9/11-Jahrestag: Schützt Air Force One!

Von , Washington

Eine Handvoll US-Piloten hatte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 einen sensiblen Auftrag: Sie eskortierten den Präsidentenjet Air Force One mit George W. Bush auf einem Irrflug durch die USA. Rolando Aguilar war einer von ihnen - und spricht jetzt erstmals über den Einsatz.

Rolando Aguilar: Kampfpilot an der Seite von Bush Fotos
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Es sollte ein normaler 72-Stunden-Bereitschaftsdienst werden. "Ich hatte vor, etwas nötigen Schlaf aufzuholen", erinnert sich Rolando Aguilar. Doch dann klopfte sein Crew-Kommandeur an die Tür, Aguilar solle seinen Fernseher einschalten.

Minuten später saß Aguilar im Cockpit seines F-16-Kampfjets, angeschnallt und eingeklemmt zwischen Instrumenten und Hightech-Elektronik. Sirenen heulten. Der gesamte Stützpunkt wurde auf Gefechtsstation berufen.

Es war der 11. September 2001.

Auch für Rolando Aguilar veränderte 9/11 sein Leben. Doch auf eine Weise, wie sie nur eine Handvoll Soldaten erlebten: Aguilar eskortierte an jenem Terrortag die Präsidentenmaschine Air Force One mit George W. Bush an Bord bei seinem Irrflug durch die USA und patrouillierte anschließend wochenlang über New York City.

Er war der Erste an der Front des neuen Kriegs - und der Krieg hat ihn nicht losgelassen: Viermal wurde er in den Irak geschickt.

Aguilar wuchs als ältestes von drei Kindern eines Fabrikarbeiters und einer Schulsekretärin in Chicago auf. "Als ich jünger war, habe ich sehr selten über Krieg nachgedacht", sagt er. Sicher, es gab den Kalten Krieg und die Angst vor den Russen, vor einem atomaren Schlag. "Aber das war eine sehr entfernte Vorstellung."

Vom Gelegenheitssoldaten zum überzeugten Militär

Aguilar steht vor dem Pentagon, am Rande des Memorials, das an die 184 Opfer erinnert, die am 11. September an dieser Stelle umkamen. Er ist das erste Mal hier, um zu sehen, wo alles anfing, auch für ihn selbst. Denn 9/11 hat aus dem Gelegenheitssoldaten einen überzeugten Militär gemacht, fast schon zu einem Klischee. Braungebrannt, blitzende Zähne, forsches Grinsen: Er sieht in seinem laubgrünen Fliegeroverall aus wie der Schauspieler Tom Cruise in "Top Gun".

Nach dem College trat Aguilar in die Air Force ein, um sein Ingenieursstudium abzuzahlen. Danach wechselte er zur Nationalgarde, um nebenher einen Ziviljob haben zu können. Im Juni 2001 begann er als Pilot für American Airlines. Von Dallas aus flog er Regionaljets durch den Mittleren Westen, meist waren es Fokker F100.

Als Nationalgardist aber saß er in einer F-16, von den Piloten auch "Viper" genannt - ein tödliches Wunderwerk der Technik. Aguilars Einheit war der 147th Fighter Wing in Houston. Es war dieselbe Einheit, in der Jahrzehnte zuvor auch Bush gedient hatte.

Hiobsbotschaften per Telefon

Vor dem Alarm am 11. September 2001 hatte Aguilar gerade einen Zwei-Tages-Trip für American Airlines hinter sich. Während er im Cockpit der F-16 auf seinen Einsatzbefehl wartete, telefonierte er per Handy mit seiner damaligen Verlobten, die ihm weitere Hiobsbotschaften übermittelte: World Trade Center eingestürzt, Pentagon getroffen.

Nach 90 Minuten bekamen die Piloten den Startbefehl. Aguilars Auftrag war, "ein früheres Mitglied seiner Einheit" zu schützen. "Erst als ich die Air Force One sah", sagt er, "kapierte ich, dass mein Kommandeur Präsident Bush meinte".

Die Air Force One kam aus Florida, wo Bush bei einem Besuch in einem Kindergarten von den Anschlägen erfahren hatte - sein Stabschef Andrew Card hatte es ihm ins Ohr geflüstert. Zunächst hatte Bush danach minutenlang still gesessen. Anschließend hatte er eine kurze Pressekonferenz gegeben und war dann vom Secret Service weggebracht worden. Nun war die Air Force One mit Bush auf der Suche nach einem sicheren Ort. Washington wurde anfangs ausgeschlossen, weil noch niemand wusste, ob weitere Anschläge drohten.

