Kreuzverhör im Elysée: Hollande kämpft

Von , Paris

Sechs Monate ist er im Amt und machte sich so rasant unbeliebt wie kaum einer seiner Vorgänger als Präsident. François Hollande wollte die Wende erzwingen bei seiner ersten Pressekonferenz im Elysée-Palast - und er konnte punkten.

Frankreichs Präsident Hollande: "Ich arbeite für die nächste Generation" Zur Großansicht
AFP

Frankreichs Präsident Hollande: "Ich arbeite für die nächste Generation"

Es ging um viel bei diesem Auftritt. François Hollande musste werben, beschwören, rechtfertigen, mobilisieren und - wenn möglich - überzeugen. Sechs Monate nach seinem Amtsantritt ist der nach François Mitterrand zweite Sozialist an der Spitze der V. Republik in den Umfragen so rasant abgeschmiert wie kaum ein Staatschef vor ihm. Unpopulär, unter Druck durch Pleiten und Pannen, gefährdet durch die Dauerkrise der Euro-Zone. Hollande steht da wie ein Kaiser ohne Kleider.

Die Pressekonferenz im Elysée-Palast, die erste Bilanz seiner Amtszeit, sollte mindestens den verheerenden Eindruck verpasster Chancen und verzögerter Initiativen vergessen machen, im besten Fall die angeschlagene Autorität des Präsidenten als Macher und Manager wiederherstellen helfen.

Denn die traditionellen Begegnungen zwischen Frankreichs Souverän und der Presse folgen ihrer ganz eigenen Inszenierung: Kein nüchterner Wechsel von Fragen und Antworten wie in der Berliner Bundespressekonferenz, kein jovial-routinierter Schlagabtausch wie im Weißen Haus. Wenn der Staatschef der V. Republik zum Treffen mit Journalisten lädt, gleicht die Zusammenkunft unter den goldenen Lüstern und schweren Tapisserien des Festsaals einer Audienz mit der öffentlichen Meinung. Minister, Funktionäre und Ratgeber sitzen dabei in der ersten Reihe.

Auch beim Sozialisten Hollande. Der Habitus des "normalen Präsidenten", der per Bahn in den Urlaub fuhr, ist abgelegt. Angesagt ist das monarchische Gepränge des Amtes - auch wenn Hollande für sich "Einfachheit" in Anspruch nimmt. Und so müht er sich bei seinem ersten offiziellen Auftritt seit Amtsantritt vor rund 400 Journalisten, endlich den verantwortungsvollen Landesvater zu geben.

"Es geht um die Wiedereroberung der Zukunft"

Der Mann, der sich während des Wahlkampfes bewusst von seinem hyperaktiven Vorgänger Nicolas Sarkozy abgesetzt hatte, muss sich vom Vorwurf befreien, er sei entscheidungsscheu, ein schlapper Aussitzer.

Sein Auftritt beginnt daher mit einem versteckten Schuldbekenntnis. "Politik ist keine Addition von Reformen, keine Buchhaltung von Versprechen, Politik ist eine kohärente Antwort auf die Erwartungen des Volkes." Und die fehlte bislang. Es folgt eine Doppelstunde Nachhilfe in demokratischer Pädagogik. Erst zögernd, dann sicherer trägt Hollande vor, belehrt, erklärt. Es geht um nicht weniger als um die "Wiedereroberung unserer Zukunft".

Zuvor ist aber ein Blick in die Vergangenheit angesagt. Hollande lobt die eigene Bilanz der vergangenen sechs Monate - Arbeitsbeschaffungsprogramm für Jugendliche, die Unterstützung für Mittelständler, die angestrebte Verwaltungsreform. Er preist den "Wachstums-, Wettbewerbs- und Beschäftigungspakt", jenes 20 Milliarden-Programm, das ausgerechnet mit einer satten Mehrwertsteuererhöhung bezahlt werden soll - obwohl Wahlkämpfer Hollande diese Form der Finanzierung einst als "unpassend und ungerecht" gegeißelt hatte.

In professoralem Tonfall und mit erhobenem Zeigefinger erläutert Hollande dann das Herzstück seiner Politik: Schuldenabbau, Beschäftigung, Wachstum und Wettbewerb. Er redet sich warm bei Projekten wie der öffentlichen Investitionsbank und den Steuererleichterungen für Mittelständler. Und mehr soll folgen: Etwa die versprochene Reform des Bankensektors oder die anstehende Finanz-Transaktionssteuer.

