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Abhörskandal: "Wall Street Journal" stellt Verlagsmogul als Opfer dar

Von , New York

Lange hat es gezögert, jetzt hat Rupert Murdochs Hausblatt "Wall Street Journal" im Hacker-Skandal Position bezogen. In einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel verteidigt es die britischen Kollegen - und schiebt die Schuld anderen zu. Dahinter steckt die Sorge um Murdochs US-Geschäfte.

"WSJ": Fakten auf der einen Seite, Stimmungsmache für Murdoch auf der anderen Zur Großansicht
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"WSJ": Fakten auf der einen Seite, Stimmungsmache für Murdoch auf der anderen

Als Rupert Murdoch vor vier Jahren Dow Jones kaufte, den Hausverlag des "Wall Street Journal" ("WSJ"), ertrotzte sich der bisherige Besitzer-Clan Bancroft eine Konzession: Die Meinungsredaktion - die "editorial page", wie das hier heißt - müsse hermetisch gegen jede Einflussnahme des neuen Bosses abgeschirmt sein und auch unabhängig bleiben von den Belangen des Medienkonglomerats News Corp.

Dazu handelten die Vertragspartner eine Sonderklausel aus, die die Befugnisse des langjährigen "WSJ"-Meinungschefs Paul Gigot umreißt. Gigot hat demnach alleinige Autorität über die Auswahl seiner Redakteure - und "das letzte Wort" bei allen Kommentaren. Kritiker der "WSJ"-Übernahme durch den kontroversen Mogul atmeten auf: Dies sei ein lobenswerter "Firewall", freute sich der Medienkolumnist David Carr von der "New York Times" ("NYT").

Das Lob kam zu früh. Denn wie unabhängig - besser: wie abhängig - das politische Herz des "WSJ" tatsächlich von Murdoch ist, zeigt sich derzeit im Abhörskandal.

Am Montag mischte sich das "WSJ", das sich unter seinem 2008 von Murdoch bestellten Chefredakteur und Vertrauten Robert Thomson in der Affäre bisher auffallend zurückgehalten hatte, mit einem publizistischen Paukenschlag in die Diskussion ein - und erreicht damit wohl genau das Gegenteil des Erwünschten: Es zieht sich selbst mitten in den Krisenstrudel hinein.

Mit einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel - ungezeichnet, aber ohne Zweifel mit Segen des Meinungschefs Gigot - nimmt das "WSJ" darin nicht nur die britischen Cousins bei Murdochs Tochterkonzern News International in Schutz, sondern setzt auch noch zu einem Rundumschlag gegen die Kritiker an. Motto: Schuld sind die anderen.

New-Corp.-Aktienkurs bricht ein

In welche Richtung der Leitartikel geht, lässt schon der zweite Satz ahnen: Der verniedlicht Murdochs wankendes London-Imperium als eine "britische Ecke von News Corp.". Will heißen: Die US-Interessen Murdochs - also der in New York beheimatete 42-Milliarden-Dollar-Mutterkonzern, mit "Tausenden anderen Journalisten" - hätten damit gar nichts zu tun.

Diese Verzerrung könnte ein Blick auf den US-Aktienkurs der News Corp. Chart zeigen an der New Yorker Nasdaq erklären: Trotz des Skandals bisher relativ stabil, brach er am Montag, nach neuen Rücktritten und Verhaftungen jenseits des Atlantiks, um 4,5 Prozent ein.

Darin spiegelt sich die wachsende Irritation auch in den USA, wo Murdochs Kritiker die Affäre als Symbol für seine gesamte Konzernkultur sehen. Schließlich musste mit Dow-Jones-Verleger Les Hinton - der zuvor Chef von News International gewesen war - jetzt der erste Wahl-Amerikaner seinen Job aufgeben.

Das "WSJ" stellt den Skandal buchstäblich auf den Kopf - mit schneidend scharf formulierten Sätzen, die die US-Medienszene in helle Aufregung versetzt haben.

Murdochs Medien, so heißt es da forsch, seien nicht Täter, sondern Opfer: Opfer einer Kabale von Konkurrenten und Politikern, ja, sogar Opfer einer Attacke auf "die Pressefreiheit im Allgemeinen". Diese verquere Linie verfolgt seit Tagen auch schon Fox News, Murdochs konservativer US-Kabelkanal - eine Chuzpe, die an Richard Nixon erinnert, der die Watergate-Affäre seinerzeit auch lange als Verschwörung abtat.

