9/11-Kommission Das Mastermind sitzt längst im Gefängnis

Die 9/11-Kommission hat minutiös rekonstruiert, wie die Terroranschläge des Jahres 2001 vorbereitet wurden. Neue Details zerstören Mythen und zeigen, wie das Weiße Haus versucht, aus den Anschlägen Kapital zu schlagen. Überraschende Erkenntnis: Bin Laden war nicht der große Planer, sondern eher stiller Teilhaber des Terrorkomplotts.

Von , New York


New York - Das Armageddon sollte schon im Jahr 2000 kommen, in Form eines weltweiten, simultanen Luftangriffs. Eine Flotte aus zehn Flugzeugen wollte das Terrornetzwerk al-Qaida auf Ziele in den USA stürzen lassen, darunter auch auf Atomkraftwerke. Exakt zur selben Minute sollten, in einer parallelen Horrorwelle, mehrere Jumbojets über dem Pazifik zur Explosion gebracht werden. Doch waren diese Pläne am Ende zu teuer und zu aufwendig, und so gaben sich die Komplizen mit einer "gestutzten Version" zufrieden, deren Abwicklung eine halbe Million Dollar kostete. Der Termin, mehrfach aufgeschoben, war schließlich reiner Zufall: 11. September 2001.

Der jüngste Bericht des amerikanischen Terror-Untersuchungsausschusses, der sich diesmal dem Ablauf der 9/11-Verschwörung widmet, liest sich wie das Drehbuch eines sensationellen Hollywood-Thrillers. Da ist alles mit dabei: Killer, Fanatiker, ein reicher Oberschurke, Geheimtreffen, konspirative Weltreisen, falsche Pässe, echte Geldtransfers, Missgeschicke, persönliche Streitigkeiten und eine verschlafene US-Regierung, unter deren Augen der Plot unaufhaltsam Gestalt annahm.

Doch leider ist die Geschichte wahr. Vom Washingtoner Ausschuss gestern erstmals in fast minutiöser Dramatik enthüllt, offenbart sie, zu welchen Albtraum-Szenarien Osama Bin Ladens Terrortruppen in der Lage sind - und wie das Weiße Haus daraus eiskalt Kapital zu schlagen versucht hat. Ein Ende ist nicht abzusehen: "Al-Qaida bleibt extrem interessiert daran, chemische, biologische, radiologische oder atomare Angriffe zu führen", warnt das Gremium. Die atemberaubenden Details schockierten selbst regierungsnahe Ausschussmitglieder: "Wie in aller Welt können wir je erwarten, diesen Krieg zu gewinnen?", fragte der Republikaner James Thompson.

Die Zerstörung der 9/11-Mythen

Noch nie zuvor ist der Anschlagplan in solcher Akribie nachgezeichnet worden wie in diesem 20-seitigen Papier mit dem harmlosen Titel: "Staff Statement No. 16". Der Bericht ist das Ergebnis monatelanger Recherchen des Terror-Ausschusses, der hinter verschlossenen Türen bisher über 1100 Zeugen in zehn Ländern vernommen und mehr als zwei Millionen Akten ausgewertet hat. Die Informationen stammen meist aus Top-Secret-Dossiers von FBI, CIA, Außenministerium und Pentagon. Vieles beruft sich auf streng geheime Verhöre inhaftierter al-Qaida-Mitglieder - Aussagen, die ihnen, wie interne Regierungsmemos nahe legen, auch unter an Folter grenzendem Druck abgerungen wurden.

Mit schonungsloser Nüchternheit zerstörte der überparteiliche Ausschuss gestern so mehrere Mythen, die seit dem 11. September 2001 durch die Welt geistern und teils sogar, aus rein politischen Erwägungen, von US-Präsident George W. Bush bis heute propagiert werden.

Erstens: Das Datum der Attentate war keine bewusst symbolische Anspielung auf die US-Notrufnummer 911, sondern einfach nur das Ergebnis mehrfach geplatzter Anlaufversuche. Zweitens: Der vierte Anschlags-Jet, der über Pennsylvania niedergegangene American-Airlines-Flug 93, wurde nicht von der Luftwaffe abgeschossen, wie Gerüchte weiter behaupten.

Weltweite Simultan-Attacken

Drittens und politisch am folgenschwersten, da es die letzte noch verbliebene Rechtfertigung der US-Regierung für den Irak-Krieg zerstört: Saddam Hussein hatte weder mit 9/11 noch mit al-Qaida etwas zu tun. "Wir haben keine glaubhaften Beweise, dass der Irak und al-Qaida bei Angriffen auf die USA zusammengearbeitet hätten", erklärte die Kommission. Zwar habe Bin Laden einmal eine "mögliche Kooperation mit dem Irak" ausgelotet. Doch seien diese Kontakte schnell versandet. Damit widersprach der Ausschuss Bush, der noch tags zuvor von "besten Beweisen" für eine solche Connection geredet hatte.

Und selbst Bin Laden, Bushs Posterboy im Kampf gegen den Terrorismus und Ikone des islamistischen Terrors, war demzufolge zunächst eher ein stiller Finanzier und Hintermann. Die Ur-Idee für 9/11 kam dem eigentlichen Hauptdrahtzieher, Chalid Scheich Mohammed, schon lange bevor sie der al-Qaida-Chef absegnete. Der gebürtige Kuweiter ist ein Veteran des Dschihads; sein Neffe Ramsi Yussef inszenierte 1993 den ersten Anschlag auf das World Trade Center. Beide sitzen inzwischen in US-Haft.

