Appenzell Innerrhoden Im Kanton der Fremdenangst

Nirgends in der Schweiz ist der Ausländeranteil so gering wie im Kanton Appenzell Innerrhoden. Arbeitslosigkeit gibt es praktisch nicht. Trotzdem stimmten die Bürger hier klar für die Abschottungsinitiative der SVP. Ein Besuch.

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Aus Appenzell berichtet


127. Das ist die Zahl, die Daniel Fässler vor Besuchern gern einen Moment wirken lässt. Vermutlich sagt sie auch mehr über den florierenden Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden als etwa die aufwendig verzierten Häuserfassaden in der Appenzeller Hauptgasse - oder der liebevoll restaurierte mittelalterliche Ratssaal.

Es ist die Zahl der Arbeitslosen in dem Kanton, in dem rund 16.000 Menschen leben: 127 also. "Ich kenne sie fast alle persönlich", sagt der Landammann (Regierungspräsident) von der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) über die Jobsuchenden. Sind eben nicht so viele. Tatsächlich liegt die Erwerbslosenquote im kleinsten Schweizer Kanton noch einmal deutlich unter dem Mittelwert des Landes von 3,5 Prozent.

Dem Kanton im Nordosten des Landes unweit des Bodensees, in dem der Tourismus wichtig ist, in dem aber auch die Landwirtschaft noch immer eine zentrale Rolle spielt, geht es prächtig. Die Einnahmen liegen über den Ausgaben, das Vermögen wächst. Die rechtspopulistische SVP hat hier nicht viel zu melden: Im Großen Rat, dem Kantonsparlament, stellt sie von 49 Mitgliedern nur einen Abgeordneten. Trotzdem haben in Appenzell alle geahnt, dass die SVP mit ihrer umstrittenen Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung" richtig absahnen würde.

Das hat sie dann auch. Mehr als 63 Prozent stimmten in dem Kanton für eine strikte Reglementierung des Zuzugs von Ausländern, nur im Tessin verbuchten die Rechtspopulisten einen noch größeren Erfolg. Landesweit war das Votum nur ganz knapp für die SVP ausgegangen. Fässler war gegen die SVP-Initiative, "aber ich wusste um die Aussichtslosigkeit", sagt er.

"Angst vor Veränderung"

Kein Kanton passt weniger in das Bild, das die SVP seit Monaten von der Schweiz zeichnet: eines Landes mit "maßloser Zuwanderung". Fast jeder vierte Einwohner in der Schweiz ist Ausländer, in Appenzell Innerrhoden allerdings nicht mal jeder zehnte.

"Angst vor Veränderung", so nennt Fässler die Haltung vieler Menschen in seinem Kanton. Sie leben in einer beschaulichen Welt ohne echte Ballungszentren. In der Mittagszeit wirkt Appenzell wie ausgestorben: Von 12 Uhr bis 13.30 Uhr schließen die Geschäfte, in der kalten Jahreszeit öffnen manche am Montag erst gar nicht: "Winterruhetag" steht dann an den Türen. Die Cafés und Konditoreien bieten traditionelle Kuchen und Spezialitäten an, auch die Restaurants wagen keine großen Experimente. Das muss nicht schlecht sein. Trotzdem ist es ein anderes Leben als in den Schweizer Großstädten Zürich, Basel oder Bern.

Eine Revolution in der Schweiz würde wohl kaum von Appenzell Innerrhoden ausgehen. Selbst die Sozialdemokratische Partei (SP) musste sich hier lange auf die Hinterbeine stellen, bis es ihr gelang, einen Ableger zu gründen: Erst im Sommer 2012 war es so weit, 124 Jahre war die Partei da alt. So sagt es Martin Pfister, SP-Chef in Appenzell Innerrhoden.

Die Landsgemeinde entscheidet

Den Kanton nennt er "sehr konservativ und traditionsbewusst". Wenn in den vergangenen Jahren über die Weiterführung der europäischen Personenfreizügigkeit oder der Zusammenarbeit mit den Staaten Osteuropas abgestimmt wurde, gehörte Appenzell Innerrhoden stets zu den Nein-Sagern.

Tradition wird hier unter anderem in einer der ältesten Formen der direkten Demokratie gelebt: der Landsgemeinde. Sie ist hier die höchste politische Instanz. Ein Mal im Jahr treffen sich die wahlberechtigten Bürger auf dem Appenzeller Landsgemeindeplatz, um über "Wahlgeschäfte und Sachvorlagen" abzustimmen. Das gibt es nur noch in Appenzell Innerrhoden und im Kanton Glarus.