Und so fand sich der damals 36-jährige Aguilar plötzlich als Begleitschutz des mächtigsten Mannes der Welt wieder, auf einer Odyssee quer durch die USA - an einem Horrortag, an dem niemand ahnte, wie er enden würde. Es war das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass die Air Force One zur Sicherheit von Kampfjets flankiert wurde.

Aguilar traf hoch über dem Golf von Mexiko auf die Air Force One, "etwa 50 nautische Meilen südöstlich der Küste von Louisiana", wie er sich noch ganz präzise erinnert. Er setzte sich an die Seite der umgebauten Boeing 747, eine weitere F-16 übernahm die andere Seite. So flogen sie.

"Wir hatten keinerlei Informationen, wo die Air Force One landen und wie lange sie am Boden sein würde, bis zur allerletzten Minute. Wir mussten flexibel und auf jede Situation vorbereitet sein."

Aguilar begleitete den Jumbo bis zum Air-Force-Stützpunkt Barksdale an der Grenze zu Texas, wo die Riesenmaschine zum Auftanken landete. Aguilar kreiste über dem Flughafen, "um Bedrohungen aus der Luft abzuwehren".

Dann ging ihm selbst der Sprit aus. Er musste landen. Als er nachgetankt hatte, war die Air Force One schon wieder gestartet - ohne ihn. Der Präsidentenjet flog weiter nach Nebraska und schließlich nach Washington, wo Bush abends im Oval Office eine Rede an die Nation hielt.

Monate der Ungewissheit

Für Aguilar war der Stress aber noch lange nicht zu Ende. Er flog anschließend noch etliche Patrouillen - über New York, über anderen US-Großstädten, über Bushs Ranch in Crawford. Es waren Monate der Ungewissheit, auch für ihn: "Eine große Sorge war eine weitere Attacke."

Der Krieg holte ihn dann schließlich wirklich ein. 2005 wurde Aguilar in den Irak befohlen, zur Luftunterstützung der Truppen. Er absolvierte danach noch drei weitere Irak-Einsätze von je 90 Tagen: 2007, 2009 und zuletzt im Juni dieses Jahres.

Sein Stützpunkt kam oft unter Beschuss. Ein paar Granaten landeten direkt bei den Schlafstuben, aber niemand wurde je verletzt. Schlimmer sei es gewesen, so lange von seiner Frau und seinem neugeborenen Sohn getrennt gewesen zu sein. Trotzdem, sagt er, vermisse er heute die "Kameradschaft mit den Kollegen".

Hat er den umstrittenen Irak-Einsatz im Stillen nicht anzweifelt? "Meine Irak-Touren waren eine Folge des globalen Kriegs gegen den Terror", beharrt er kategorisch. "Hätte es die 9/11-Anschläge nicht gegeben, wäre ich mit Sicherheit nicht in den Irak geschickt worden."

Ja, 9/11 hat Aguilars Leben verändert, "positiv wie negativ". Positiv: "Ich habe nun Anspruch auf eine volle Militärpension." Negativ: "Meine Karriere in der Zivilluftfahrt ging kaputt." Die gesamte US-Luftfahrtbranche rasselte in die Krise. American Airlines schickte ihn nach den Anschlägen in Zwangsurlaub - zehn Jahre lang.

Und so blieb Aguilar Soldat. Neulich meldete sich American Airlines aber wieder: "Ich könnte meinen Job im November zurückbekommen." Aguilar hofft nun auf "eine erfolgreiche Karriere als ziviler Pilot".

