt. "Wir haben weder harte Fragen gestellt noch alle nötigen Informationen bekommen", schreiben die beiden Vorsitzenden der 9/11-Untersuchungskommission in ihrem soeben erschienenen Buch "Without Precedent" reumütig. Die Befragung Giulianis sei "ein Tiefpunkt in der öffentlichen Zeugenbefragung durch die Kommission" gewesen. Und Journalist Wayne Barrett und sein Kollege Dan Collins unterstellen in ihrem neuen Buch "Grand Illusion" sogar, dass Giuliani hunderte Todesfälle - vor allem in den Reihen von Polizei und Feuerwehr - verhindern hätte können.

"Himmelsbunker" als Notfallzentrum

Schon 1993, wenige Monate bevor Giuliani zum Bürgermeister gewählt wurde, war das World Trade Center Ziel eines islamistischen Anschlags gewesen. Sechs Menschen starben. Viele der Probleme, die damals in den Reihen von New Yorks Einsatzkräften augenscheinlich wurden - die schlechten Funkgeräte nach Bauart der sechziger Jahre, die fehlende Koordination von Polizei und Feuerwehr, der mangelnde Feuerschutz im World Trade Center -, wurden in Giulianis zwei Amtszeiten nie behoben. Alle Lösungsansätze gingen in einem Sumpf aus Inkompetenz und Nepotismus unter.

Anschauliches Beispiel für New Yorks mangelhafte Vorbereitung auf einen Terroranschlag war Giulianis Notfall-Kommandozentrum: Obwohl alle Terrorexperten darauf hinwiesen, dass das World Trade Center auf der Liste islamistischer Terrorziele stand, ließ Giuliani sein Hauptquartier für Notfälle im 23. Stock des WTC 7 errichten, jenes Büroturms neben den Twin Towers, der am Abend des 11. September 2001 einstürzen sollte. "So etwas tut man nicht, man will ja nicht mit dem Lift in ein Kommandozentrum fahren", meint Exbürgermeister Ed Koch kopfschüttelnd.

Schon bei der Eröffnung 1997 sorgte der "Himmelsbunker" für Heiterkeit. Am 11. September war er schon am Morgen unbenutzbar, was Giuliani zu einer langwierigen Suche nach einem Ausweichquartier zwang. Das Notfallzentrum "war gleichzeitig die dümmste Entscheidung, die er je traf, und jene, die ihn zu einer Legende machte", schreiben Barrett und Collins. "Wäre das Zentrum anderswo gelegen, wären all die dramatischen Bilder, die den verrußten Giuliani zu einem Nomadenkrieger machten, langweiliges Material aus einem Konferenzraum gewesen."

Rudy Giuliani hindert das bis heute nicht daran, die Errichtung des Notfallzentrums als Beispiel für die mustergültigen Vorkehrungen New Yorks für den Fall eines Anschlags zu preisen - etwa in seinem Bestseller "Leadership", in dem er sich als Terrorexperte präsentiert.

Es ist nicht das erste Mal, dass Giuliani mehr Ruhm einheimst als ihm vermutlich zusteht. Bis heute gilt er in der öffentlichen Wahrnehmung nicht nur als der Held von 9/11, sondern auch als jener Mann, der im New York der neunziger Jahre mit der Kriminalität aufräumte. Diesen Mythos hinterfragt nun die Dokumentation "Giuliani Time", die im Frühsommer in amerikanischen Kinos lief.

Giuliani, Spross einer italoamerikanischen Familie aus einem Arbeiterbezirk in Brooklyn, schaffte den Sprung ins Rathaus, weil er sich als Bundesstaatsanwalt für New York einen Namen gemacht hatte. Die kriminalitätsgeplagten New Yorker hatten seine beachtlichen Erfolge im Kampf gegen die sizilianische Mafia und korrupte Wall-Street-Manager gesehen und erhofften sich von einem Bürgermeister Giuliani Ähnliches.

"Er benahm sich wie Caligula"

Kaum im Amt, führte Giuliani eine "Null Toleranz"-Politik ein und ließ die Polizei hart gegen Obdachlose, Straßenverkäufer, Bettler, Straßenkünstler und andere vermeintliche Unruhestifter vorgehen. Tatsächlich ging die Zahl der Morde und Gewaltverbrechen in Giulianis Amtszeit stark zurück. Doch das war im selben Zeitraum auch in allen anderen amerikanischen Großstädten der Fall, unabhängig von der lokalen Politik. Dennoch ist Giulianis Ruf als erfolgreicher Verbrechensbekämpfer intakt - zumindest außerhalb New Yorks.

In New York selbst wandte sich seine Politik bald gegen ihn. Die Proteste gegen die Brutalität und den Rassismus der Polizei wurden immer lauter, nachdem Abner Louima aus Haiti 1997 auf einer Polizeistation mit einem Besenstiel und den Worten "It's Giuliani time" vergewaltigt worden war. Giulianis Ansehen schwand rasch. "Er benahm sich wie Caligula", sagt Ed Koch. "Der Großteil der New Yorker hielt ihn für arrogant und bösartig."

Als im Jahr 2000 Prostatakrebs bei Giuliani diagnostiziert wurde, er seine Frau wegen einer Geliebten verließ und bekannt wurde, dass sein verstorbener Vater wegen eines Raubüberfalls in Sing-Sing eingesessen hatte, schien seine politische Karriere vorzeitig beendet zu sein. Von einem Wahlduell mit Hillary Clinton um einen Sitz im Senat zog er sich zurück.

Doch dann kam seine große Stunde. Bis heute überstrahlt der Heiligenschein, den ihm Amerika nach 9/11 aufsetzte, alle Kritik. Im Moment sieht ihm selbst das ländlich konservative Wahlvolk Dinge nach, die jeden anderen Republikaner unwählbar machen würden: Der mittlerweile zum dritten Mal verheiratete Ehebrecher Giuliani kam nach der Trennung von seiner zweiten Frau monatelang bei einem befreundeten Schwulenpärchen unter. Als Bürgermeister des Sündenpfuhls New York trat er stets für Abtreibung, Schwulenrechte und strengere Waffengesetze ein. "Der Bannstrahl der Republikaner wird Giuliani bald treffen", prophezeit Ed Koch.

Noch tingelt Giuliani freilich als Wahlkampfhelfer für die Kongresswahlen im November durch das ganze Land, und republikanische Kandidaten sonnen sich in seinem Licht.

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