Interview: Ex-Assad-Vize Chaddam fordert bessere Waffen für die Rebellen

Von Volkhard Windfuhr

Bis 2005 war er Baschar al-Assads Stellvertreter, inzwischen ist Abd al-Halim Chaddam erbitterter Gegner des syrischen Diktators. Er fordert vom Westen bessere Waffen für die Rebellen in Syrien. Assad sei zum Befehlsempfänger Irans geworden, eine Verhandlungslösung des Konflikts daher undenkbar.

Aufständischer in Syrien: "Man kann uns doch nicht den Regime-Truppen ausliefern" Zur Großansicht
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Aufständischer in Syrien: "Man kann uns doch nicht den Regime-Truppen ausliefern"

Mehr als drei Jahrzehnte lang war Abd al-Halim Chaddam dem syrischen Regime treu zu Diensten. Von 1970 bis 1984 amtierte er als Außenminister, anschließend machte ihn Hafis al-Assad zu seinem Vizepräsidenten. Nach dem Tode des Diktators im Juni 2000 war Chaddam gar einen Monat lang übergangsweise Staatsoberhaupt seines Landes. Auch Baschar al-Assad berief ihn wieder als Stellvertreter. 2005 kam es zum Bruch zwischen beiden: Chaddam erklärte seinen Rücktritt von allen Ämtern und ging nach Paris. Im Exil gründete der sunnitische Muslim wenig später eine Oppositionsbewegung namens Nationale Erlösungsfront.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE äußert er sich zum Stand der Revolution in Syrien. Assad sei zum bloßen Befehlsempfänger Irans geworden, sagt Chaddam. Eine Lösung des Konflikts durch Verhandlungen hält er für ausgeschlossen. Der 80-Jährige wolle für einen Zivilstaat in Syrien kämpfen, der allen Bürgern gleiche Rechte gibt. Die Angst vor einer Machtübernahme der Islamisten hält Chaddam für unbegründet.

SPIEGEL ONLINE: Anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution in Syrien hat Präsident Baschar al-Assad hat noch immer das Sagen in Damaskus und in vielen anderen Städten und Landesteilen. Gleichzeitig mehren sich die Erfolgsmeldungen der Aufständischen. Wie viel Prozent des syrischen Territoriums kontrolliert die Opposition wirklich?

Chaddam: Hundertprozentige Kontrolle übt das Regime nirgends mehr aus, auch nicht in der Hauptstadt. Die Frage, über wie viel Prozent der Staatsfläche Assad noch herrscht, ist irrelevant: Denn tagsüber kontrollieren seine Truppen zwar noch bestimmte Gebiete in Stadt- und Landgemeinden, wobei sie sich im Wesentlichen auf Luftangriffe und den Einsatz von Hubschraubern stützen. Nachts dagegen gleitet den Sicherheitskräften das Heft aus der Hand. Wenn es dunkel wird, ist fast ganz Syrien de facto befreites Gebiet. Auch der Großraum Damaskus. Der Schein trügt, denn selbst wenn nicht geschossen wird, gärt es unter der Oberfläche. In jeder Straße, in jedem Haus.

SPIEGEL ONLINE: Dann erklären Sie uns, warum das Regime trotzdem noch weitgehend funktionsfähig ist und die Freiheitskämpfer immer wieder in Schach hält.

Chaddam: Iran macht uns in letzter Zeit besonders schwer zu schaffen. Assad ist zu einem bloßen Befehlsempfänger der Iraner geworden. Tausende gut ausgebildeter Revolutionswächter stärken den Regierungstruppen den Rücken. Die Iraner gehen inzwischen von sich aus in die Offensive. Teheran stellt aber auch hochwertige Kommunikationssysteme und moderne Waffen zur Verfügung. Und vor allem Geld und nochmals Geld - eine Waffe, die es in sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Dann kann das Morden theoretisch noch Jahre dauern. Könnte da nicht eine Verhandlungslösung das Blutvergießen beenden?

Chaddam: Selbst wenn Baschar al-Assad oder andere Regimevertreter zu Verhandlungen bereit wären, würde Iran ihnen das unter keinen Umständen erlauben. Für Teheran geht es um einen sorgfältig ausgeklügelten Plan, seinen Einflussbereich im arabischen Raum dauerhaft zu sichern. Ein Verhandlungsfrieden hat da keinen Platz, nicht einmal ansatzweise.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich denn ein militärisches Eingreifendes Westens?

Chaddam: Es ist müßig, über ein Szenario zu diskutieren, das eh nicht stattfindet. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union haben andere Prioritäten. Aber die US-Amerikaner und alle Regierungen, die uns helfen wollen, sollten uns zumindest besser mit Waffen versorgen. Man kann uns doch nicht den Regime-Truppen ausliefern. Mit guten Waffen können wir den Sturz des Tyrannen beschleunigen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Waffenhilfe aus Ägypten das Blatt wenden? Präsident Mursi hat schließlich klar Position bezogen und das Assad-Regime aufgefordert, das Blutvergießen zu beenden und auf sein Volk zu hören.

