9/11-Jahrestag "Osama, bitte beende die Gewalt!"

Der Libyer Noman Benotman zählte einst zur erweiterten Qaida-Führung, 2002 sagte er sich vom Terror los. Heute ist er einer der weltweit einflussreichsten Entzauberer des Dschihadismus. Anlässlich des Jahrestags des 11. September 2001 schrieb er einen Brief an Osama Bin Laden. SPIEGEL ONLINE dokumentiert ihn.

AP

Lieber Osama Bin Laden Abu Abdallah,

ich grüße dich mit dem Frieden des Islam und bitte dich darum, das folgende zu überdenken. Tue dies um Allahs Willen, um seines Propheten Willen, und um der Sicherheit aller Menschen weltweit Willen.

Ich schreibe dir als ein einstiger Waffenbruder. Wir kämpften zusammen. Wir waren bereit, zusammen zu sterben. Bis zum heutigen Tag bin ich stolz darauf, gegen die Sowjets und Kommunisten gekämpft zu haben. Wir waren im Recht, und kein Feind hätte uns aufhalten können.

Das ist heute nicht mehr so.

Nach unserem Sieg verwandelten wir uns in einen Fluch für eben die Menschen, denen wir hatten helfen wollen. Die Afghanen, Mullah Omar eingeschlossen, baten uns, ihr Land und seine Bevölkerung zu beschützen; doch stattdessen wolltest du ihr Land als Startrampe für den Krieg gegen Amerika, Israel, den Westen und die arabischen Regime benutzen. Welchen Vorteil hatte das afghanische Volk davon?

Mehrmals bat Mullah Omar dich, damit aufzuhören, die Amerikaner zu provozieren und geradezu in sein Land einzuladen, aber du ignoriertest ihn. Wie kannst du behaupten, für einen "islamischen Staat" zu kämpfen, und dann dem Anführer, der dir half, deinen Platz einzunehmen, so offen widersprechen?

Ich erinnere dich auch daran (und berichte es hier zum ersten Mal öffentlich), dass der Leiter der Sicherheitsabteilung deiner eigenen Organisation, Abu Muhammad al-Zayyat, vehement Einspruch einlegte gegen deine Pläne für die angeblich "letzte" geplante Operation, die Selbstmordanschläge vom 11. September 2001. Abu Muhammad glaubte, die Anschläge seien unstatthaft ohne Mullah Omars Erlaubnis. Aber andererseits, selbst wenn Mullah Omar seine Einwilligung gegeben hätte: Es hätte nichts an der Tatsache geändert, dass solche Anschläge nicht zu rechtfertigen sind.

"Was hat der 11. September 2001 der Welt gebracht?"

Osama, du warst so freundlich, mich in deinem einfachen Lehmhaus in Kandahar im Sommer 2000 zum Frühstück einzuladen. Ich erinnere mich noch daran, wie deine Kinder barfuß vor uns spielten. Bei unseren Treffen vertrat ich die "Libysche Islamische Kampfgruppe". Und in der Gegenwart von Dr. Aiman al-Sawahiri und anderen Schlüsselfiguren sprach ich mich für die sofortige Einstellung der Gewalt und ein Ende aller Qaida-Anschläge außerhalb Afghanistans aus. Du batest mich darum, dir das logistische Netzwerk meiner Gruppe zur Verfügung zu stellen, um deinen "Dschihad gegen die Juden und Kreuzfahrer" voranzubringen. Ich verweigerte das. Einige Argumente leuchteten dir ein, etwa dass al-Qaida und ihre Gewalt zu gar nichts geführt hatten. Aber dann sagtest du, wie dem auch sei, eine weitere Operation sei bereits auf den Weg gebracht, und du könntest sie nicht mehr stoppen.

