9/11-Opfer im Pentagon: "Ich wache auf und empfinde das als Geschenk"

Aus Washington berichtet

184 Tote, 110 Verletzte, Hunderte Mitarbeiter unter Schock - die Terrorangriffe vom 11. September 2001 haben auch im Pentagon einen entsetzlichen Zoll gefordert. John Yates hat den Anschlag knapp überlebt. Heute arbeitet er wieder an dem Ort, an dem er fast verbrannt wäre.

9/11: Die Überlebenden aus dem Pentagon Fotos
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Die Hitze war so stark, dass ihm die Haut schmolz. "Alles war nur schwarz, schwarz, schwarz", erinnert sich John Yates. "Sechs Monate lang hatte ich keine Fingerabdrücke."

Die Fingerabdrücke bildeten sich neu, das Trauma ist geblieben. Bis heute ringt Yates, 60, mit den Folgen jenes Tages. Da sind die Brandnarben im Gesicht, an den Händen, den Armen, auf dem Rücken und dem linken Bein. Und da sind vor allem die seelischen Narben.

"Wir waren zu fünft in meinem Büro", sagt Yates. "Ich habe als einziger überlebt. Warum?"

Trotzdem kehrte der pensionierte Lieutenant Colonel der US-Armee sofort an den Schauplatz des Alptraums zurück, als er nach Monaten im Krankenhaus wieder arbeiten durfte. Und er ist bis heute geblieben, mit all den grausigen Erinnerungen. Trotzdem - und gerade deshalb.

"Ich überlebte, damit die Leute nicht vergessen", sagt er. "Damit ich jetzt hier stehen kann, um Ihnen von meinen Freunden zu erzählen, die ermordet wurden."

Hier, das ist der Rasen vor der Westfassade des Pentagons. Yates zeigt mit dem vernarbten Finger dorthin, wo er war, als alles passierte. "Erster Stock, D-Ring, ungefähr 13 Meter nach innen", sagt er. Dann zeigt er in die andere Richtung, zur Schnellstraße hin. "Das Flugzeug kam über den Hügel da vorne. Boom, ein Feuerball, und ich flog durch die Luft."

Es ist die gleiche Uhrzeit wie damals, das gleiche Wetter, das gleiche Licht. Diese Seite des Pentagons liegt im Schatten, dahinter steht die niedrige Sonne im kristallklaren Himmel. Wer genau hinhört, kann Grillen zirpen hören.

"Es geht mir besser", sagt Yates. "Ich hatte lange keine Panikattacke mehr. Aber ich habe schlechte Tage. Ich leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es gibt Dinge, die lassen mich hochgehen. Andere bringen mich zum Weinen."

Der Pentagon-Anschlag scheint zur Fußnote geschrumpft

Sie sind die oft übersehenen Opfer des 11. Septembers 2001: 184 Unschuldige starben, als American Airlines Flug 77 auf das US-Verteidigungsministerium stürzte - 125 im Gebäude sowie 59 Passagiere und Besatzungsmitglieder. 110 weitere Menschen im Pentagon wurden teils schwer verletzt, darunter Lieutenant Colonel Yates.

Es war der dritte Anschlag jenes Morgens - je 51 und 35 Minuten, nachdem zwei andere Jets ins World Trade Center gerast waren, und 26 Minuten, bevor ein weiterer in Pennsylvania abstürzte. Jene Katastrophen sind längst zu Legenden verklärt. Das Pentagon-Desaster dagegen scheint fast zur Fußnote geschrumpft.

Nicht für John Yates und die anderen Pentagon-Überlebenden. Sie sind die einzigen Schwerverletzten der 9/11-Anschläge - an den anderen Orten gab es fast nur Tote. Und die einzigen militärischen: 55 Soldaten kamen hier um. Viele kannte Yates persönlich.

John Yates ist schon sein Leben lang beim Militär. 20 Jahre lang Infanterist, nach seiner Pensionierung als Soldat wurde er Zivilmitarbeiter. An 9/11 arbeitete er als Sicherheitschef für die Nummer zwei der Armee.

Der Tag begann wie jeder andere. "Ich stand um 4 Uhr früh auf, verabschiedete mich mit einem Kuss von meiner Frau und sagte: Ich liebe dich, Honey, wir sehen uns heute Abend."

"Meine größte Angst war, in einem Feuer zu sterben"

Im Büro holte ihn Kollegin Marian Serva zum Fernseher, auf dem die Bilder der brennenden Twin Towers in New York liefen. Yates rief seine Frau Ellen an, die ihn, wohl nicht ganz ernst gemeint, um einen Gefallen bat: "Bitte arbeite den Rest des Tages unter deinem Schreibtisch."