"Merkel und ich haben uns keine Lektionen zu erteilen"

Knirscht es im deutsch-französischen Verhältnis? Es darf nicht beschädigt werden. Was zählt gegenüber der Kanzlerin ist Offenheit. "Wir haben uns gegenseitig keine Lektionen zu erteilen", sagt der Franzose und mahnt zugleich mehr Solidarität von den Partnern an. "Am Ende steht ein Kompromiss."

Verpackt wird die politische Programmatik in emotionale Watte. Hollande stellt sich dar als Präsident aller Franzosen, über Fraktionen und Parteien, jenseits von gesellschaftlichen Gruppen stehend, ein Patriarch, der eintritt für einen Pakt aus Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit; kurz: "für eine Nation, die zusammensteht in gemeinsamen Werten."

Der Diskurs verliert sich nicht in rosa Visionen. Es wird ernst werden, die Arbeitslosigkeit wird noch steigen. Angst vor Kritik jedenfalls hat Hollande nicht. Die bissigen Angriffe auf seine Person tut er mit ironischem Lächeln ab: "Hollande-Bashing? Ich spreche Englisch ganz gut, also 'Ich als Punching-Ball'? Das gehört zum Job. Ich respektiere die Pressefreiheit, Exzesse gibt es, mein Vorgänger kann ein Lied davon singen. Das gehört zur Demokratie."

"Haben wir Fehler gemacht? Ja. Gab es Fehltritte? Gewiss."

Die miesen Umfragen stören ihn nicht. "Ich definiere mich nicht über die Demoskopen. Ich bin nicht im Wahlkampf, ich bin Präsident. Haben wir Fehler gemacht? Ja. Gab es Fehltritte? Gewiss. Aber wir halten nicht den Rekord. Mit Medien, die heute 24 Stunden und mehr täglich funktionieren, muss man auf alle Äußerungen achten", scherzte der Präsident und hat die Lacher auf seiner Seite.

Griechenland, Syrien, Nordafrika, Asien - der diplomatische Rundblick lässt keinen Schauplatz aus. Die zentrale Botschaft Hollandes bleibt jedoch die Wirtschaft. "Die einzige Frage, die zählt, ist der Zustand Frankreichs in fünf Jahren. Meine gesamte politische Strategie richtet sich gegen die Arbeitslosigkeit. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Präsident diese Ankündigung macht. Versprechen, Reden, so viel wurde schon gesagt, aber nicht alles versucht."

Hollande pokert hoch angesichts der von ihm eingeräumten Schwierigkeiten. Sollte der Sozialist seine ambitionierte Zusage nicht halten können, ist er spätestens 2017 ohne Job.

An diesem Abend hat Hollande freilich gepunktet - in geschlagenen zwei Stunden und zwanzig Minuten profilierte er sich er als lockerer Vordenker der Nation und zugleich sehr präsidialer Vertreter Frankreichs. Und schließlich schaut er weit über die fünf Jahre seiner Amtsperiode hinweg: "Ich bereite keine Lösung für die nächste Wahl vor, sondern für die nächste Generation".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schaumschläger
rjrauschffm 13.11.2012
Mehr muß man eigentlich nicht sagen.
2. Erstaunlich...
wahrsager11 13.11.2012
wie aehnlich Hollande und Obama sind : Emotionale Watte !
3. Frankreich ähnelt der DDR kurz vor dem Ende
schandmaul1000 13.11.2012
und ein neuer Honecker ist die schlechteste Wahl diesen Problemstaat in 21 Jahrhundert zu bringen.
4. Nun ja,
DerKritische 13.11.2012
Zitat von sysopAFPSechs Monate ist er im Amt und wurde so rasant unbeliebt wie kaum einer seiner Vorgänger als Präsident. François Hollande wollte die Wende erzwingen bei seiner ersten Pressekonferenz im Élysée-Palast - und er konnte punkten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/a-867105.html
er hat versprochen, was er nie halten konnte; aber so sind die meisten Politiker. Angetreten sind sie alle um ökonomische Realitäten umzustürzen zu wollen, gescheitert sind sie aber alle trotzdem seit Jahrtausenden. Komisch, dass die Untertanen immer noch auf solche Typen reinfallen.
5. Runter vom hohen Ross
pollopollo 13.11.2012
Ich wohne in Weil am Rhein und habe viele Verwandte im Elsass und In Südfrankreich. Die Stimmung ist nicht gut,viele trauen Hollande den Weg aus dem Schlamassel nicht zu. Eine Cousine arbeitete im Elsass in einem Supermarkt und wurde dort nach15 Jahren entlassen. Jetzt arbeitet Sie im badischen und bedient hauptsächlich Elsässer.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Wirtschaft in Frankreich
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 27 Kommentare

Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 63,461 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

Mehr auf der Themenseite | Frankreich | Frankreich-Reiseseite