Chalid Scheich Mohammed: Der eigentliche Chefplaner
AP

Chalid Scheich Mohammed: Der eigentliche Chefplaner

Mohammed und Yussef planten bekanntlich 1994 eine erste Simultan-Attacke: Sie wollten zwölf Flugzeuge über dem Pazifik in die Luft jagen. Die so genannte "Bojinka"-Verschwörung flog 1995 auf; Yussef wurde geschnappt. Mohammed habe daraufhin einen neuen Plot geschmiedet: parallele Attacken auf Ziele an der Ost- und Westküste der USA, darunter die Zentralen von CIA und FBI und die höchsten Wolkenkratzer in Kalifornien und Washington. Insgesamt zehn Maschinen hätten dazu entführt werden sollen. Eine davon wollte Mohammed selbst steuern, allerdings nicht abstürzen lassen, sondern landen und dann vor den TV-Kameras eine Rede gegen die Nahost-Politik der Bush-Regierung halten.

Mehrere Termine verstrichen

Mitte 1996 traf sich Mohammed in Afghanistan mit Bin Laden, den er nur flüchtig kannte, von einer früheren Begegnung in den achtziger Jahren. Bin Laden habe auf Mohammeds Anschlagsplan jedoch "nur lauwarm" reagiert; er sei dem al-Qaida-Führer zu groß und komplex gewesen.

Erst Anfang 1999 habe Bin Laden ein reduziertes Szenario mit vier Flugzeugen bewilligt. Doch auch damit stieß Mohammed auf Probleme: Zwei der Mittäter schafften es nicht, US-Visa zu bekommen. Deshalb habe Mohammed seinen "Bojinka"-Plot wiederbelebt, als zweite, internationale Angriffsachse des Unternehmens: Dafür hätten die Entführer keine US-Einreisegenehmigung gebraucht. Doch Bin Laden habe auch das gestrichen, weil zeitgleiche Anschläge an entgegengesetzten Ecken der Welt logistisch zu schwierig gewesen seien.

Eigentlich sollte das Komplott auch schon viel früher zum Vollzug kommen - als Rache für den umstrittenen Besuch des israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem heiligen Tempelberg im September 2000. Als erstes Wunschdatum habe Bin Laden danach den 12. Mai 2001 bestimmt, sieben Monate nach dem al-Qaida-Anschlag auf den US-Zerstörer "U.S.S. Cole" im Jemen. Doch die Entführer und ihr Chefstratege Mohammed Atta seien nicht einsatzbereit gewesen. Auch ein zweiter und ein dritter Termin im selben Sommer sei aus demselben Grund verstrichen.

Flugtickets aus dem Internet

Das tatsächliche Datum, der 11. September 2001, sei erst drei Wochen vorher festgesetzt worden, in einem Telefonat zwischen Atta und seinem Mitverschwörer Ramsi Binalshibh, dem Logistik-Koordinator des ganzen Vorhabens.

Und auch dazu wäre es fast nicht gekommen. Am 9. September 2001 raste al-Qaida-Mann Ziad Jarrah, auf dem Weg zum Treffpunkt der Entführer, in eine mitternächtliche Radarfalle in New Jersey. Die Cops ließen ihn weiterfahren. Zwei weitere Terroristen hatten zuvor ähnliche Knöllchen bekommen. Ein anderer baute einen Unfall auf Manhattans George-Washington-Bridge. In keinem Fall identifizierten die Beamten die Raser als Terroristen.

Monatelang bereiteten die al-Qaida-Terroristen ihre Tat vor, ohne dass die Behörden etwas davon mitbekommen. Sie flogen kreuz und quer durchs Land, stemmten sich in Sportstudios stark, absolvierten Pilotenschulen, trainierten sogar in offiziellen Flugsimulatoren. Sie ließen sich den "Hudson-Korridor" zeigen, jene Passage, die an Manhattan entlang zum Trade Center führt. Sie kauften Messer, Scheren, aeronautische Karten und ein Satelliten-Positioniersystem. Ihre Tickets erwarben sie im Internet, knapp zwei Wochen vor dem Flugtermin, als die Preise am billigsten waren. Das Restgeld überwiesen sie artig zurück auf die al-Qaida-Tarnkonten.

500.000 Dollar Terror-Spesen

Insgesamt schätzt der Ausschuss die Kosten der 9/11-Verschwörung für al-Qaida auf 400.000 bis 500.000 Dollar. Allein 270.000 Dollar davon seien für die Vorbereitungen in den USA draufgegangen, der Rest für Pässe und Visa, Reisen außerhalb der USA und "Spesen der Anführer". Das Geld sei unauffällig über Konten bei Groß- und Regionalbanken umgewälzt worden. So ahnungslos waren die Behörden, so sicher fühlten sich die Entführer, dass sie diese Konten unter ihrem eigenen Namen eröffnet und ihre zentral in Washington gespeicherten US-Sozialversicherungsnummern angegeben hätten.



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