Chaddam: Dafür habe ich ihm auch schriftlich gedankt. Doch er kann mehr tun. Er soll den Suezkanal für Schiffe sperren, die Waffen und Munition in die von der Armee gehaltenen syrischen Häfen anliefern.

SPIEGEL ONLINE: Der Suezkanal ist eine internationale Wasserstraße. Da kann man nicht einfach die Durchfahrt verbieten.

Chaddam: Auf jeden Fall sollten verdächtige Schiffe durchsucht werden. Wenn Ägypten mitspielt, wäre das sicher eine große Hilfe. Auch moralisch.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten wird von den Muslimbrüdern regiert, und auch in Tunesien ist die islamistische Nahda-Bewegung stärkste politische Kraft. In Syrien führen die Muslimbrüder den bewaffneten Kampf gegen das Regime an. Vielleicht ist das der Grund, warum der Westen zögert, militärisch zu intervenieren.

Chaddam: Ägypten ist nicht Syrien. Das Land am Nil ist ein Sonderfall. Dort war die Bruderschaft entstanden und hat eine ernstzunehmende Basis. In Syrien dagegen ist der Einfluss der Muslimbruderschaft begrenzt. Ex-Präsident Hafis al-Assad hatte diese Islamistenorganisation in den achtziger Jahren rücksichtslos bekämpft. Schon auf die bloße Mitgliedschaft stand die Todesstrafe. Die Bruderschaft hat deshalb heute so gut wie keine Wurzeln in Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Die syrischen Christen und andere Minderheiten, aber auch viele seit Jahrzehnten säkular erzogene Bürger fürchten Racheakte und eine Machtübernahme der Islamisten. Berichte und Videos über Hinrichtungen in sogenannten befreiten Gebieten beunruhigen schon jetzt ausländische Menschenrechtsorganisationen.

Chaddam: Diese Angst ist unbegründet. Die Muslimbrüder haben außerdem nicht die geringste Chance, das jetzige Unrechtsregime durch eine islamistische Diktatur zu ersetzen. Das wird das syrische Volk nicht zulassen. Die Opposition kämpft für einen Zivilstaat, in dem alle Bürger gleiche Rechte haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber syrische Kurden fordern eine autonome Region in Ihrem Land, ähnlich wie sie die Kurden im Nordirak haben.

Chaddam: Kurden, Drusen, Christen, Sunniten, Alawiten sind alle gleichberechtigte Mitglieder des syrischen Volkes. Sonderregionen passen da nicht ins Bild, denn der gemeinsame Nenner aller Syrer ist das gemeinsame syrische Vaterland.

SPIEGEL ONLINE: Was soll mit den Mitgliedern der Baath-Partei passieren? Im Irak wurde nach dem Einmarsch der Amerikaner ein bis heute gültiges Gesetz zur "Ausrottung der Baath" erlassen. Sollte das neue Syrien ähnlich verfahren?

Chaddam: Mit den Prinzipien der Baath-Partei ist Schindluder getrieben worden. Der Name musste für die Rechtfertigung der Gewaltherrschaft des Assad-Clans und verbrecherischer Mitläufer herhalten. Dabei gibt es in der Baath-Partei gute Patrioten. Denen steht das neue demokratische Syrien offen. Sie dürfen sich an der vor uns liegenden gewaltigen Aufbauarbeit beteiligen, genauso wie alle anderen Bürger, die sich den Prinzipien der Revolution verschrieben haben.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr

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1.
sewei 20.10.2012
Wenn Assad nur noch die Marionette des Iran ist, dann sollte der Westen eben mal den Stock aus dem Hintern bekommen und mit dem Iran reden. Das hätte man schon bezüglich dem Irak tun können, oder auch danach bei Afghanistan. Nun könnte man es bezüglich Syriens tun und dann gleich mal auch Bahrain thematisieren. Denn dort ist der König eine Marionette des Westens, was dem Iran nicht passt. Wird zwar nicht passieren, aber wenn beide Seiten ihre Marionetten fallen lassen würden wäre den Menschen in beiden ländern viel geholfen.
2. Wo sind denn
kölschejung72 20.10.2012
die Beweise für diese völlig neuen Behauptungen. Iran hat eben nicht zugegeben, dass es Kämpfer in Syrien hat, die an irgendwelchen Kampfhandlungen teilnehmen. Bei angeblich tausenden von Kämpfern müßte es Bilder geben, so wie die Rebellen jeden Schritt, den sie machen filmen. Trotz regelmaßiger Suche aktueller Clips auf Youtube, habe ich noch nie einen einzigen mit Iranischen Soldaten gesehen - oder mit wenigstens mit der Behauptung. Wenn aber keine Iraner da sind, dann hat die Tatsachen, dass Assad noch im Amt ist, wohl mit der Unterstützung der Bevölkerung zu tun. Und wenn Iraner da sein sollten, müßten wenigstens in der nächsten Zeit eindeutige Beweise dafür auftauchen, bleiben Sie aus, nehmen sie das Hinweis, dass der Mann lügt. Die Erfolge der Rebellen bleiben aus, weil sie keinen großen Rückhalt in Syrien haben und die Bevölkerung kein islamistisches Regime durch salafistische Milzen will. Jedenfalls weniger als das Regime von Assad.
3. Irgendwie ist das nicht plausibel
radeberger78 20.10.2012
Zitat von sysopDPABis 2005 war er Baschar al-Assads Stellvertreter, inzwischen ist Abd al-Halim Chaddam erbitterter Gegner des syrischen Diktators. Er fordert vom Westen bessere Waffen für die Rebellen in Syrien. Assad sei zum Befehlsempfänger Irans geworden, eine Verhandlungslösung des Konflikts daher undenkbar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abd-al-halim-chaddam-im-interview-ueber-die-revolution-in-syrien-a-862325.html
1. Der Iran hat durch die ganzen Sanktionen nur wenig ausländische Kohle, die USA, KATAR, Saudia-Arabien, Ägyten, Türkei haben ohne Ende. In einem der Letzten Artikel stand das von Katar + Saudis alleine 14 Milliarden bereit gestellt wurden. 2. Der Iran schickt zwar Waffen und vielleicht auch Kämpfer bzw. Ausbilder, aber gegen die logistische, waffentechnische, personaltechnische Unterstützung der Freunde Syriens erscheint mir das minimal. Schließlich setzt sich die FSA aus dem ganzen arabischen Raum zusammen. Was will die FSA denn noch, von der AK47, C4 bis zur Flugabwehrrakete ist doch alles vorhanden + den Elektronik- Schnikschnak, Fernzünder, WalkyTalky, Satellitentelefon. Also ich hab sowie so den Eindruck, dass man die libysche Revolution nach Syrien exportiert hat die ganzen Autos mit den MGs oder Rakten drauf, kommt mir bekannt vor. Und wenn man weiter drüber nachdenkt, fordert man doch, endlich die lang ersehnte Luftunterstützung und nicht bessere Waffen. Das einzige was sie nicht haben ist offensichtlich die Unterstützung der Bevölkerrung, ansonsten wäre schon lange Ruhe.
4. Vielleicht nicht richtig gesucht?
schulfi 20.10.2012
Zitat von kölschejung72die Beweise für diese völlig neuen Behauptungen. Iran hat eben nicht zugegeben, dass es Kämpfer in Syrien hat, die an irgendwelchen Kampfhandlungen teilnehmen. Bei angeblich tausenden von Kämpfern müßte es Bilder geben, so wie die Rebellen jeden Schritt, den sie machen filmen. Trotz regelmaßiger Suche aktueller Clips auf Youtube, habe ich noch nie einen einzigen mit Iranischen Soldaten gesehen - oder mit wenigstens mit der Behauptung. Wenn aber keine Iraner da sind, dann hat die Tatsachen, dass Assad noch im Amt ist, wohl mit der Unterstützung der Bevölkerung zu tun. Und wenn Iraner da sein sollten, müßten wenigstens in der nächsten Zeit eindeutige Beweise dafür auftauchen, bleiben Sie aus, nehmen sie das Hinweis, dass der Mann lügt. Die Erfolge der Rebellen bleiben aus, weil sie keinen großen Rückhalt in Syrien haben und die Bevölkerung kein islamistisches Regime durch salafistische Milzen will. Jedenfalls weniger als das Regime von Assad.
Einer aus dutzenden Treffern: Unmasking Assad's regime lies of Qaeda existence by defected Republican Guard in Syria.mp4 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=VRSZt3x3J-A)
5. Das verwundert, die Umstürzler rufen nach besseren Waffen
Roßtäuscher 20.10.2012
Zitat von sysopDPABis 2005 war er Baschar al-Assads Stellvertreter, inzwischen ist Abd al-Halim Chaddam erbitterter Gegner des syrischen Diktators. Er fordert vom Westen bessere Waffen für die Rebellen in Syrien. Assad sei zum Befehlsempfänger Irans geworden, eine Verhandlungslösung des Konflikts daher undenkbar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abd-al-halim-chaddam-im-interview-ueber-die-revolution-in-syrien-a-862325.html
Frankreich, die alte Mandats Macht für die Region, neben GB für das angrenzende Palästina haben vor nicht allzu langer Zeit die Unterstützung mit Waffenlieferungen bestätigt. Haben die demnach nur alten Schrott geliefert? Angeblich wurden die Araber früher ausgebeutet, dann hätten unsere Nachbarn die verdammte Pflicht jetzt großzügiger mit modernen Waffenlieferungen zu glänzen. Aber beide Länder sind dermaßen überschuldet, dass sie selbst keine Luft für ein paar Hundert Millionen haben.
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ZUR PERSON
  • AP
    Abd al-Halim Chaddam, 80, war 35 Jahre lang ranghoher Vertreter des syrischen Regimes. 2005 brach der damalige Vizepräsident mit Diktator Baschar al-Assad. Seither macht er sich aus dem Exil heraus für einen Regimewechsel in Damaskus stark.

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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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