9/11-Untersuchung CIA in Erklärungsnot

Die US-Kommission, die Fehler im Vorfeld des 11. Septembers aufklären soll, recherchiert derzeit in Deutschland. Von dort wurden Informationen über die Todes-Piloten bereits 1999 in die USA gekabelt, blieben aber unbeachtet. Auch der missglückte Anwerbeversuch bei Freunden von Atta und Co. wird die CIA in Erklärungsnot bringen.

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US-Präsident Bush mit CIA-Chef Tenet: Anwerbeversuche auf deutschem Boden
AP

US-Präsident Bush mit CIA-Chef Tenet: Anwerbeversuche auf deutschem Boden

Berlin - Die Schlagzeile der "New York Times" vom Dienstag klingt viel versprechend. "CIA bekam Daten über Todes-Piloten weit vor dem 11. September", titelt das angesehene Blatt. Weiter schreibt die Zeitung unter Berufung auf ihre Quellen, die US-Behörden hätten von den deutschen Geheimdiensten bereits 1999 konkrete Informationen über den 9/11-Entführer Marwan al-Schehhi bekommen, der das zweite Flugzeug in das World Trade Center steuerte und vorher lange mit den anderen Terroristen in Hamburg wohnte. Konkret seien der Vorname des späteren Todes-Piloten und dessen in den Vereinigten Arabischen Emiraten registrierte Telefonnummer aus Hamburg zur CIA gekabelt worden.

Laut dem Bericht sind die angeblich neuen Erkenntnisse bei den Recherchen der unabhängigen Untersuchungskommission über mögliche Fehler im Vorfeld des 11. Septembers aufgetaucht. Besonders heikel sei, dass die US-Behörden die Daten offenbar ignoriert hatten und al-Schehhi später zur Flugausbildung in die USA einreisen konnte. "Die Vereinigten Staaten scheinen bei der aggressiven Verfolgung dieses Hinweises versagt zu haben", folgern die beiden Washington-Korrespondenten. Laut Aussagen anonymer Offizieller hätten die US-Behörden zwar angenommen, al-Schehhi sei ein "Vertrauter Osama Bin Ladens", ihn jedoch nie gesucht oder weiter recherchiert.

"Bruder Haydar" und sein "Djihad-Reisebüro"

Anwerbebogen von Marwan al-Schehhi: "Komm bald nach Hamburg"
SPIEGEL ONLINE

Anwerbebogen von Marwan al-Schehhi: "Komm bald nach Hamburg"

Deutsche Experten reagierten mit Kopfschütteln auf die angeblich neuen Erkenntnisse. Innenminister Otto Schily, derzeit in den USA auf Dienstreise, nutzte am Dienstag ein Reporter-Briefing, um einem der beiden "Times"-Autoren seine Sicht der Dinge darzustellen. "Ihr Artikel ist ein bisschen irreführend", sagte Schily. Kurz darauf betonte der Minister, zum Zeitpunkt der Informationsweitergabe sei den deutschen Behörden die Relevanz der Daten nicht bewusst gewesen. Der Austausch solcher Erkenntnisse sei "reine Routine".

Hierzulande ist die Informations-Weitergabe in die USA seit langem bekannt. So hatten die deutschen Verfassungsschützer im Jahr 1999 den Deutsch-Syrer Mohammed Zammar im Visier, der als Rekrutierer der Qaida in Deutschland galt. Tag und Nacht hingen sie an seinem Telefon, um mehr über "Bruder Haydar" und sein "Djihad-Reisebüro" herauszufinden. Damals vermuteten die Fahnder, dass Zammar kampfwillige Muslime nach Afghanistan schleuste und sie dort in den Trainings-Camps der Qaida zu Gotteskriegern ausbilden ließ.

Es war am 31. Januar 1999, als die deutschen Behörden bei ihren Überwachungen das erste Mal den Namen "Marwan" hörten. Der Mann mit der jungenhaften Stimme rief mit einem in den Vereinigten Arabischen Emiraten registrierten Funktelefon bei Zammar an und erkundigte sich nach dessen Wohlbefinden. Zammar beriet dem Anrufer in einigen Studienfragen und bat ihn, schon bald von seinem damaligen Studienort Bonn nach Hamburg zu kommen. Der Anrufer versicherte, dies im Mai 1999 zu tun und legte mit besten Wünschen auf.