Die bösen Buben, doziert das "WSJ" weiter, seien nicht in den ethischen Untiefen der eingestellten Murdoch-Postille "News of the World" zu suchen. Statt dessen sei Scotland Yard verantwortlich: Dessen Schluderei bei den Ermittlungen sei "beunruhigender als das Hacken selbst" - wobei das "WSJ" tunlichst verschweigt, dass diese "Schluderei" ja eben von Murdoch-Vasallen erkauft worden sein soll.

Vorauseilender Gehorsam oder Murdochs Diktat?

"Die britischen Tabloids sind seit Jahrzehnten dafür bekannt, Exklusivmeldungen zu kaufen", schreibt das "WSJ". "Die gesamte Fleet Street hat seit Langem eine wohlverdiente Reputation für Geschichten ohne oder mit nur einer Quelle, die wahr oder nicht wahr sind." Klartext: Das machen da alle ja immer schon.

Besonders hart drischt das "WSJ" auf den "Guardian" ein, Murdochs britischen Erzkritiker, der den Skandal mit neuen Enthüllungen täglich weiter anfacht: "Die Schadenfreude ist so dick, dass man sie selbst mit einer Kettensäge nicht schneiden kann."

Dahinter steckt ein ganz spezifischer Neid, dessen Ursprung das Murdoch-Blatt kaum verhehlt: "Standpauken über journalistische Ansprüche", schreibt es, "sind besonders anrüchig, wenn sie von Publikationen kommen, die Julian Assange und WikiLeaks ihr moralisches Imprimatur geben." Das hätte sicher anders geklungen, wenn Murdochs Zeitungen bei den WikiLeaks-Enthüllungen nicht ausgesperrt geblieben wären - zugunsten des "Guardian" und der "New York Times".

Die ersten Reaktionen auf den "WSJ"-Vorstoß in eigener Sache sind durchgehend empört. Viele US-Medienexperten fragen sich, ob der Leitartikel tatsächlich die "unabhängige" Meinung des "WSJ" sei, ob Murdoch ihn "selbst diktiert" oder Gigot ihn in vorauseilendem Gehorsam verfasst habe. "Welche dieser drei Optionen", fragt Reuters-Kolumnist Felix Salmon in seinem Blog rhetorisch, "wäre die schlimmste?"

"Verblendet, unehrlich, selbstmitleidig", schimpft Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University, über den Leitartikel. "Ödipal, kriecherisch oder feige?", sinniert Pulitzerpreisträger Jesse Eisinger, vormals "WSJ"-Reporter. "Traurig", sekundiert die frühere "WSJ"-Korrespondentin Sarah Ellison, während der Medienkritiker Jeff Jarvis alle "WSJ"-Journalisten, die noch einen Funken Selbstachtung haben, auffordert, gegen Murdoch auf die Barrikaden zu gehen.

Ähnliche Aufschrei konnte aber schon den Verkauf von Dow Jones an Murdoch nicht verhindern. Und es bleibt offen, wie stark Murdochs US-Geschäft noch in den Skandal hineingerissen wird. Das FBI ermittelt, ob auch 9/11-Hinterbliebene abgehört wurden, das Justizministerium prüft einen möglichen Verstoß gegen US-Korruptionsgesetze, Kongressabgeordnete haben Murdoch kritisiert.

Der gute Ruf des angesehenen Publizisten schwindet

Einen unternehmerischen Kollaps in London könnte Murdoch vielleicht noch verwinden, einen in den USA - wo er den Großteil seines Umsatzes erzielt - weniger. 1985 ließ er sich hier einbürgern, um TV-Sender aufkaufen zu können, namentlich Fox und Fox News, beide inzwischen fette Goldesel. Die Konzernzentrale von News Corp. zog 2004 aus Sydney nach New York um.

Sollte der Skandal amerikanische Top-Manager oder Journalisten erfassen, sagte Tuna Amobi, Medienanalystin bei Standard & Poor's, dem Fachblatt "Advertising Age, hätte das "weit ernstere Folgen" als in Großbritannien: "Allein der Verdacht, dass es in den USA schuldhaftes Handeln gäbe, würde bedeuten, dass nichts mehr ausgeschlossen wäre."

Die Ironie ist, dass derlei kritische Anmerkungen dieser Tage durchaus auch im "WSJ"-Nachrichtenteil zu lesen sind. Das News-Ressort, redaktionell strikt getrennt vom Meinungsressort, berichtet mit spitzen Fingern, aber detailliert über den Skandal - und die Folgen für News Corp., das es als "Murdochs Medienimperium" bezeichnet.

