Abschied vom Wehrdienst Wie Polen seine Armee professionalisiert

Während die deutsche Bundeswehr um den Nachwuchs kämpft, will in Polen jeder Fünfte freiwillig in die Armee. Von 2010 an wird es dort keinen einzigen Wehrpflichtigen mehr geben, dafür aber 120.000 Berufssoldaten. Die neue Profi-Streitmacht soll alte Probleme lösen.

Von Joanna M. Rother, Warschau


"Daumen zusammen, Gurt strecken, Waffe auf die Brust", befiehlt Oberst Jerzy Dominikowski auf dem Kasernenplatz. Seine 120 Soldaten des X. Bataillons der Repräsentanz des Polnischen Militärs in Warschau bereiten sich auf ein Treffen mit dem Premierminister vor. Eine Stunde lang, bei minus fünf Grad.

"Kompanie gerade stehen, präsentiert die Waffen." Alles muss sitzen, denn die Truppenabteilung an der Hynkastraße 2 gilt als die Vorzeigemilitäreinheit in Polen, deren Aufgabe hauptsächlich in der Absicherung offizieller Feierlichkeiten liegt. "Auch an den internationalen Missionen nehmen wir teil und werden immer mehr geschätzt", preist Dominikowski die Zuverlässigkeit seiner Soldaten.

Enthusiastisch bereitet man sich hier auf die Umstellung zur Berufsarmee vor. Ab Januar 2010 soll es im polnischen Militär keinen einzigen Wehrpflichtigen mehr geben - das Ende einer 200-jährigen Tradition. "Dies ist ein Wendepunkt", sagt der Historiker Tomasz Nacz von der Warschauer Universität. "Die 200 Jahre alte Überzeugung, dass jeder junge Mann ins Militär soll, ist so stark ins Bewusstsein der Polen gewachsen, dass sich viele etwas anderes gar nicht vorstellen können."

Junge Soldaten versprechen sich gutes Gehalt und Prestige

Viele der jungen Soldaten, die nun auf dem Kasernenplatz des X. Bataillons antreten, sehen ihre Zukunft auch nach dem Wehrdienst in der Armee. Laut Umfragen will jeder fünfte Pole Soldat werden. Gutes Gehalt und Prestige versprechen sich die Jungen vom Plan der liberalen Regierung des Ministerpräsidenten Donald Tusk.

Die polnische Berufsarmee gibt sich offen, modern und gleichberechtigt: Zum ersten Mal dürfen die Frauen ins Militär. Auch wenn die Kritiker wegen der Finanzkrise und mangelnder Ressourcen für Schulungen und Ausrüstung die Reformpläne in Frage stellen, sieht die Professionalisierung der polnischen Armee 120.000 Berufssoldaten vor. Noch vor einem Jahr sprach die Regierung von 30.000 Soldaten mehr. Die Professionalisierung, so die Pläne, soll innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein. Ein ehrgeiziges Ziel angesichts eines Fehlbetrags von umgerechnet rund 800 Millionen Euro im Etat des Verteidigungsministeriums.

Denn Reformen kosten. Während der Staat dank der Wehrpflichtigen bisher im Schnitt rund 420 Euro monatlich für einen Soldaten auszugeben hat, wird er ab 2010 mit den dreifachen Kosten rechnen müssen. Doch im polnischen Parlament, dem Sejm, sind sich alle Parteien einig: Das polnische Militär brauche die Berufsarmee. Der stärkste Befürworter ist dabei der polnische Präsident, Lech Kaczynski, als oberster Befehlshaber. Er plädiert für eine Aufstockung des Verteidigungsetats von derzeit 1,95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf zwei Prozent.

Schulung von Berufssoldaten - eine langfristige Investition

Die Überzeugung, der Wehrdienst sei billiger, gilt im polnischen Militär als veraltet. Bisher investierte man in Wehrpflichtige, die oft nach neun Monaten wieder gingen. Eine Schulung für die Berufssoldaten koste zwar mehr, sie ist aber von Dauer, heißt es in Militärkreisen. Eine langfristige Investition, von der manche Soldaten des X. Bataillons heute schon profitieren.

Mit dem Schritt zur Berufsarmee folgt Polen einem Trend in Europa. Sie will nun auch effizienter werden. "Unser Land wurde in der Vergangenheit stiefmütterlich behandelt. Wir haben doch überall gekämpft - für unsere und fremde Freiheiten. Erst jetzt, als Nato-Soldaten, spricht man mehr von uns", sagt Oberst Kubarek, der Sprecher des Bataillons. "Meiner Meinung nach wird die Armee professioneller, weil sie besser vorbereitet sein wird."

Jahrelang hatte die polnische Armee einen schlechten Ruf. Mit dem Niedergang des Kommunismus lösten sich alte Strukturen auf und die Moral der Truppe sank. Eben noch Namensgeber für den Warschauer Pakt, dann Nato-Mitglied seit 1999, 2003 der militärische Einsatz im Irak. Dieser Krieg offenbarte die Defizite.

Jetzt wisse man, wo man stehe, und setze auf klare Ziele: professionelles Personal, technische Modernisierung und Weiterqualifizierung für die motivierte Truppe. Willige gibt es genug, die Besten werden ausgewählt. So die Pläne, denn ein Gesetz zur Rekrutierung fehlt immer noch.

Noch zu Zeiten der Sowjetunion wurde jeder genommen. Der Wehrdienst dauerte zwei Jahre und war Pflicht für rund 350.000 Volkssoldaten. In der Masse lag die Stärke, an Qualität dachte keiner. Über Jahrzehnte versuchten viele die Einberufung zu umgehen, was mit Arrest und Gefängnisstrafe bestraft wurde. Manche schafften es mit Lügen und durch Schmiergeld ergatterte Krankschreibungen. Einige Mittfünfziger erzählen heute noch stolz, wie sie sich in jungen Jahren aus Angst vor dem Wehrdienst die Arme oder Beine eingipsen ließen.

Die letzten Wehrpflichtigen

"Zum ersten Mal ist es ein wenig komisch." Karol G. lächelt verlegen und schnürt den schweren Stiefel zu. "Es ist untypisch für mich, wie ein Soldat gekleidet zu sein". Damit haben die meisten der 91 Einberufenen nicht gerechnet. Im X. Bataillon waren sie noch vor zwei Monaten die letzten, die nicht die freie Wahl hatten. "Pech, einfach Pech", sagt ein Kollege und schaut nach unten. "Als ich den Brief zu Hause bekommen habe, war ich schockiert und meine Familie noch mehr. Ich wollte nicht ins Militär, wir dachten alle, dass ich Glück habe und nicht hin muss", erzählt der junge Mann vom Land. Seine Freundin werde ihm fehlen, ein Treffen gibt es nur mit Erlaubnis.

Zuerst aber ist der obligatorische Gang zum Friseur Pflicht. Haare ab.

"Disziplin will ich lernen, um nach dem Wehrdienst leichter Arbeit zu finden", sagt der 18-jährige Tomek B. aus Radom, der seine blonden Locken schon nicht mehr vermisst. Er ist überzeugt, dass es ohne Disziplin keine gute Gesellschaft gibt. "Ich musste mich an die neue Situation gewöhnen", lautet sein Fazit, "aber es ist doch ein Glück, dass ich noch als Letzter im Militär gelandet bin."



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