Kongos Warlord Ntaganda: Flüchtling, General, Kriegsverbrecher

Von Hilke Fischer

Als "Terminator" verbreitete er Angst und Schrecken im Kongo. Jetzt ist der gesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher Bosco Ntaganda in die US-Botschaft Ruandas geflüchtet. Bei einem Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof könnte aber auch Ruandas Regierung in Bedrängnis geraten.

Kongo: Ntaganda auf der Flucht Fotos
AP/dpa

Wie Bosco Ntaganda wirklich heißt, scheint keiner so genau zu wissen. Er selbst nennt sich auch "Terminator": Jetzt hofft der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) auf seine schnelle Auslieferung: Der Rebellenführer hatte sich vor den Kämpfen im Kongo am Montag in die US-Botschaft in Ruanda geflüchtet und will nach Den Haag überstellt werden. Dem Warlord wird vorgeworfen, Kindersoldaten rekrutiert zu haben und für zahlreiche Morde und Vergewaltigungen verantwortlich zu sein.

Ntaganda ist ein militanter Tutsi, seine Geschichte ist eng mit der seines Heimatlandes verwoben: Als Teenager muss er aus Ruanda in die Demokratische Republik Kongo flüchten, weil Mitglieder der Hutu-Mehrheit in Ruanda Pogrome an der Tutsi-Minderheit verüben.

Im Kongo schließt sich Ntaganda der Tutsi-Miliz Ruandische Patriotische Front (RPF) an. Sein Anführer ist Paul Kagame, heute Präsident von Ruanda. Als im Sommer 1994 Ruandas Hutu binnen hundert Tagen drei Viertel aller Tutsi und viele gemäßigte Hutu niedermetzeln, fällt Ntaganda zusammen mit den anderen RPF-Rebellen in Ruanda ein. Die RPF tötet Zehntausende im Kampf und bei dem Versuch, das Gebiet zu kontrollieren und übernimmt schließlich die Macht in dem Land.

Vom Tyrannen zum General

Ntaganda tritt zunächst der ruandischen Armee bei. Doch wenig später ist er wieder im Kongo und kämpft für verschiedene Rebellengruppen, angetrieben von Macht und Gier. Denn der Osten des Landes ist reich an Bodenschätzen: Der Kampf zwischen Rebellengruppen und der kongolesischen Armee ist vor allem ein Kampf um die Kontrolle von Edelsteinen, Gold und Seltenen Erden. Leidtragende ist die Zivilbevölkerung. Hunderte Morde, Vergewaltigungen, Folter und die Rekrutierung von Kindersoldaten: Seit 2006 sucht der IStGH Bosco Ntaganda deshalb per Internationalem Haftbefehl. Trotzdem bekommt er 2009 einen Posten als General in der kongolesischen Armee und lebt unbehelligt in Protz und Prunk. Die Regierung des Landes erhofft sich durch das Abkommen mit den Rebellen Frieden und Stabilität in der Region.

Als der internationale Druck zunimmt und Ntaganda fürchtet, doch noch an den IStGH ausgeliefert zu werden, meutert er. Er gründet eine neue Rebellengruppe, die M23. Seine Anhänger fallen in Dörfer ein, zerren die Jugendlichen aus ihren Häusern und Klassenzimmern und zwingen sie, an vorderster Front für sie zu kämpfen.

Die im Ost-Kongo stationierten Blauhelme müssen hilflos dabei zusehen, wie Ntaganda und seine Kämpfer die kongolesische Armee zurückdrängen und die Provinzhauptstadt Goma einnehmen. Die Vereinten Nationen sind alarmiert. In Berichten sprechen Uno-Experten davon, dass Ntaganda Unterstützung aus Ruanda erhält - von der Regierung seines ehemaligen Rebellenchefs und heutigem Staatschef Paul Kagame. Die Bodenschätze aus dem Ost-Kongo werden vor allem über Ruanda exportiert. Tutsi-Geschäftsleute aus beiden Ländern arbeiten eng zusammen. Die ruandische Regierung bestreitet, sich in den Konflikt eingemischt zu haben.

Ruanda muss zittern

Im Februar dieses Jahres kommt es zu Machtkämpfen innerhalb der M23-Führung. Ntaganda verliert - und flieht mit seinen Anhängern nach Ruanda, wo er in die US-Botschaft flüchtet. "Ntaganda hat um sein Leben gefürchtet", meint Ida Sawyer, Kongo-Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, zu SPIEGEL ONLINE. Die USA hatte fünf Millionen Dollar Kopfgeld auf den Rebellenführer ausgesetzt. Und der ruandischen Regierung sei möglicherweise auch daran gelegen, den entmachteten Ntaganda aus dem Weg zu räumen.