Vehemente Kritiker wie der Medienkolumnist und Autor Michael Wolff - der sich mit Murdoch überwarf, als er dessen Biografie schrieb - sehen bereits das Ende des Moguls nahen: "Der unbeugsame Patriarch", prophezeit er triumphierend, "wird schon bald gezwungen sein, sich mit Alterssschwäche zu entschuldigen."

Selbst wenn das Verlagswesen nur einen Bruchteil des News-Corp.-Umsatzes bestreitet (26,5 Prozent): Murdochs Lebensstolz, so hat er selbst oft gesagt, beruht auf seinen Zeitungen, vor allem dem "WSJ". Das gibt ihm den Ruf des angesehenen Publizisten - ein Ruf, der nun auch in den USA in Gefahr geraten ist.

Einen scharfen Seitenhieb teilt der Leitartikel des "WSJ" denn auch an seine Vorbesitzer aus, die Bancrofts: Deren Reue über den Verkauf von Dow Jones, anlässlich des Skandals erneut geäußert, sei "müßig". "Wir schaudern beim Gedanken, wie das 'Journal' heute ohne den Verkauf an News Corp. aussehen würde."

Wie es statt dessen aussieht, hat das "WSJ" am Montag mit aller Deutlichkeit gezeigt.

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insgesamt 35 Beiträge
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    Seite 1    
1. Hat Herr Fleischhauer
brndnbg 18.07.2011
Zitat von sysopLange hat es gezögert, jetzt hat Rupert Murdochs Hausblatt "Wall Street Journal" im Hacker-Skandal Position bezogen. In einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel verteidigt es die britischen Kollegen - und schiebt die Schuld anderen zu. Dahinter steckt Sorge um Murdochs US-Geschäfte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775170,00.html
... den Artikel schon gelesen?
2. ja wieso?
Dr.Schnabel, 18.07.2011
Zitat von sysopLange hat es gezögert, jetzt hat Rupert Murdochs Hausblatt "Wall Street Journal" im Hacker-Skandal Position bezogen. In einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel verteidigt es die britischen Kollegen - und schiebt die Schuld anderen zu. Dahinter steckt Sorge um Murdochs US-Geschäfte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775170,00.html
SPON stellt in der Kolumne Herrn Fleischhauers den Herrn Murdoch doch auch als Opfer dar ...
3. Die sollten eher etwas vorsichtiger sein!
graf.koks 18.07.2011
Zitat von sysopLange hat es gezögert, jetzt hat Rupert Murdochs Hausblatt "Wall Street Journal" im Hacker-Skandal Position bezogen. In einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel verteidigt es die britischen Kollegen - und schiebt die Schuld anderen zu. Dahinter steckt Sorge um Murdochs US-Geschäfte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775170,00.html
Nach allem, was aus dem Sumpf des Rupert Murdoch hervorgekrochen kam, sollten die Editoren des WSJ etwas kürzer treten. Eine schlechte Reputation kostet Leser. Und von der Tea Party und einer Gruppe ewiggestriger Kapitalanleger allein kann keine Zeitung leben. Es gibt schließlich auch andere Zeitungen, die einen Börsenteil haben und Wirtschaftsnachrichten verbreiten.
4. Widerlich
Gani, 18.07.2011
Der schmierige Teil des wsj enthüllt sein wahres Gesicht - dieses Blatt war mir seit dem Verkauf an Murdoch genau so suspekt wie der Hetz-Sender Faux News. Bleibt zu hoffen dass das Lebenswerk des Rupert Murdoch in sich zusammen stürzt, filletiert wird und die stinkendsten Teile genau wie News of the World im Gully des Vergessens verschwinden. Auf das Murdoch endlich abgewirtschaftet hat!
5. Hail Murdoch....
zynik 19.07.2011
Zitat von sysopLange hat es gezögert, jetzt hat Rupert Murdochs Hausblatt "Wall Street Journal" im Hacker-Skandal Position bezogen. In einem ungewöhnlich scharfen Leitartikel verteidigt es die britischen Kollegen - und schiebt die Schuld anderen zu. Dahinter steckt Sorge um Murdochs US-Geschäfte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775170,00.html
Eine Frage: Was hat das alles noch mit Journalismus zu tun? Erfreulich, wie offen jetzt nach und nach die wirklichen Anliegen der Meinungsmacher zu Tage treten. Bleibt zu hoffen, dass man auch in Deutschland anfängt die richtigen Fragen zu Springer und Mohn zu stellen.
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