Barcelona-Imam Es Satty Der Schattenmann und seine Jüngerschar

Der Imam Abdelbaki Es Satty galt als Spiritus Rector der Terrorzelle von Barcelona. Wer war der Mann, der vermutlich gleich vier junge Brüderpaare zum Terror verleiten konnte?

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Zwei Zimmer, Küche, Bad: Die kleine Wohnung von Abdelbaki Es Satty im Zentrum von Ripoll ist spartanisch eingerichtet - und hat doch alles, was man zum Leben braucht. Die Gedanken von Es Satty kreisten aber offenbar um den Tod.

Die spanischen Behörden verdächtigen den Imam, die zwölf mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle von Barcelona radikalisiert zu haben. (Lesen Sie hier eine Chronologie der Anschläge.)

Am vergangenen Dienstagmorgen hat der Geistliche seine Wohnung im sechsten Stock eines Apartmentblocks verlassen. Der Mittvierziger gab vor, nach Marokko zu wollen - für einen Urlaub. Die Ermittler sind sich aber mittlerweile sicher, dass er nicht auf die andere Seite des Mittelmeeres zum Sonnenbaden gereist ist, sondern lediglich in die rund 200 Kilometer von Barcelona entfernte Stadt Alcanar.

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Terrorangriffe: Schüsse in Cambrils, Schock in Barcelona

Dort horteten die Terroristen in einem Haus 120 Butangasflaschen, mit denen sie mindestens einen Anschlag verüben wollten. Doch der Versuch, Bomben zu bauen, missglückte. Bei einer Explosion in der improvisierten Terrorwerkstatt starben mindestens zwei Menschen - einer davon war Es Satty. Das hat der Polizeichef von Katalonien am Montagmittag bestätigt. Wer war der selbst ernannte Mann Gottes?

"Erfahren und effizient"

"Es Satty stand seit über einem Jahrzehnt mit der islamistischen Terrorszene Kataloniens in Kontakt", sagt Fernando Reinare, Politikwissenschaftler am Elcano Royal Institute und Spaniens führender Terrorexperte. "Er war erfahren und effizient darin, andere zu radikalisieren, und pflegte wahrscheinlich Beziehungen zu Anhängern der Terrormiliz 'Islamischer Staat' in Westeuropa."

Die spanischen Behörden dürften ihn spätestens 2010 erstmals auf dem Radar gehabt haben. Damals trat er eine vierjährige Freiheitsstrafe in Castellón an - Medienberichten zufolge wegen Haschischschmuggels von Marokko nach Spanien.

Hinter Gittern lernte er demnach Rachid "Hase" Aglif kennen. Der sitzt gegenwärtig eine 18-jährige Freiheitsstrafe ab. Der Grund: Seine Rolle bei den Anschlägen in Madrid auf vier Pendlerzüge im Jahr 2004, die 191 Menschen das Leben kosteten. Den Spitznamen "Hase" verdankt der verurteilte Terrorist seinem markanten Oberkieferbau.

Von Ripoll nach Belgien - und zurück

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis fing Es Satty vor zwei Jahren als Imam der muslimischen Gemeinde in Ripoll an. Diese Anstellung soll er jedoch bereits Ende 2015 aus bislang unbekannten Gründen verloren haben - und weitergezogen sein, nach Belgien.

In Machelen lebte und im nahen Vilvoorde arbeitete er dann nach Angaben des dortigen Bürgermeisters von Januar bis März 2016 als Imam in einer der muslimischen Gemeinden. Die Kleinstadt Vilvoorde nördlich von Brüssel gilt als Dschihadistenhochburg.

Es Satty predigte damit unmittelbar in dem Zeitraum, in dem auch die Terroranschläge von Brüssel verübt wurden, ehe er ein zweites - und letztes - Mal als Imam nach Ripoll zurückkehrte. Zwar gibt es bislang keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Schattenmann aus Katalonien und den Islamisten, die sich am 22. März 2016 am Flughafen und in der U-Bahn von Brüssel in die Luft sprengten und dadurch 32 Menschen töteten. Trotzdem gibt es in beiden Fällen Parallelen - und nicht nur dort.

Gefährliche Brüder

Zu den Attentätern von Brüssel gehörten die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui. Es war nicht das erste Mal, dass ein Geschwisterpaar einen islamistischen Anschlag durchführte: Hinter den Bomben vom Marathon in Boston 2013 steckten Tamerlan und Dschochar Zarnajew, das Massaker in der Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" im Januar 2015 verübten Chérif und Saïd Kouachi, und im November 2015 gehörten Brahim und Salah Abdeslam zu dem Terrorkommando, das die Anschlagserie in Paris rund um die Konzerthalle Bataclan verübte.

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Anschlag in Barcelona: Spurensuche in Ripoll

In Ripoll gelang es Es Satty nun offenbar sogar die Brüderpaare Moussa und Driss Oukabir, 17 und 28, Mohammed und Omar Hichamy, 24 und 21, Houssaine und Younes Abouyaaqoub, 19 und 22, sowie die Brüder Said, Mohammed und Youssef Alla, 18, 27 und 22, zu rekrutieren.

Der Menschenfischer baute vermutlich auf die engen Bande zwischen den Geschwistern, die, einmal von der Rechtmäßigkeit ihrer Tat überzeugt, zusammenhalten würden.

Er hat die kleine katalanische Stadt nahe der französischen Pyrenäen offenbar zu seiner ganz persönlichen Terroristenhochburg auserwählt. Von dort zogen die jungen Männer, seine Jünger, aus, um zu morden.

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