Er wollte gerade zu einer Besprechung, als sich der Jet direkt unter seinem Büro ins Gebäude bohrte. Yates flog zehn Meter durch die Luft. Der Feuerball, so erfuhr er später, erreichte Temperaturen von 1000 Grad Celsius. "Es war so heiß, dass man nicht atmen konnte. Alles brannte, die Möbel, die Wände, der Fußboden." Doch die Etage hielt stand und brach nicht ein, zunächst jedenfalls.

Dennoch dachte Yates, es sei das Ende. "Meine größte Angst war immer, in einem Feuer zu sterben", sagt er. "Und jetzt war es also soweit. Ich würde meine Frau nie wiedersehen." Ellen und er hatten erst 15 Monate zuvor geheiratet.

Vieles scheint ihm noch greifbar. Anderes hat er sich aus Erzählungen zusammengesetzt: "Meine Erinnerung ist lückenhaft." Yates gestikuliert, die Narbenhaut seiner Finger ist verfärbt. Am Revers prangt der Memorial-Anstecker in der Fünfeckform des Pentagons, den alle haben.

Im Chaos hörte Yates eine Stimme, sie führte ihn aus dem Inferno. Wessen Stimme es war, weiß er nicht. Er denkt gerne, dass es seine Mutter gewesen sei, die drei Jahre zuvor gestorben war. "Sie war mein Schutzengel." Seine Augen werden feucht.

Im neuen Büro kam die Panik

Yates rettete sich in den Innenhof, sank unter einen Baum und riss sich die brennenden Kleider vom Leib. Eine Ärztin - "sie hatte einen Rock an und einen langen Laborkittel" - bestimmte die Abfolge des Abtransports: "Der muss als erster." Da wusste er, wie schlecht es um ihn stand.

Zweieinhalb Monate lag Yates im Krankenhaus, die ersten 16 Tage auf der Intensivstation, zehn Tage davon an ein Beatmungsgerät angeschlossen. 38 Prozent seines Körpers waren verbrannt. Zwei Wochen lang würgte er schwarzen Sud aus den Lungen.

Im Krankenhaus erfuhr er, dass Marian Serva gestorben war, ebenso die anderen im Büro. "Schicksal", sagt er, "wer da war - und wer nicht." Am Freitag vor Thanksgiving durfte er nach Hause. "Ich war dankbar, dass ich lebte."

Im Februar 2002 kehrte er ins Pentagon zurück, gegen den Rat seiner Psychotherapeutin. Anfangs schaffte er höchstens vier Stunden Arbeit am Tag.

Die völlig zerstörte Seite des Ministeriums wurde binnen eines Jahres wiederaufgebaut. Doch als John Yates sein altes Büro beziehen sollte, kam die Panik. Er bewarb sich bei einer anderen Abteilung - auf der entgegengesetzten Seite, im fünften Stock, unweit der U-Bahn.

Vor der Westfassade liegt seit dem 9/11-Jahrestag von 2008 ein Memorial, das erste der Nation. Es ist eine weite Fläche aus Kies und 184 Stahlbänken, für jedes Opfer eine, geordnet nach Geburtsjahren. "9:37 AM", steht am Rand, es ist die Uhrzeit des Einschlags.

"Weinen stört mich nicht, es ist sehr reinigend"

"Oft kommen Hinterbliebene und sitzen auf den Bänken", sagt Lisa Leonard. "Es hilft ihnen, Vergangenheit und Gegenwart zu vereinen." Wie Yates war auch Colonel a.D. Leonard an 9/11 im Pentagon, kam aber unverletzt davon. Nach ihrer Pensionierung meldete sie sich freiwillig, um Besucher durchs Memorial zu führen: "So bleibe ich diesem Ort stets nahe."

"Ich bin bis heute in Therapie", sagt John Yates. Über 9/11 kann er ohne Probleme reden. Doch manchmal, wenn er über etwas ganz anderes spricht, kommen ihm die Tränen. "Weinen stört mich nicht. Es ist sehr reinigend."

Hat er es überwunden, zehn Jahre später? "Ich denke immer noch jeden Tag daran", sagt Yates. "Aber ich lasse nicht zu, dass es mein Leben kontrolliert. Ich wache morgens auf und empfinde das als Geschenk."

Die Welt hat sich verändert. "Völlig verändert", für Yates, für alle. Sein Haar ist schütter und weiß, Fotos von damals zeigen ihn mit dunklem Schopf. Er hat fünf Enkelkinder, zwei nach 9/11 geboren, und ist dieses Jahr 60 geworden.

Trotz der Katastrophe an jenem Septembertag kommt er noch täglich zur Arbeit ins Pentagon - und vor allem gerade deshalb.

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