Am Morgen des 11. September 2001 wurde die Welt Zeuge der nicht mehr aufzuhaltenden Kette von Ereignissen, die du und al-Qaida in Gang gesetzt hatten. Warum wurde diese Operation ausgeführt? Was hat der 11. September 2001 der Welt gebracht außer Massen von Toten, Besatzungen, Zerstörung, Hass auf Muslime, Erniedrigung des Islam und eine noch härtere Kontrolle der Leben der einfachen Muslime durch die autoritären Regime, die in den arabischen und muslimischen Staaten herrschen?

Ich warnte dich damals, im Sommer 2000, dass deine Aktionen die US-Streitkräfte in den Nahen Osten und nach Afghanistan bringen würden, was zu Massenunruhen und dem Verlust von Menschenleben führen würde. Du glaubtest, ich läge falsch. Die Zeit hat gezeigt, dass ich richtig lag. Deine Aktionen haben Millionen von unschuldigen Muslimen und Nicht-Muslimen geschadet. Wie kann das Islam oder Dschihad sein? Wie lange will al-Qaida noch Schande über den Islam bringen, die Leben gewöhnlicher Muslime zerstören und der Grund für globales Chaos sein?

"Was würde der Islam verlieren, wenn die Gewalt beendet würde?"

In New York haben deine unislamischen Taten Leid, Schmerz, Verlust und Trauer über Tausende Unschuldige und ihre Familien gebracht. Eine Konsequenz ist, dass Muslime, die ein Gotteshaus in New York bauen wollen, heute mit Nazis verglichen werden. Und während der Jahrestag näher rückt, hören wir, dass ein amerikanischer Prediger sogar plant, als Vergeltung Korane zu verbrennen. Muslime, die in demokratischen und freien Gesellschaften leben, erfahren heute am eigenen Leib, was die Folgen deiner unverantwortlichen Aktionen sind.

Ich weiß, du bist ein demütiger Mann, der einen luxuriösen Lebensstil aufgab, um sich selbst dem Zweck zur Verfügung zu stellen, an den er glaubt. Dennoch: Dein Dschihad sollte nun darin bestehen, sicherzustellen, dass al-Qaida den Weg zurück findet auf den Pfad der Gemeinschaft derer, die dem Beispiel des Propheten folgen und die Mehrheit bilden. Deine Pflicht ist es, zu verhindern, dass deine Organisationen noch weiter den Weg des Extremismus hinabschreitet.

Im Licht all dieser Punkte, schlage ich vor, dass al-Qaida eine einseitige Einstellung ihrer Militäroperationen für die Dauer von sechs Monaten verkündet - und zwar mit den folgenden drei Zielen:

• Um die Vision der Organisation, ihren Ansatz und ihre Strategie zu überprüfen. Zum Beispiel, indem ihr versucht, die folgenden Fragen zu beantworten: Wie würde sich ein Einfrieren der Militäroperationen al-Qaidas auf den Islam und die Muslime auswirken? Würde das ihren Interessen schaden oder würde es ihnen helfen, Fortschritte in Richtung Frieden und Freiheit zu machen, um ihren Glauben praktizieren und predigen zu können? Was würde der Islam verlieren, wenn die Gewalt beendet würde?

• Um zu untersuchen, wie es um die öffentliche Meinung der muslimischen Gemeinschaften in der Welt bestellt ist und wie eigentlich ihre Einstellung gegenüber al-Qaida ist.

• Um Rechtleitung von Gelehrten wie zum Beispiel Salman al-Auda einzuholen, die deinen Ansatz und dein Dschihad-Konzept zurückgewiesen haben.

Ich glaube, dass eine solche Strategie der erste Schritt sein könnte, die Besatzung Afghanistans zu beenden und Frieden und Sicherheit in der Region zu erreichen.

Ich glaube, dass ich für eine übergroße Mehrheit der Muslime spreche, die den Namen "Muslim" mit Stolz tragen will, wenn ich dich bitte, die Gewalt zu beenden und deine Ziele und deine Strategie zu überdenken.

