Abgefangener syrischer Jet: Eiszeit zwischen Moskau und Ankara

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Der Syrien-Konflikt zieht immer größere Kreise: Türkische Kampfjets fangen ein Passagierflugzeug auf dem Weg von Moskau nach Damaskus ab - und plötzlich ist das Klima zwischen Russland und der Türkei vergiftet. Dabei galten Putin und Erdogan bislang als Verbündete.

Zwangslandung in Ankara: Waffenteile in syrischem Jet? Fotos
DPA

Der Ton der Botschaft, die Russlands Außenministerium an diesem Donnerstag nach Ankara sandte, war eisig: Moskau bestehe auf einer Erklärung der "Maßnahmen in Bezug auf russische Bürger". Ankara, sagte Außenamtssprecher Alexander Lukaschewitsch, habe "die Leben und die Sicherheit der Passagiere in Gefahr gebracht" - ganz so, als hätten die türkischen Abfangjäger den syrischen Passagierjet nicht bloß zu einer außerplanmäßigen Landung gedrängt, sondern beschossen. Präsident Wladimir Putin verschob eine für Sonntag geplante Türkei-Reise auf November.

Grund für den russischen Ärger ist der Vorfall im türkischen Luftraum am Mittwoch. Kampfjets der türkischen Luftwaffe hatten einen in Moskau gestarteten syrischen Passagierjet zur Landung auf türkischem Boden gezwungen.

Laut Berichten türkischer Medien fanden Ermittler im Frachtraum des Jets rund 300 Kilogramm militärischer Güter. Dabei soll es sich um Kommunikationstechnik und Raketenteile für das Regime in Damaskus handeln. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bestätigte am Abend, es seien "militärische Güter" entdeckt worden. Neben Iran ist Russland der wichtigste Waffenlieferant von Syriens Diktator Assad, zuletzt lieferten russische Rüstungsschmieden vor allem Luftabwehrsysteme an Syrien.

Der Vorfall verdeutlicht, welch tiefen Keil der Syrien-Konflikt zwischen die Türkei und Russland treibt. Während Russland außer China und Iran als letzter Verbündeter Assads auf internationale Bühne gilt, fordert Erdogan den Sturz des "blutrünstigen Diktators".

Bislang galt vor allem das herzliche persönliche Verhältnis zwischen Putin und Erdogan als Garant für die engen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Doch der Anspruch der Türkei, als aufstrebende Regionalmacht eigene politische Ambitionen in der Nachbarschaft zu verwirklichen, führt Ankara und Moskau zunehmend in eine Rivalität.

Noch im Sommer hatten sich Erdogan und Putin zu mehrstündigen Gesprächen getroffen. Der türkische Ministerpräsident hatte damals den Russen sogar gebeten, sein Land in die "Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit" aufzunehmen. Dem Bündnis gehören außer Russland China und vier zentralasiatische Staaten an.

Ankara setzt eigene Interessen in seiner Nachbarschaft durch

Erdogan galt bei Putin bislang als potentieller Verbündeter bei dem Ansinnen, ein Gegengewicht gegen die Vormacht des Westens zu bilden. Beide Staatsmänner stehen an der Spitze ambitionierter Großmächte an der europäischen Peripherie. Beide sehen sich mitunter harscher Kritik aus westlichen Hauptstädten ausgesetzt, weil sie einen Hang zur autoritären Amtsführung pflegen. So spottete beispielsweise im Sommer das Online-Portal "Huffington Post", russisch-türkische Zweiergipfel stürzten Beobachter leicht in Verwirrung: Einer der beiden sei Chef "einer Regierung, die mehr Journalisten eingesperrt hat als China und Iran zusammen und gegen die seit 2008 mehr als 20.000 Klagen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorliegen. Der andere ist Präsident Russlands". Moskauer Beobachter wie Fjodor Lukjanow, Herausgeber der Zeitschrift "Russia in Global Affairs", konstatieren gar einen "Boom" in den Beziehungen unter Erdogan und Putin.

Erdogan hat die Türkei - ähnlich, wie Russlands starker Mann es mit dem Riesenreich tat - zu einem eigenständigen Akteur auf dem internationalen Parkett geformt. Ankara, selbstbewusst auch dank 8,5 Prozent Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr, setzt zunehmend eigene Interessen in seiner Nachbarschaft durch. Das aber birgt Potential für Konflikte mit Russland.

Längst sind es nämlich türkische Baukonzerne, die im russisch beherrschten Nordkaukasus Moscheen und Hochhäuser errichten. Und auch über die Passstraßen der ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien, Armenien und Aserbaidschan schlängeln sich lange Lkw-Karawanen mit türkischen Waren. Turkmenistan in Zentralasien hat innerhalb von nur zwei Jahren den Importwert türkischer Waren von 630 Millionen auf 2,5 Milliarden Dollar vervierfacht, der Erlös russischer Unternehmen dagegen stagniert bei rund 800 Millionen Dollar.

Syrien-Konflikt: Russland und Irak einig

Unmut in Ankara ruft derweil Russlands Suche nach neuen Verbündeten im Nahen Osten hervor. Vor wenigen Tagen etwa wurde bekannt, dass Moskau Waffen im Wert von 4,3 Milliarden Dollar an den Irak verkaufen will. Nach Angaben der irakischen Zeitung "Al-Zaman" sollen darunter Radarsysteme und Luft-Abwehr-Raketen sein, die in der nordirakischen Kurdistan-Region installiert werden sollen, um Übergriffe des türkischen Militärs in Zukunft zu verhindern. Ankara aber fliegt regelmäßig Attacken auf Basen der kurdischen Miliz PKK im Nordirak.

Bei einem Besuch des irakischen Premierministers Nuri al-Maliki in dieser Woche in Moskau verkündete dieser nach Gesprächen mit Putin, Russland und Irak seien sich in ihrer Haltung zu Syrien einig. Maliki behauptete, die Türkei übertreibe ihre Streitigkeiten mit Syrien, und warnte Ankara davor, die Nato um Schutz vor Damaskus zu bitten. In Richtung Europas und der USA erklärte Maliki, dass sowohl Russland als auch Irak eine ausländische Intervention in Syrien ablehnten.

Russische Sicherheitsbehörden wiederum ärgert, dass die Türkei radikale Islamisten zum Kampf nach Syrien einreisen lässt, darunter auch viele Kämpfer aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Moskau befürchtet, die Dschihadisten wollten in Syrien Erfahrung im bewaffneten Kampf sammeln, um nach ihrer Rückkehr in Tschetschenien die Rebellion gegen Moskau anzufachen.

Russlands Außenministerium fordert von der Türkei Zusicherungen, dass sich ein Zwischenfall ähnlich der erzwungenen Jet-Landung nicht wiederholt. Als Garantie aber, dass die beiden Länder bei nächster Gelegenheit nicht wieder aneinandergeraten, taugt das nicht.

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1.
Hans58 11.10.2012
Liebe SpON-Redaktion, dieses ist nunmehr die x-te Diskussionsrunde zum immer gleichen Themenkomplex. Wenn man wie ich, an der Teilnahme einer Diskussion über ein bestimmtes Thema interessiert ist und sich beteiligen will, wird man mehr oder weniger gezwungen, sich zu verzetteln. Ich bin mir sicher, es kommen keine neuen Aspekte in dieser Runde auf. Es wird weiter behauptet: - es war eine russische Maschine, - es war völkerrechtlich verboten, - die Syrer schießen mit NATO-Waffen, - usw. usf.
2. Gleiches Recht für alle
moskau6 11.10.2012
Und wer beliefert die "Rebellen in Syrien?
3. Wirklich
miles2hh 11.10.2012
schlimme Aussichten!
4. gute Idee
brokerbundfuture1 11.10.2012
so fangen Kriege an und das auch noch so direkt in unserer Nachbarschaft. Bitte die erste Bombe als Irrläufer in Brüssel, wenn es uns schon erwischen soll. Danke !
5. Der..
liptovskykarl 11.10.2012
Irak und Russland haben bei den Besuch Malikis einen Vertrag ueber die Lieferung von Hubschraubern, Luftabwehrraketen S-400 und Radargeraeten in Hoehe von 4,2 Mrd. USD abgeschlossen!! Die USA haben sich schon bei den Irak beschwert, weil dieser nicht US-Waffen gekauft hat! Aber Mliki hat mitteilen lassen, das der Irak ganz alleine entscheidet, wo und was er fuer Waffen kauft! Und natuerlich sind die Tuerken darueber erbost! Wenn der Irak naemlich die S-400 an der irakisch-tuerkischen Grenze aufstellt, dann kann sich die Tuerkei die Luftangriffe auf den Nordirak mit den Kurdengebieten, abschminken!!!
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