Präsidentenwahl in Polen Kaczynski will seinen Bruder beerben

Er will die Mission seines Bruders beenden: Der polnische Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski hat nach dem Flugzeugabsturz seines Zwillingsbruders Lech seine Kandidatur um das Präsidentenamt bekanntgegeben. Doch Experten räumen ihm nur geringe Chancen ein.

Jaroslaw Kaczynski: "Diesen Auftrag trotz der persönlichen Tragödie annehmen"
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Jaroslaw Kaczynski: "Diesen Auftrag trotz der persönlichen Tragödie annehmen"


Warschau - Jaroslaw Kaczynski und sein verstorbener Zwillingsbruder Lech galten stets als engste Vertraute. Nun will der Chef der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) seinen verunglückten Bruder als polnischen Staatspräsidenten beerben. Kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist gab Jaroslaw Kaczynski am Montag seine Kandidatur um das höchste Staatsamt bekannt.

"Das tragisch unterbrochene Leben des Präsidenten und der Tod der patriotischen Elite Polens bedeuten für uns eins: Wir müssen ihre Mission beenden", hieß es in seiner Erklärung. " Polen ist unsere große gemeinsame Verpflichtung. Wir müssen unseren persönlichen Schmerz hinter uns lassen und diesen Auftrag trotz der persönlichen Tragödie annehmen." Er und seine Anhänger seien verpflichtet, "das Testament der Verstorbenen zu erfüllen".

Jaroslaw Kaczynski leitete von 2006 bis 2007 als Ministerpräsident die polnische Regierung. Seine Amtszeit war von Spannungen mit Deutschland und Russland geprägt. Seit Herbst 2007 sitzt der Politiker auf der Oppositionsbank.

Ursprünglich wollte die PiS bei der Präsidentenwahl Amtsinhaber Lech Kaczynski unterstützen. Seit dem Tod seines Bruders hatte sich Jaroslaw Kaczynski nicht öffentlich über seine politischen Absichten geäußert. Am Montag lief die Frist für die Einreichung der Kandidaturen für die vorgezogenen Wahlen am 20. Juni ab.

Bei der Wahl tritt Kaczynski gegen den Favoriten Bronislaw Komorowski an. Der Kandidat der liberal-konservativen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) hat als Parlamentschef nach dem Flugzeugunglück von Smolensk kommissarisch die Geschäfte des Staatsoberhauptes übernommen.

Experten räumen Kaczynski wenig Chancen ein. Er werde vermutlich kaum mehr als 25 Prozent der Stimmen erhalten, sagte der Leiter der Stiftung Unia & Polska, Krzysztof Bobinski. Der 60-Jährige werde daher alles versuchen, um von der Sympathie zu profitieren, die die Polen seinem Bruder Lech entgegenbrachten.

Neben Komorowski und Kaczynski treten bei der Wahl unter anderem der Vorsitzende der Demokratischen Linksallianz, Grzegorz Napieralski, und der Chef der Bauernpartei, Waldemar Pawlak, an.

Jaroslaws Zwillingsbruder Lech war am 10. April beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine ums Leben gekommen. Kaczynski war mit einer ranghohen Delegation auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Katyn gewesen, als die Maschine im Westen Russlands abstürzte. Alle 96 Insassen, darunter auch Kaczynskis Ehefrau Maria, starben bei dem Unglück in Smolensk. Politiker, Parlamentarier, Geistliche und Militärs wollten in Katyn der polnischen Offiziere gedenken, die 1940 vom sowjetischen Geheimdienst erschossen worden waren.

mmq/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 844 Beiträge
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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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