Doch eine Auslieferung nach Den Haag könnte schwierig werden: Sowohl Ruanda als auch die USA haben die Statuten des Weltstrafgerichts nicht unterzeichnet. Ruandas Regierung lehnte jede Verantwortung ab. "Ruanda hat nichts damit zu tun, ob Ntaganda überstellt wird oder nicht", sagte Außenministerin Louise Mushikiwabo.

Ein Prozess in Den Haag könnte für Ruandas Präsidenten Kagame ohnehin unangenehm werden. Kongo-Expertin Sawyer: "Ntaganda hat viele Informationen über die Rolle von Ruanda in dem Konflikt. Das wird sicherlich während des Prozesses in Den Haag herauskommen."

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Gerade die UNO hat es nötig
kumi-ori 19.03.2013
Als vor zwanzig Jahren der Bürgerkrieg in Ruanda tobte, und Millionen Tutsi massakriert wurden, hielt es die UNO nicht für nötig, einen Finger krumm zu machen. Es sei ein zeitlich und lokal begrenzter Konflikt, gehe die Weltgemeinschaft nichts an. Als aber dann doch die Tutsis am Ende überlebten und gegen die Hutus gewannen, war die UNO beleidigt. Plötzlich war an allem rumzumäkeln, die Strafprozesse gegen die Hutu-Milizionäre, obwohl in verschiedenen Artikeln die gründliche und objektive Untersuchung gelobt wurde, die Modernisierungskampagne, weil irgendwelche veralteten Traditionen dem zum Opfer fielen, und jetzt meint die UNO, Kagame ans Bein pinkeln zu müssen. Die UNO hätte wahrscheinlich eine große Zahl Menschenleben retten können, wenn sie damals nur gewollt hätte. Ich bin kein Kenner Ostafrikas, aber nach dem, was in den Zeitungen steht, macht sich die UNO hier mit ihrem Urteilsanspruch doch recht lächerlich.
2. Mysteriös!
marcel2101 19.03.2013
Terrorfürsten sind ja auch nur Menschen. Und als solche sind sie natürlich bestrebt, bei Gefahr für Leib und Leben einen sicheren Rückzugsort aufzusuchen. Dass dieser Terrorist sich dabei nun ausgerechnet(!) für eine US-Botschaft entschieden hat, ist vollkommen unerklärlich! Vielleicht war's ja nur ein Irrtum... ;-)
3.
testthewest 19.03.2013
Zitat von sysopAls "Terminator" verbreitete er Angst und Schrecken im Kongo. Jetzt ist der gesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher Bosco Ntaganda in die US-Botschaft Ruandas geflüchtet. Bei einem Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof könnte aber auch Ruandas Regierung in Bedrängnis geraten. Kongos Warlord Ntaganda: Flüchtling, General, Kriegsverbrecher - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/a-889811.html)
Ja, ein Massenmörder fürchtet sich vor dem Tod, witzig. Dann doch viel lieber nach Den Haag. Die Gefängnisse dort sind wahrscheinlich besser als die Hotels im Kongo. Und wie ein gemeiner Flüchtling brauch er auch nicht unter Lebensgefahr in einer Nußschale über das Mitelmeer, nein, er bekommt nen Flug geschenkt. Kriegsverbrecher muss man sein!
4. Schwarzer Kriegsverbrecher sitzt in US-Botschaft?
seneca55 19.03.2013
Na und? Wann sitzen Bush-Cheney-Rumsfeld & Co in Den Haag? Außer Schwarzen und Serben ist in Den Haag noch keiner verurteilt worden resp. Kroaten später wieder frei-gesprochen worden, oder?
5. naja
maze93 19.03.2013
Ich wohne zurzeit in Ruanda und finde es zunächst mal ganz schön das der, nun zwei Jahrzehnte andauernde Konflikt doch in deutschen Medien wenn auch nur gering Beachtung findet. Die Opferzahlen seit 1996 sind die höchsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Flüchtlinge gibt es Unmengen. Wer sich genauer über die historischen Wurzeln und die tatsächliche aktuelle Lage interessiert sollte mal Dominic Johnsons Blog "Kongo Echo" oder die Tweets von Simone Schlindwein lesen. Da wird dann auch klar welche Rolle Bosco in der M23 gespielt hat, gegründet wurde sie jedenfalls nicht von ihm.
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