Die 9/11-Ära ist auch für ihn langsam vorbei.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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    Seite 1    
1. Angel is next
sitting-bull 09.09.2011
Die wichtigste Frage bezüglich Air Force One, an die sich kaum jemand mal richtig rangetraut hat, und die von offizieller Seite kurz nach der Bekanntgabe geleugnet wurde, aber dank Wikileaks als bestätigt gelten kann: Wer sendete die Nachricht "Angel is next" an das JOC? Geheime Codewörter für Air Force One, als anonymer Anruf, evtl. sogar mit der Bestätigung geheimer Nuklear-Codes? A Secret Service page at 10:32 a.m. warned: "ANONYMOUS CALL TO JOC REPORTING ANGEL IS TARGET." Angel is the Secret Service codeword for Air Force One; JOC means Joint Operations Center. When the president's plane had departed Florida about half an hour earlier, it was en route to D.C. That anonymous threat seems to be what diverted President Bush on a high-speed flight across the country, first to Barksdale Air Force Base in Louisiana, and then to an underground command center in Nebraska. http://www.cbsnews.com/8301-504383_162-5770280-504383.html Und warum gab es anfangs keinen Geleitschutz für Air Force One? Warum flog Bush außerdem zu den wichtigsten Atom-Basen der USA, anstatt nach Washington D.C.? Alles Verschwörungstheorie?
2. ....
hupfhupf 09.09.2011
Zitat von sitting-bullDie wichtigste Frage bezüglich Air Force One, an die sich kaum jemand mal richtig rangetraut hat, und die von offizieller Seite kurz nach der Bekanntgabe geleugnet wurde, aber dank Wikileaks als bestätigt gelten kann: Wer sendete die Nachricht "Angel is next" an das JOC? Geheime Codewörter für Air Force One, als anonymer Anruf, evtl. sogar mit der Bestätigung geheimer Nuklear-Codes? A Secret Service page at 10:32 a.m. warned: "ANONYMOUS CALL TO JOC REPORTING ANGEL IS TARGET." Angel is the Secret Service codeword for Air Force One; JOC means Joint Operations Center. When the president's plane had departed Florida about half an hour earlier, it was en route to D.C. That anonymous threat seems to be what diverted President Bush on a high-speed flight across the country, first to Barksdale Air Force Base in Louisiana, and then to an underground command center in Nebraska. http://www.cbsnews.com/8301-504383_162-5770280-504383.html Und warum gab es anfangs keinen Geleitschutz für Air Force One? Warum flog Bush außerdem zu den wichtigsten Atom-Basen der USA, anstatt nach Washington D.C.? Alles Verschwörungstheorie?
Ja, und schon langsam langweilig.
3. -
Cigaro 09.09.2011
Zitat von sitting-bullDie wichtigste Frage bezüglich Air Force One, an die sich kaum jemand mal richtig rangetraut hat, und die von offizieller Seite kurz nach der Bekanntgabe geleugnet wurde, aber dank Wikileaks als bestätigt gelten kann: Wer sendete die Nachricht "Angel is next" an das JOC? Geheime Codewörter für Air Force One, als anonymer Anruf, evtl. sogar mit der Bestätigung geheimer Nuklear-Codes? A Secret Service page at 10:32 a.m. warned: "ANONYMOUS CALL TO JOC REPORTING ANGEL IS TARGET." Angel is the Secret Service codeword for Air Force One; JOC means Joint Operations Center. When the president's plane had departed Florida about half an hour earlier, it was en route to D.C. That anonymous threat seems to be what diverted President Bush on a high-speed flight across the country, first to Barksdale Air Force Base in Louisiana, and then to an underground command center in Nebraska. http://www.cbsnews.com/8301-504383_162-5770280-504383.html Und warum gab es anfangs keinen Geleitschutz für Air Force One? Warum flog Bush außerdem zu den wichtigsten Atom-Basen der USA, anstatt nach Washington D.C.? Alles Verschwörungstheorie?
Bingo. Davon abgesehen: Netter Artikel mit ungewöhnlicher Perspektive, auch wenn die Kernerzählung für meinen Geschmack etwas zu kurz kommt.
4. Ganz einfach
PromotorFidei 09.09.2011
Zitat von sitting-bullDie wichtigste Frage bezüglich Air Force One, an die sich kaum jemand mal richtig rangetraut hat, und die von offizieller Seite kurz nach der Bekanntgabe geleugnet wurde, aber dank Wikileaks als bestätigt gelten kann: Wer sendete die Nachricht "Angel is next" an das JOC? Geheime Codewörter für Air Force One, als anonymer Anruf, evtl. sogar mit der Bestätigung geheimer Nuklear-Codes? A Secret Service page at 10:32 a.m. warned: "ANONYMOUS CALL TO JOC REPORTING ANGEL IS TARGET." Angel is the Secret Service codeword for Air Force One; JOC means Joint Operations Center. When the president's plane had departed Florida about half an hour earlier, it was en route to D.C. That anonymous threat seems to be what diverted President Bush on a high-speed flight across the country, first to Barksdale Air Force Base in Louisiana, and then to an underground command center in Nebraska. http://www.cbsnews.com/8301-504383_162-5770280-504383.html Und warum gab es anfangs keinen Geleitschutz für Air Force One? Warum flog Bush außerdem zu den wichtigsten Atom-Basen der USA, anstatt nach Washington D.C.? Alles Verschwörungstheorie?
Weil Missile Bases am besten gegen Angriffe von oben geschützt sind sowie über ordentliche Bunker verfügen und Washington keinen Schutz bietet und mit großer Wahrscheinlichkeit ein Ziel gewesen wäre, so denn noch weitere fliegende Bomben unterwegs gewesen wären.
5. Dieselbe Einheit
kifiso 09.09.2011
---Zitat--- Es war dieselbe Einheit, in der Jahrzehnte zuvor auch Bush gedient hatte. ---Zitatende--- Gedient ist gut...
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