In Frieden,

Abu Muhammad al-Libi (Noman Benotman)
10. September 2010

Leicht gekürzt und übersetzt von Yassin Musharbash

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
ingrid wild 11.09.2010
1. Leider, leider
er wird wohl kein Gehör finden. Denn so einfach ist die Welt nun doch nicht gestrickt. Dazu ist wohl zuviel passiert. Und vor allem muss das Palästinenserproblem gelöst werden. Solange dies nicht geschen ist, bleibt dieser Brief - so anrührend er ist - ein frommer Wunsch: Mehr nicht.
random42 11.09.2010
2. Gut.
Ein wichtiges Signal zur richtigen Zeit. Ich hoffe, dass es unter den Islamisten nicht ungehört bleibt und auch Fanatiker wie Jones ihr Handeln überdenken. Hass potenziert sich und wird niemals eine Lösung sein.
inselkind88 11.09.2010
3. Warum sollte er?
Wenn der eitle und mörderische Osama noch leben sollte, oder was wahrscheinlicher ist, seine blutsaufenden Terrorbrüder, dann werden die sich sicher fragen bei dem Brief: " Warum sollten wir " Europa ist doch kapitulationsbereit und die Amis sehnen sich auch nach muslemischer Zuwendung. England erlaubt die Scharia, fühlt sich in Europa ein Muslim beleidigt rasen Politiker der höchsten Staatsämter heran um ihren Koteau zu machen, warum um Mohameds Willen sollte die Osama Bande aufhören? Klappt doch.
MasaGemurmel 11.09.2010
4. Inside Job
Ich hoffe so sehr, daß eines Tage und das möglichst bald, die Wahrheit zu Tage kommt. Die ganze "911" Story stinkt zum Himmel. Selbst wenn man zähneknirschend akzeptieren würde, daß es (geo-)politische Entscheidungen gibt, die unmoralisch sind - nämlich Kriege für die eigenen Interessen zu führen - so kann man 911 selbst dann nur verabscheuen. Statt die Zeit zu nutzen und die Energiepolitik global zu modernisieren und uns unabhängig von den letzten Tropfen Öl zu machen, werden: - Ölkriege verzapft - verfassungswidrige Gesetze erlassen, die uns vor dem Terror schützen sollen, aber uns in Wahrheir durchleuchten - Gelder für militärische Aktionen in Afghanistan verpulvert Und wer die Klardenker, die an der öffentlichen Version Zweifel haben, in der Verschwörer-Ecke diskreditieren möchte. möge folgende Fragen beantworten: * Was flog ins Pentagon? * bzw. wo sind die Fotos vom best-überwachten Gebäude der Welt? * Wie kann 1/3 des Hochhausen das ganze Gebäude zum Einsturz bringen? * Warum sackte Buildng 7 wie ein Kartenhaus zusammen? * Wie können Menschen, die grad mal gelernt haben Kleinflugzeuge zu fliegen mit etwas PC-Game-Spiele ein Passagierflugzeug präszise in Hochhäuser steuern? * Warum passt das ganze Szenario so sehr zur Bush-Dynastie, die vom Öl in der Region lebt? Gerade für die Opfer ist es eine Schande. Und seit 2001 durchzieht die Angst(macherei) vor Terror und der Verlust des Arbeitsplatzes alle Branchen - Medien eingeschlossen. Wahrheit statt War. Murmel.
hackebeil20 11.09.2010
5. nette idee...
es wird nur leider gar nichts nützen. 1. warum sollte al-quaida die gewalt beenden? das würde nur als schwäche ausgelegt. ausserdem gewinnen die taliban diesen krieg. die afghanen sind mürbe gemacht. ausserdem verhindern korrupte strukturen den aufbau eines echten staatswesens. die steinzeit-ansichten der taliban passen doch viel besser zur lebenswirklichkeit der afghanen als demokratie und freiheit. 2. religion ist das schlimmste virus osama hätte bestimmt das gefühl, seinen glauben zu verraten wenn er jetzt aufgibt. und mit dem imaginären allmächtigen in seinem kopf ist für gewöhnlich nicht zu spaßen. religiös begründete aggression ist wie ein unheilbares virus, weil es nicht durch rationales denken geheilt werden kann. siehe nah-ost konflikt...
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