Mutmaßlicher Waffendealer vor Gericht Wer hat Angst vor Wiktor But?

Thailändische Richter machen den Weg frei für seine Auslieferung. Damit geht der Poker um Wiktor But in die nächste Runde. Kommt der mutmaßliche Waffenhändler vor ein US-Gericht, muss sich Moskau auf pikante Enthüllungen einstellen - und Washington auf einen vertrackten Prozess.

Angeklagter But: "Russland verhält sich sehr korrekt"
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Angeklagter But: "Russland verhält sich sehr korrekt"

Von , Moskau


Wenn Wiktor Anatoljewitsch But, 43, auch bekannt unter den Namen Wiktor Bulakin, Vadim Aninomow und Wiktor Budd, könnte, würde er vielleicht versuchen, die Zeit zurückzudrehen. Dann würde er jetzt nicht in einem thailändischen Gefängnis sitzen, sondern Platz nehmen auf den bequemen, beigen Sesseln des russischen Parlaments. Im Jahr 2007, so bezeugte es der Ex-Abgeordnete Alexej Mitrofanow gegenüber dem Magazin "Russischer Reporter", bot die Partei des Rechtspopulisten Wladimir Schirinowski But ein Abgeordnetenmandat an. "Er antwortete darauf sehr hochmütig", erinnert sich Mitrofanow. Er brauche die Duma nicht, soll But gesagt haben, und: "Ich kann auch so alle Probleme lösen."



Wiktor But, laut Uno und USA der gefährlichste illegale Waffenhändler der Welt, hat sich geirrt.



Seit zwei Jahren sitzt er im "Bangkok Hilton" ein, dem berüchtigten Gefängnis der thailändischen Hauptstadt. Hindi, Urdu, Sanskrit und Türkisch hat das Sprachtalent in seiner Zelle gelernt, während die Großmächte Russland und Amerika um sein Schicksal rangen.



Das letzte Wort hat nun Thailands Premier



Bald aber wird But, den russische Medien einst "Herrn der Himmel" nannten, zu seinem wohl letzten Flug aufbrechen: Am Dienstag hat ein thailändisches Gericht eine letzte Hürde auf dem Weg zu seiner Auslieferung an Washington aus dem Weg geräumt. Buts Anwälte wollen noch einmal Einspruch einlegen, das letzte Wort aber hat nun Thailands Premier Abhisit Vejjajiva.



Die Auslieferung wäre für den Kreml eine schwere Niederlage. Moskau hatte mit allen Mitteln versucht, die Pläne der Amerikaner zu vereiteln. So bot Russland Thailand Lieferungen von Öl und Kampfjets zu Vorzugskonditionen an. Außenminister Sergej Lawrow versprach gar persönlich, "alles für Buts Heimkehr" zu tun. Unter der Überschrift "Viel Lärm um nichts" stellte ein russischer Top-Diplomat But gar einen Persilschein aus, forderte seine Freilassung und drohte mit Beeinträchtigungen der Beziehungen zu Washington.



Er sei "dem Außenministerium sehr dankbar", sagte But in einem seiner letzten Interviews: "Russland verhält sich sehr korrekt".



Fürchtet der Kreml pikante Enthüllungen?



Kämpft Moskau nur für die Rechte eines Bürgers - oder fürchtet der Kreml pikante Enthüllungen, falls es zu einem Prozess kommt? Im Ausland jedenfalls sorgt der vehemente Einsatz für den mutmaßlichen Waffenhändler für Verwunderung. Was der Kreml zu verbergen habe, fragte sich nicht nur das US-Magazin "Newsweek".



In der Tat gilt der illegale Waffenhandel traditionell als eng mit Russlands Geheimdiensten verbandelt. Aufklärer des Militärnachrichtendienstes GRU knüpften noch zu Sowjetzeiten in Ländern wie Angola und Sierra Leone Kontakte zu Rebellengruppen und Regierungen. 1991 brach das kommunistische Weltreich zusammen, die Seilschaften aber blieben bestehen und wurden - so bezeugen Rüstungsexperten und ehemalige Geheimdienstler - bald genutzt, um Waffen gegen Cash zu verscherbeln.



Auch Wiktor But war als Dolmetscher in Mosambik und Angola, bestreitet aber, für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Damals soll er auch einen anderen Dolmetscher kennengelernt haben, der später Karriere in der Politik machte: Igor Setschin, heute Vize-Premier in Russland. Sowohl Setschin als auch But behaupten aber, sich niemals begegnet zu sein.



Russische Geheimdienst- und Rüstungsexperten sind gleichwohl davon überzeugt, dass But über Insiderkenntnisse verfügt.



Tot wertvoller als lebendig



Muss der Kreml Wiktor But fürchten? "Tot ist But für Russland im Moment wertvoller als lebendig", sagt ein langjähriger Kenner der Szene, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will.



Allerdings dürfte der Fall But auch in den USA für Kopfzerbrechen sorgen. Laut Untersuchungen der Uno soll But Waffen in Bürgerkriegsgebiete verkauft haben, angeblich sogar an die Taliban. Doch es fehlt die "smoking gun", der eindeutige Beweis.



Statt dessen gibt es viele Fragen:



  • Wie wollen die Amerikaner, wenn es zum Prozess kommt, ihre Vorwürfe unterfüttern?
  • Warum machte Washington noch 2003 gemeinsame Sache mit dem "Händler des Todes" und heuerte eine ihm zugerechnete Fluggesellschaft für Transporte während des Irak-Feldzugs an?
  • Wieso waren es Agenten der DEA, der US-Drogenbekämpfungsbehörde, die But in Thailand jene Falle stellten, in die er tappte?



Kommt es zu einem Verfahren vor einem US-Gericht, steht Amerika vor einem vertrackten Prozess. Belastbare Beweise für Machenschaften Buts werden schwer zu beschaffen sein. Waffenhändler, von denen wohl in den neunziger Jahren eine ganze Reihe in Afrika operierten, pflegten ihre Deals nicht mit schriftlichen Verträgen zu besiegeln, und Warlords haben keine Kundennummer.



Douglas Farah, Autor des Buches "Merchant of Death" und so etwas wie Buts medialer Chefankläger räumt gar ein, But habe "nicht illegal" gehandelt, wohl aber "moralisch verwerflich".



Die offizielle Anklage lautet nun auf "Verschwörung" mit dem Ziel, Waffen an die Terroristen der kolumbianischen Farc-Bewegung zu liefern und US-Bürger zu töten.



In seinem letzten Interview hat Wiktor But erklärt, er sehe "geopolitische Gründe" hinter dem Verfahren gegen ihn, das eigentliche Ziel sei die Diskreditierung Russlands. "Ich rechne nicht mit einem fairen Prozess. Vielleicht sperrt man mich auf irgendeiner Luftwaffenbasis ein oder auf Guantanamo und hält mich fest bis ich das notwendige Geständnis unterschreibe."



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