Skandal in Berlusconi-Partei Geld bis zum Abwinken

Ein neues Auto, die Zweitwohnung, eine Champagner-Sause? Für Abgeordnete der Berlusconi-Partei kein Problem - sie bedienten sich aus der Fraktionskasse und verprassten Millionen. Höhepunkt der wundersamen Geldverteilung: Bei einer "altrömischen" Orgie traten die Akteure im Schweinekostüm auf.


Das Konto 72093 bei der Unicredit ist eine moderne italienische Variante des alten deutschen Märchentraums vom Goldesel: Es gibt Geld bis zum Abwinken.

Das Konto gehört der Fraktion der Berlusconi-Partei PdL ("Popolo della Libertà", übersetzt: "Volk der Freiheit"), genauer: der PdL-Gruppe im Regionalparlament von Lazio. Das ist die Region rund um Rom. Und Regionen haben in Italien, entfernt vergleichbar mit den deutschen Bundesländern, eigene Parlamente, Regierungen und eigenes Geld.

Auf das Konto der Berlusconi-Gefolgsleute überwies das Parlament regelmäßig Geld, wie an alle Fraktionen, damit die ihre politische Arbeit ordentlich machen und insbesondere "die Beziehung zwischen Wähler und Gewähltem" fördern können. Natürlich stammt das Geld vom Steuerzahler, von wem sonst.

Eine Million Euro pro Jahr waren dafür im Etat vorgesehen, als das Freiheitsvolk im Frühjahr 2010 die Regionalwahlen in Lazio und damit die Mehrheit im Regionalparlament gewann. Viel zu wenig Geld für solche wichtigen Zwecke, befanden die Volksgenossen und ließen das Konto kräftig auffüllen. Erst auf fünf Millionen, dann auf acht und nach zweieinhalb Jahren waren schließlich etwa 30 Millionen Euro darüber geflossen.

Das erwies sich, zumindest für etliche ihrer parlamentarischen Anführer, als eine tatsächlich märchenhafte Sache. Man konnte nämlich fortan alles, was man brauchte, über dieses Konto bezahlen. Mietwagen, Reisen, Zweitwohnungen, Champagner-Feste, Weihnachtsgeschenke, man konnte Freunden und Freundinnen Geld zukommen lassen - und man tat es, frei von jeglicher Scham. Denn, verteidigt sich einer der Akteure jetzt, nachdem die Justiz ermittelt, "alle haben es ja so gemacht".

Bargeld gegen fingierte Quittungen

Sogar Bargeld war über das üppig gefüllte Konto leicht zu beschaffen. Man reichte Tankquittungen für "Dienstfahrten" ein und kassierte. Manche der armen Volksvertreter müssen täglich stundenlang am Steuer gesessen haben, denn sie verfuhren Tausende Liter Sprit. Andere verdienten Bares beim Essen im Stammlokal.

Regelmäßig kehrte beispielsweise einer der Freiheitlichen in einem berühmten Landgasthof bei Viterbo ein, um dort die Beziehungen zwischen Wähler und Gewähltem zu vertiefen. Mal waren es 80, mal sogar 120 Gäste, und die Rechnungen beliefen sich entsprechend auf einige tausend Euro jeweils. Dass das Restaurant nur 40 Plätze hat, fiel keinem auf.

Wie sollte es auch. Der Mann, der das Konto verwaltete und die Rechnungen abzeichnete, hatte offenbar selbst genug damit zu tun, die verfügbaren Mittel politisch segensreich unter die Menschen zu bringen. Franco Fiorito, der Chef der PdL-Gruppe, hatte nämlich eigentlich schon ein recht üppiges Gehalt zu verbraten. Grundgehalt, Aufwandsentschädigungen, Tagesgelder summieren sich auf 31.000 Euro im Monat, rechnete er der interessierten Staatsanwaltschaft vor. "Netto?", fragten die Ermittler. Klar, "netto" antwortete der gemütlich-dicke PdL-Politiker mit Dreitagebart - so, als ob das Steuerzahlen grundsätzlich nur etwas für die anderen, die Wähler, aber doch nicht für die Gewählten sei. Ach so, ja, und dann habe er noch 21.000 Euro für das Organisieren der Parlamentsgruppe bekommen.

Und vom Wunderkonto hob er außerdem nach besten Kräften weitere Tausender ab, ob für teure Autos etwa oder für seine Drittwohnung. Unter Bezug auf eine 102-seitige Aufstellung der Ermittlungsbehörden zum Konto 72093 listete die Zeitung "La Repubblica" außerdem Ausgaben für die politisch-parlamentarische "Mitarbeit" von Fioritos Ex-Verlobter auf: 4000 Euro an eine Enothek, 3800 an einen Apple-Store, 800 für ein Abendessen, 11.000 für Möbel... und immer so weiter.

Das war selbst Berlusconi zu viel

Es war so viel Geld in Fioritos Kasse, dass der Kreis der Begünstigten recht weit gezogen werden konnte. Ein paar Tausender fielen so für eine Rugby-Mannschaft ab. Auch eine Gruppe junger Parteifreunde wurde in ihrer politischen Arbeit unterstützt. Und erst jetzt, wo alles aufgeflogen ist, melden sich die Kritiker und behaupten, Fiorito habe schlicht Geld "an seine Freunde" verteilt. Das schmerzt den Wohltäter, der seinen schönen Posten flugs abgeben musste, denn es sei schließlich "alles regulär, alles nach Gesetz" gelaufen. Und, wer weiß, die juristische Aufarbeitung hat ja gerade erst begonnen, vielleicht bleibt am Ende sogar alles straffrei, legal, in Ordnung, weil mit der Überweisung der Millionen auf das PdL-Konto aus den Steuergeldern private Mittel wurden.