Per Kabelbericht direkt nach Langley

Die deutschen Ermittler hatten die potentielle Wichtigkeit des Anrufs durchaus registriert. Obwohl sie bei ihren eigenen Recherchen nicht viel weiter kamen, kabelten sie ihre Erkenntnisse umgehend an die CIA und baten um Schützenhilfe. Bis nach dem 11. September aber hören sie nie wieder etwas. Erst Tage nach den Terror-Attacken in den USA kam die von den Ermittlern fast liebevoll genannte "Operation Zartheit" wieder auf den Tisch und interessierte nun auch die US-Fahnder. Still haben wohl auch sie sich eingestanden, dass sie den Tipp aus Hamburg nicht ernst genug genommen haben. Die gleiche Erkenntnis plagt seit den Terror-Attacken auch so manchen deutschen Fahnder.

Verdächtiger Zammar: Pauschal-Reisen zum Terror-Training
AP

Verdächtiger Zammar: Pauschal-Reisen zum Terror-Training

So bitter die späte Erkenntnis für deutsche und US-Ermittler auch ist, so nah waren sie den späteren Todes-Piloten zu diesem Zeitpunkt. Der beobachtete Zammar stand bis zuletzt mit allen Hamburger Terroristen in engem Kontakt. Der bei der Überwachung aufgefallene Marwan al-Schehhi zog schon kurz nach dem Telefonat an die Elbe, wohnte gemeinsam mit den anderen in der berüchtigten Terror-WG in der Marienstraße 54, wo die Endphase der 9/11-Planung lief. Mit einer weiteren Überwachung, so die düstere Einsicht der Ermittler heute, hätte man den 9/11-Plot vielleicht sogar verhindern können.

Was wusste die CIA über die Hamburger Verdächtigen?

Selbst wenn die deutsche Beteiligung an der Ermittlungs-Schlappe nicht neu ist, könnte die Untersuchung die Pannen in den USA endlich aufklären. Die US-Fahnder müssen sich fragen lassen, warum der deutsche Hinweis nicht bearbeitet, "Marwan" nicht identifiziert wurde. Auch warum die CIA die deutschen Daten nicht an das FBI oder die Einreisebehörde weiter reichte, dürfte von Interesse sein. So hätte die Einreise von al-Schehhi verhindert, vielleicht sogar alle Mitglieder der "Hamburger Zelle" ermitteln werden können.

Auch der Blick ins Zeitungs-Archiv könnte für die Kommission hilfreich sein. Interessant, dass sowohl Zammar als auch der ebenfalls verdächtige Hamburger Geschäftsmann Mamoun Darkazanli von der CIA im Jahr 1999 angesprochen wurden. Der CIA-Resident Thomas Volz versuchte damals mehrmals, Darkazanli als Spitzel anzuwerben, da er offenbar als Statthalter für einen anderen Verdächtigen aus den USA agierte. Volz wollte den Verdächtigen als CIA-Informanten gewinnen, der Einblick in die Strukturen der Qaida geben sollte. Wie bei Zammar aber blitzte er auch bei Darkazanli ab.

"Rambo aus einem Spionage-Thriller"

CIA-Chef Tenet: Unangenehme Fragen
AFP

CIA-Chef Tenet: Unangenehme Fragen

Ganz offenbar also besaßen die US-Behörden konkrete Hinweise über das Umfeld der "Hamburger Zelle". Bisher aber blieb stets unklar - auch für die deutschen Ermittler - warum diese nicht weiter recherchiert wurden. Damals, so berichten deutsche Verfassungsschützer, sei die Zusammenarbeit mit dem US-Residenten schlecht gewesen. Die Deutschen hielten den CIA-Mann für einen "Rambo aus einem Spionage-Thriller", während der US-Geheimdienstler die Deutschen nicht ganz ernst nahm. Gleichwohl bleibt für die Kommission die Frage, was der CIA damals bekannt war und warum den Spuren nicht gefolgt wurde.

Die Aktionen der Kommission gehen jetzt genau in diese Richtung. Vergangene Woche waren mehrere Mitglieder zu einem Geheim-Besuch in Deutschland. Bei mehreren Terminen mit Behörden und Beobachtern der Terror-Ermittlungen informierten sie sich über die deutsche Sicht der Dinge. Die Beteiligten der beiden deutschen Terror-Verfahren wurden in die US-Botschaft zu einem Plausch eingeladen. Immer wieder fragten die Kommissions-Mitglieder nach den Vorläufen der 9/11-Ermittlung in Deutschland. Die Aktionen der landeseigenen CIA auf deutschem Boden könnte ihnen reichlich Stoff für unangenehme Fragen liefern.



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