Aufruhr in Ägypten Ausländer fliehen aus der Chaos-Zone

Raus, nur noch raus: Tausende Ausländer wollen Ägypten so schnell wie möglich verlassen, darunter viele Deutsche. Firmen setzen für ihre Mitarbeiter sogar Privatjets ein. Doch die meisten Ausreisewilligen müssen warten.


Kairo - Tausende Ausländer in Ägypten wollen nur noch eins: Schnell weg von hier, zurück in die Heimat. Nach Tagen des politischen Protests in den Großstädten, machen sich besonders ausländische Familien mit Kindern, die in Kairo oder Alexandria wohnen, auf die Flucht aus dem Land, das immer mehr ins Chaos abrutscht und wo sich die Lage stündlich ändern kann. Am Abend hatten sich bereits wieder Tausende Demonstranten auf Kairos Tahrir-Platz versammelt, Hubschrauber kreisten über der Stadt.

ANZEIGEMittlerweile organisieren fast alle ausländischen Botschaften die Ausreise ihrer Bürger. Am Mittag flog die erste vom Auswärtigen Amt organisierte Sondermaschine der Lufthansa rund 170 Deutsche gen Frankfurt aus, weitere Extra-Flüge sind für Dienstag und Mittwoch geplant.

Jedem, der sich bei der Botschaft meldet, wird von den Diplomaten geholfen. Bisher waren das rund 500 Deutsche. Am Morgen hatte die Botschaft die ersten Familien mit Bussen zum Flughafen gebracht, am Airport wurden sie von Mitarbeitern betreut.

Viele von ihnen haben wegen der Unruhen, vor allem aber wegen der nächtlichen Schießereien in der Hauptstadt seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Einige berichteten, sie hätten ihre Häuser bewacht, andere haben Angst um ihre Kinder.

Mehrere deutsche Unternehmen haben ebenfalls auf die Lage reagiert und ihre Mitarbeiter nach Deutschland ausgeflogen, darunter sind Großunternehmen wie RWE oder Daimler Chrysler. Teilweise charterten die Unternehmen sogar Privat-Jets, um die Mitarbeiter nach Hause zu holen. Mehrere Autokonzerne stoppten ihre Endfertigung in Ägypten oder die Auslieferung deutscher Fahrzeuge in das Land.

Reisewarnung für Ägypten

Die Szenerie am Flughafen verdeutlicht, wie groß die Angst unter den Ausländern mittlerweile ist. Hunderte Menschen campieren in der Ankunftshalle des Airports. Wer etwas mehr Glück hatte, bekam noch ein Zimmer in einem der Hotels direkt am Flughafengelände. Überall waren Botschaftsmitarbeiter mit Fahnen in der Hand zu sehen, die sich um ihre Landsleute kümmerten, sie aber meist vertrösten mussten.

Neben den Ausländern wollen auch Tausende Ägypter ihr Land verlassen. Das Ticketbüro der Airline "Egypt Air" ist seit Tagen im Belagerungszustand, Hunderte Menschen drängen sich vor den Schaltern. Bisher fliegen die meisten Jets der Gesellschaft, sind aber überbucht und oft verspätet. Ein Großteil der internationalen Airlines fliegt Kairo noch an, dies könnte sich jedoch bei einer weiteren Zuspitzung der Lage ändern.

Viele Länder schickten Sondermaschinen nach Kairo. Aus den USA landete am Morgen eine Boeing 737 des Außenministeriums. Die US-Botschaft hat am deutlichsten vor der Lage in Ägypten gewarnt. Das Auswärtige Amt verschärfte ebenfalls die , will aber noch nicht von Evakuierung sprechen. Bis Mittwoch sollen alle Ausreisewilligen zurück in Deutschland sein. Italien schickte zwei Militärmaschinen, weitere Jets kamen aus Indien, China und Japan.

Bürgermilizen ziehen durch die Stadt

Allein in Kairo leben rund 5000 Deutsche. Auch in Alexandria stecken deutsche Staatsbürger fest, dort ist die Lage teilweise noch gefährlicher als in der Hauptstadt. Es sind vor allem die Plünderer und die Abwesenheit der Sicherheitskräfte, die den Ausländern Angst machen. Mehrere Familien haben sich in die deutsche Schule geflüchtet, am Montag trafen dort Botschaftsmitarbeiter ein, die nun die sichere Ausreise organisieren.

ANZEIGEEin erster Versuch einiger Familien, Alexandria zu verlassen, war am Sonntag gescheitert. Per Bus versuchten sie, nach Kairo zu kommen. Auf der Strecke jedoch hatten Hunderte aus einem Gefängnis freigelassene Straftäter Sperren errichtet und versuchten, Fahrzeuge zu erbeuten. Dabei soll es zu Schießereien und sogar zu Toten gekommen sein. Der Bus mit den Deutschen konnte noch rechtzeitig wenden. Mittlerweile gilt die Straße wieder als sicher, doch das kann sich rasch ändern.

Die Berichte des Schulleiters aus Alexandria sind dramatisch. Bürgermilizen seien in der ganzen Stadt unterwegs. Doch es sei schwer, die Plünderer von den selbsternannten Ordnungshütern zu unterscheiden, zudem seien die Milizen völlig unberechenbar. "Wir erleben hier immer wieder, dass Leute zusammengeprügelt oder gar verschleppt und auch getötet werden, mit Messern und Säbeln", sagte der Schulleiter. Er hat sich deshalb in der Schule verschanzt.

In den ägyptischen Feriengebieten fernab der Großstädte hingegen ist die Lage wesentlich ruhiger, von einer Fluchtwelle der Touristen ist bisher nichts zu spüren, die meisten brachen ihren Urlaub nach Angaben der Reiseveranstalter nicht ab. Aus Deutschland sind mehrere tausend Feriengäste im Land, aus Russland rund 40.000. Der Reiseveranstalter Thomas Cook flog weiterhin Touristen aus Deutschland ein. Andere Reiseveranstalter jedoch holten ihre Kunden nach Hause

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