Dann wäre ja auch an einem privaten Fest nichts zu beanstanden, das aus der Polit-Kasse finanziert worden sein soll, wie italienische Medien berichten. Allenfalls die Geschmacklosigkeit der Akteure. Eine altrömische Orgie sollte es sein, Frauen kamen kurz berockt als römische Mägde, Männer trugen Schweineköpfe, der Champagner floss in Strömen und es war - ausweislich der in den Medien veröffentlichten Bilder - ein fröhliches Gegrabsche und Geknutsche - politische Arbeit eben.

Das alles scheint nun selbst dem wegen seiner Bunga-Bunga-Feste berüchtigten Ober-PdLer zu viel. Silvio Berlusconi mahnte an, in der römischen Provinzabteilung ordentlich aufzuräumen. Denn, so seine Sorge, bei den Italienern könne ansonsten womöglich der Eindruck entstehen, sein "Volk der Freiheit" sei "eine Partei der Diebe".

Italiens Parlamentarier - Schlemmen zum Sozialtarif

Die Sorge kommt wohl etwas spät. Die meisten Italiener sehen mit diesem neuen Skandal endgültig bestätigt, dass sie von ihren Politikern nichts, aber auch gar nichts mehr zu halten haben - ohne dabei noch groß nach Parteien zu unterscheiden. "Alle sind Diebe, alle sind korrupt", heißt es in den Bars wie in den Wohnzimmern über "die Kaste".

Das mag ungerecht sein. Denn natürlich wird es auch ehrliche Politiker geben, die sich keine Segelboote oder Wohnungen von Geschäftemachern schenken lassen. Aber es gibt zu viele von den anderen und die bestimmen das Bild. Fast jede Woche wird irgendwo im Lande ein großer oder ein kleiner Korruptionsskandal enthüllt. Und immer sind alle Beteiligten unschuldig, ehrbare Bürger, tüchtige Politiker. Was sie fast alle gemein haben: Es fehlt jegliches Unrechtsbewusstsein. Korruption gilt längst als normal. Und manches fällt gar keinem mehr auf.

Die Abgeordneten im römischen Parlament zum Beispiel - "onorevoli" lassen sie sich anreden, übersetzt: "Ehrenwerte" - finden offenbar nichts dabei, trotz ihrer Spitzensaläre im piekfeinen Parlamentsrestaurant zum Sozialtarif zu essen: 3,5 Millionen Euro schießt der Steuerzahler jährlich für ihr Hummer-Risotto oder das gebackene Lamm-Carré zu.

Okay, das soll sich nun ändern - aber erst 2014.

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
lomert 25.09.2012
1. Dekadenz !
Zitat von sysopAgenzia TOGA / Splash NewsEin neues Auto, die Zweitwohnung, eine Champagner-Sause? Für Abgeordnete der Berlusconi-Partei kein Problem - sie bedienten sich aus der Fraktionskasse und verprassten Millionen. Höhepunkt der wundersamen Geldverteilung: Bei einer "altrömischen" Orgie traten die Akteure im Schweinekostüm auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abgeordnete-der-berlusconi-partei-bedienten-sich-aus-fraktionskasse-a-857641.html
Hier kann Herr Westerwelle mal echte Dekadenz beklagen.
SirLurchi 25.09.2012
2. Uniform
Zitat von sysopAgenzia TOGA / Splash NewsEin neues Auto, die Zweitwohnung, eine Champagner-Sause? Für Abgeordnete der Berlusconi-Partei kein Problem - sie bedienten sich aus der Fraktionskasse und verprassten Millionen. Höhepunkt der wundersamen Geldverteilung: Bei einer "altrömischen" Orgie traten die Akteure im Schweinekostüm auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abgeordnete-der-berlusconi-partei-bedienten-sich-aus-fraktionskasse-a-857641.html
Sollte Italien jemals unter den berüchtigten Pseudo-Rettungsschirm flüchten, erwarte ich, dass alle ital. Politiker im Schweinekostüm auftreten ... ;-)
angnaria 25.09.2012
3. das steht Ihnen auch zu,
schließlich wirtschaften sie ja auch hervorragend.
toskana2 25.09.2012
4. Dolce-Vita-Künstler
Zitat von sysopAgenzia TOGA / Splash NewsEin neues Auto, die Zweitwohnung, eine Champagner-Sause? Für Abgeordnete der Berlusconi-Partei kein Problem - sie bedienten sich aus der Fraktionskasse und verprassten Millionen. Höhepunkt der wundersamen Geldverteilung: Bei einer "altrömischen" Orgie traten die Akteure im Schweinekostüm auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/abgeordnete-der-berlusconi-partei-bedienten-sich-aus-fraktionskasse-a-857641.html
Die Italiener, die auf ihren ehemaligen Polit-Chaoten schimpfen, würden gern mit ihm tauschen - wenn sie denn könnten. Für derartige Späße können Nordmenschen wenig Verständnis aufbringen. Dafür gibt es klimatische, Gemüts- und Mentalitätserklärungen. Es ist eben die Andersartigkeit der Dolce-Vita-Künstler, die uns ins Staunen versetzt - ein bisschen Neid dürfte aber auch dabei sein!
jehudi 25.09.2012
5. optional
Gut dass wir diesen Leuten Ihren Wohlstand mit der zukünftigen Inflation unserer Altersvorsorgen und Sparguthaben finanzieren... Ich hasse die EU !
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