Von Hilke Fischer
Wie Bosco Ntaganda wirklich heißt, scheint keiner so genau zu wissen. Er selbst nennt sich auch "Terminator": Jetzt hofft der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) auf seine schnelle Auslieferung: Der Rebellenführer hatte sich vor den Kämpfen im Kongo am Montag in die US-Botschaft in Ruanda geflüchtet und will nach Den Haag überstellt werden. Dem Warlord wird vorgeworfen, Kindersoldaten rekrutiert zu haben und für zahlreiche Morde und Vergewaltigungen verantwortlich zu sein.
Ntaganda ist ein militanter Tutsi, seine Geschichte ist eng mit der seines Heimatlandes verwoben: Als Teenager muss er aus Ruanda in die Demokratische Republik Kongo flüchten, weil Mitglieder der Hutu-Mehrheit in Ruanda Pogrome an der Tutsi-Minderheit verüben.
Im Kongo schließt sich Ntaganda der Tutsi-Miliz Ruandische Patriotische Front (RPF) an. Sein Anführer ist Paul Kagame, heute Präsident von Ruanda. Als im Sommer 1994 Ruandas Hutu binnen hundert Tagen drei Viertel aller Tutsi und viele gemäßigte Hutu niedermetzeln, fällt Ntaganda zusammen mit den anderen RPF-Rebellen in Ruanda ein. Die RPF tötet Zehntausende im Kampf und bei dem Versuch, das Gebiet zu kontrollieren und übernimmt schließlich die Macht in dem Land.
Vom Tyrannen zum General
Ntaganda tritt zunächst der ruandischen Armee bei. Doch wenig später ist er wieder im Kongo und kämpft für verschiedene Rebellengruppen, angetrieben von Macht und Gier. Denn der Osten des Landes ist reich an Bodenschätzen: Der Kampf zwischen Rebellengruppen und der kongolesischen Armee ist vor allem ein Kampf um die Kontrolle von Edelsteinen, Gold und Seltenen Erden. Leidtragende ist die Zivilbevölkerung. Hunderte Morde, Vergewaltigungen, Folter und die Rekrutierung von Kindersoldaten: Seit 2006 sucht der IStGH Bosco Ntaganda deshalb per Internationalem Haftbefehl. Trotzdem bekommt er 2009 einen Posten als General in der kongolesischen Armee und lebt unbehelligt in Protz und Prunk. Die Regierung des Landes erhofft sich durch das Abkommen mit den Rebellen Frieden und Stabilität in der Region.
Als der internationale Druck zunimmt und Ntaganda fürchtet, doch noch an den IStGH ausgeliefert zu werden, meutert er. Er gründet eine neue Rebellengruppe, die M23. Seine Anhänger fallen in Dörfer ein, zerren die Jugendlichen aus ihren Häusern und Klassenzimmern und zwingen sie, an vorderster Front für sie zu kämpfen.
Die im Ost-Kongo stationierten Blauhelme müssen hilflos dabei zusehen, wie Ntaganda und seine Kämpfer die kongolesische Armee zurückdrängen und die Provinzhauptstadt Goma einnehmen. Die Vereinten Nationen sind alarmiert. In Berichten sprechen Uno-Experten davon, dass Ntaganda Unterstützung aus Ruanda erhält - von der Regierung seines ehemaligen Rebellenchefs und heutigem Staatschef Paul Kagame. Die Bodenschätze aus dem Ost-Kongo werden vor allem über Ruanda exportiert. Tutsi-Geschäftsleute aus beiden Ländern arbeiten eng zusammen. Die ruandische Regierung bestreitet, sich in den Konflikt eingemischt zu haben.
Ruanda muss zittern
Im Februar dieses Jahres kommt es zu Machtkämpfen innerhalb der M23-Führung. Ntaganda verliert - und flieht mit seinen Anhängern nach Ruanda, wo er in die US-Botschaft flüchtet. "Ntaganda hat um sein Leben gefürchtet", meint Ida Sawyer, Kongo-Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, zu SPIEGEL ONLINE. Die USA hatte fünf Millionen Dollar Kopfgeld auf den Rebellenführer ausgesetzt. Und der ruandischen Regierung sei möglicherweise auch daran gelegen, den entmachteten Ntaganda aus dem Weg zu räumen.
Doch eine Auslieferung nach Den Haag könnte schwierig werden: Sowohl Ruanda als auch die USA haben die Statuten des Weltstrafgerichts nicht unterzeichnet. Ruandas Regierung lehnte jede Verantwortung ab. "Ruanda hat nichts damit zu tun, ob Ntaganda überstellt wird oder nicht", sagte Außenministerin Louise Mushikiwabo.
Ein Prozess in Den Haag könnte für Ruandas Präsidenten Kagame ohnehin unangenehm werden. Kongo-Expertin Sawyer: "Ntaganda hat viele Informationen über die Rolle von Ruanda in dem Konflikt. Das wird sicherlich während des Prozesses in Den Haag herauskommen."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Demokratische Republik Kongo | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH