Waffen für Syrien Gefährliche Fracht aus Moskau

Die Weltgemeinschaft behauptet, den Krieg in Syrien stoppen zu wollen, doch die Waffenlieferungen an beide Konfliktparteien laufen weiter. Russland und Iran unterstützen Assad, die USA billigen die Ausfuhr von Kriegsgerät über ihre Verbündeten.

Von , Beirut


Für die 35 Passagiere und Crew-Mitglieder war es wohl eine beängstigende Überraschung. Kaum hatte ihr Linienflug von Moskau nach Damaskus den türkischen Luftraum erreicht, als der Airbus von zwei türkischen Kampfflugzeugen flankiert wurde. Sie zwangen die Maschine am Mittwoch um 17.15 Uhr Ortszeit zur Landung in Ankara. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu erklärte später: "Wir haben Informationen erhalten, dass die Ladung des Flugzeuges nicht konform war mit den Regeln des zivilen Luftverkehrs." Mit anderen Worten: An Bord soll eine russische Lieferung an das Militär von Baschar al-Assad gewesen sein.

Es klingt wie eine Neuauflage des Kalten Krieges. Auf der einen Seite steht das Nato-Mitglied Türkei, auf der anderen der russische Verbündete Syrien. Es kann als sicher gelten, dass Ankara das Flugzeug in enger Absprache mit den westlichen Verbündeten zur Landung zwang. Wahrscheinlich beruhten die Hinweise auf die "nicht-zivile" Ladung an Bord auf Hinweise amerikanischer Geheimdienste.

Washington hat in den vergangenen Monaten immer wieder Druck gemacht, um Waffenlieferungen an das syrische Regime zu unterbinden. Im Juni machte US-Außenministerin Hillary Clinton eine russische Lieferung von Kampfhubschraubern publik, die per Schiff nach Damaskus unterwegs war.

Moskau erklärte, man liefere keine neuen Waffen, man erfülle nur alte, vor den Aufständen abgeschlossene Verträge. Am Ende sorgte der amerikanische Druck dafür, dass der britische Versicherer dem Schiff die Versicherung entzog, weil die Ladung das EU-Embargo auf Waffenlieferungen an Syrien verletzt hätte. Die Kampfhubschrauber mussten zurück nach Russland. Sollten sich nun tatsächlich russische Waffen an Bord des syrischen Flugzeuges finden, wäre es für Moskau eine Blamage.

Noch ist offen, was die türkischen Spezialeinheiten am Mittwochabend im Bauch des Syrian Air Flugzeuges gefunden haben. Der türkische Fernsehsender NTV sprach von "Raketenteilen", der Sender CNNTurk von "Kommunikationsgeräten", die für das syrische Militär bestimmt seien. Damaskus war bis Donnerstagmorgen auffallend still.

Das syrische Regime schickte lediglich den Chef der Flugbehörde vor, um zu erklären, man halte die erzwungene Landung für illegal. Die regimenahen Medien konzentrierten sich darauf zu berichten, dass alle Passagiere in Sicherheit seien, nachdem der Flieger am Mittwochabend die Reise nach Damaskus fortsetzen konnte. Die russische Nachrichtenagentur Interfax zitierte am Donnerstagmorgen eine nicht näher genannte Quelle, wonach sich weder Waffen noch militärisches Material in der in Moskau gestarteten Maschine befand.

US-Geheimdienst: 117 iranische Zivilflugzeuge mit Waffen nach Syrien

Die Türkei bemühte sich noch am Mittwochabend um Deeskalation. Nach Grenzgefechten sind die türkisch-syrischen Beziehungen so angespannt wie nie während der zwölfjährigen Herrschaft von Baschar al-Assad.

Um keine syrische Reaktion zu provozieren, die in gegenseitigen Repressalien eskalieren könnte, wies Ankara türkische Flugzeuge an, den syrischen Luftraum zu umgehen. Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters beobachtete, wie ein türkisches Flugzeug kurz vor der syrischen Grenze kehrtmachte und zurückflog. Der türkische Außenminister Davutoglu beschwichtigte gleichzeitig, man glaube nicht, dass der Vorfall einen Einfluss auf die türkisch-russischen Beziehungen haben werde.

Schon seit Monaten macht Washington auch Druck auf Syriens Nachbar Irak, um mögliche Waffenlieferungen an Assad zu unterbinden. Die USA hatten Bagdad im September eine Liste von 117 iranischen Zivilflugzeugen vorgelegt, die dazu benutzt würden, nahezu täglich Waffen und Militärkräfte von Teheran nach Damaskus zu fliegen. Auch würden iranische Lastwagen mit Waffen über den Irak nach Damaskus fahren. Iran ist einer der engsten Verbündeten Syriens und ebenfalls Verbündeter Russlands.

USA unterstützen Waffenlieferungen an syrische Aufständische

Mit Bagdad klappt die amerikanische Zusammenarbeit allerdings deutlich schlechter als mit Ankara. Der Irak, wo bis Ende 2011 noch amerikanische Truppen stationiert waren, stellt sich im syrischen Bürgerkrieg eher auf die Seite Assads und Russlands.

Erst vor wenigen Tagen unterzeichnete Bagdad einen 4,2-Milliarden-Dollar-Vertrag über Waffenlieferungen mit Moskau. Vergangene Woche hatte Bagdad dem US-Druck nachgegeben und ein Flugzeug der Iran Air zur Zwischenlandung aufgefordert. Man habe aber nichts Unerlaubtes an Bord gefunden, hieß es später von offizieller Seite.

In Syrien zirkulieren immer wieder Vorwürfe, dass Assad die zivile Syrian Air Fluggesellschaft dazu nutzt, um Waffen per Luft aus Damaskus ins umkämpfte Aleppo zu liefern, da der Landweg als unsicher gilt. Überprüfen lässt sich das nicht.

Das syrische Militär setzt im Kampf gegen die Aufständischen massiv auf die Luftwaffe. Dabei werden gezielt auch Zivilisten bombardiert, haben die Uno und Menschenrechtsorganisationen in ihren Berichten immer wieder festgestellt. Die Rebellen sind gegenüber dem Assad-Regime im Bezug auf ihre Ausrüstung im Nachteil. Sie haben wenige und vor allem leichte Waffen.

Die USA unterstützen über ihre Verbündeten Saudi-Arabien, Katar und die Türkei Waffenlieferungen an die Aufständischen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Kalaschnikows und Munition. Nach einem Bericht der "New York Times" scheut Washington davor zurück, den Rebellen Luftabwehrraketen zu liefern - aus Sorge, sie könnten in falsche Hände geraten.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
irgendwer_bln 11.10.2012
1. alles klar?
Zitat von sysopAFPFür die türkische Regierung ist der Fall klar: Bei dem in Ankara sichergestellten Material an Bord eines syrischen Jets handele es sich um russisches Waffenmaterial für Baschar al-Assad. Die russische Seite dementiert. Sicher ist: Der Fall strapaziert das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden Länder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abgefangenes-flugzeug-streit-zwischen-syrien-und-der-tuerkei-a-860646.html
Damit dürfte wohl klar sein, wieso Moskau an einer Deeskalation in Syrien kein Interesse hat. Von wegen laufende Verträge... Wer schlachtet schon die Kuh, die man noch laaange melken kann?!?
famulus 11.10.2012
2. Schamlos und übertrieben
Zitat von sysopAFPFür die türkische Regierung ist der Fall klar: Bei dem in Ankara sichergestellten Material an Bord eines syrischen Jets handele es sich um russisches Waffenmaterial für Baschar al-Assad. Die russische Seite dementiert. Sicher ist: Der Fall strapaziert das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden Länder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abgefangenes-flugzeug-streit-zwischen-syrien-und-der-tuerkei-a-860646.html
schamlos und übertrieben kann man zu solch einer Maßnahme und solch einem Artikel nur sagen. Ich hoffe, dass Russland dem Türkenpascha ein Licht anmacht. Die Türkei beliefert und lässt zu, dass die sog. Freiheitskämpfer in Syrien mit Waffen und anderem Nachschub beliefert werden. Russland will man verbieten, die legale Regierung Syriens zu beliefern. Man zwingt ein russisches Flugzeug, dem vorher die Überflugrechte gewährt wurden, zur Landung. Das ist Luftpiraterie, die sich Russland hoffentlich nicht gefallen lässt. Und Russland hat wohl Möglichkeiten, den Großmachtosmanen zur Räson zu bringen.
nethopper01 11.10.2012
3. Einkreisung Russlands und Chinas
Die Aggressionen der USA und ihrer Verbündeter gegenüber Syrien und dem Iran sind nur Vorboten eines Konfliktes gegen Russland und China. Auch bei der Unterstützung des arabischen Frühlings durch den Westen ging es ledig darum, Chinas Einfluss in Nordafrika zurückzudrängen. China und Russland sind jetzt gut beraten, wenn sie die Zeichen der Zeit erkennen und weiter massiv aufrüsten. Der Westen ist finanziell angeschlagen, die Chancen stehen gut, den Rüstungsrückstand schnell aufzuholen. Zudem müssen China und Russland ihre Verbündeten beherzter schützen. Wenn Flugzeuge Frachter mit Waffen nach Syrien vom Westen völkerrechtswidrig gestoppt werden - das US und EU Waffenembargo braucht andere Länder ja gar nicht kümmern - dann bedürfen diese Transporte eines militärischen Schutzes. Zudem sollte China und Russland im Einvernehmen mit Syrien eine militärische Pufferzone an der Grenze zur Türkei besetzen, damit dort die Aggression der Nato aufhört.
Prawda 11.10.2012
4. Transit Rechte
Na wollen wir mal hoffen das im Gegenzug Russland der NATO nicht die Transitrechte von und nach Afghanistan entzieht. Dann werden die Truppenabzugskosten explodieren das uns die Griechenland Rettung wie Peanuts erscheinen wird. China Russland Syrien und der Iran sollten schleunigst. einen gegenseitigen Beistandspakt abschließen dann währe Schluss mit Säbelrasseln seitens der Türkei, Israel und der USA. Dann muss eben mal das Nukleare Abschreckungspotential der Supermächte Friedensichert wirken wie zZ. des Kalten Krieges.
famulus 11.10.2012
5. Genauso
Zitat von nethopper01Die Aggressionen der USA und ihrer Verbündeter gegenüber Syrien und dem Iran sind nur Vorboten eines Konfliktes gegen Russland und China. Auch bei der Unterstützung des arabischen Frühlings durch den Westen ging es ledig darum, Chinas Einfluss in Nordafrika zurückzudrängen. China und Russland sind jetzt gut beraten, wenn sie die Zeichen der Zeit erkennen und weiter massiv aufrüsten. Der Westen ist finanziell angeschlagen, die Chancen stehen gut, den Rüstungsrückstand schnell aufzuholen. Zudem müssen China und Russland ihre Verbündeten beherzter schützen. Wenn Flugzeuge Frachter mit Waffen nach Syrien vom Westen völkerrechtswidrig gestoppt werden - das US und EU Waffenembargo braucht andere Länder ja gar nicht kümmern - dann bedürfen diese Transporte eines militärischen Schutzes. Zudem sollte China und Russland im Einvernehmen mit Syrien eine militärische Pufferzone an der Grenze zur Türkei besetzen, damit dort die Aggression der Nato aufhört.
Genauso sehe ich das auch. Ich hoffe heute noch auf eine entsprechende Reaktion seitens Russlands. Dann werden vielleicht endlich Leute in der NATO verstehen, dass sie sich mit ihrer Unterstützung des Osmanenpaschas die Pfoten verbrennen werden. Wir können aus ureigenstem Selbsterhalt überhaupt kein Interesse an einer Unterstützung der von der Kette gelassenen Türkei haben. Rasmussen, nicht Unterstützung sondern Zurückpfeifen ist das Gebot der Stunde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.