SP-Mann Pfister zog vor ein paar Jahren her. Er lebt gern hier, und trotzdem hadert er manchmal mit dem Konservatismus der Menschen. Man könne bei ihnen "sehr leicht Ängste schüren". So wie die SVP, die vor den angeblichen Folgen einer "Masseneinwanderung" warnte: "zunehmende Arbeitslosigkeit, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten und Bodenpreise, Verlust von wertvollem Kulturland durch Verbauung der Landschaft, Lohndruck, Ausländerkriminalität…"

Dabei betonen unabhängige Experten wie der Think Tank Avenir Suisse, dass die wirtschaftliche Bilanz der Zuwanderung für das Land "überwiegend positiv" sei und die Verkehrsprobleme vor allem "hausgemacht" seien.

Natürlich sind die Schweizer nicht mehrheitlich ausländerfeindlich - dennoch sagt auch CVP-Mann Fässler, dass die SVP mit ihren populistischen Tönen "den entsprechenden Boden brauchte, um Erfolg zu haben".

Michael Hermann, Politologe an der Universität Zürich, formuliert es so: Es gebe in der Schweiz keinen "signifikanten täglichen Rassismus". Kennzeichnend ist vielmehr eine gewisse Selbstbezogenheit: "Viele Schweizer möchten, dass ihr Land überschaubar bleibt. Man grenzt sich also ab."

Nachname verbaut die Chance auf eine Wohnung

1554 Ausländer lebten laut dem Bundesamt für Migration Ende August 2013 in Appenzell Innerrhoden - ein paar weniger als ein Jahr zuvor. Eine davon ist Elizabeta Banicin. Sie ist zwar in der Schweiz geboren, ihr Pass ist aber bislang noch aus Kroatien. Das Schweizer Dokument hat sie beantragt, sie werde aber wohl noch eine Weile warten müssen, sagt sie.

Die 17-Jährige ist derzeit zusammen mit ihrer Schwester und deren Familie auf Wohnungssuche. Die Suche gestalte sich schwierig. "Wenn Vermieter unseren Nachnamen hören, winken sie oft gleich ab", sagt die junge Frau. Banicin, "das ist eben kroatisch" - auch wenn sie Schweizer Dialekt spreche.

Schweizer Votum zu "Masseneinwanderung"

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
karlsiegfried 11.02.2014
1. Hexenjagd auf Schweizer
So und nicht anders kann der derzeitige Zustand ausserhalb der Schweiz bezeichnet werden. Die Angst sitzt den EU.Staaten Deutschland, Fankreich, Brüssel tief in den Knochen. Dshalb veranstalten diese einschliesslich der Medien eine Hexenjagd auf Schweizer. Pfui Teufel.
midel 11.02.2014
2. optional
Was soll dieser Artikel? Geht es dem 'Spiegel' nur noch darum Ressentiments zu wecken? In der Schweiz gibt es glücklicherweise weit weniger Rechtsradikale als in Deutschland. Man sollte im Steinhaus sitzend nicht mit ....
redbayer 11.02.2014
3. Die Medien werden immer beschränkter
Der Umstand, dass gerade Kantone mit relative geringen (verglichen mit Deutschland allerdings schon hohem) Ausländeranteil sich so entscheiden ist doch leicht zu ergründen. Dort erkennt man noch "das man vor dem Abgrund steht", die anderen sind schon runter gefallen, was soll man in der Senke da noch sagen?
schon,aber 11.02.2014
4. tz tz
Meine Güte, Herr Hengst, was für ein Aufwand, nach Innerrhoden zu schippern, um herauszufinden, dass ein Bergvölkchen keinen Bock hat auf Multikulti. Ich bin zwar kein Bergler, habe aber trotzdem auch keinen Bock darauf. Wenn es ECHTES Multikulti wäre, ok. Eine sehr große Zuwanderer-Community pflegt aber mit Hingabe ihre Monokultur, was uns dann als Bereicherung verkauft wird. Nein danke.
dolfi 11.02.2014
5. Jaja, DIE Schweizer...
DIE Schweizer gibt's grundsätzlich erst mal gar nicht. Die meisten Deutschen, die hier zu Wort kommen, haben hoch bezahlte Berufe, Ärzte, Ingenieure, Doktoranden. Kein Wunder, dass eben die geschockt waren. Sie haben ja auch nur Kontakt mit dem städtischen, gebildeten Bürgertum in der Schweiz. Aber im ländlichen Raum, insbesondere dort bei den einfach Gebildeten, da sieht es oft anders aus. Dort ist die Abneigung gegen alles Fremde oft zu Hause. Das ist aber kein speziell schweizerisches Thema. Das gibt es in Deutschland, Belgien, Dänemark und (m.E. ganz besonders) in Österreich auch überall. Jetzt ist aber hier in der Schweiz eine bestimmtes Phänomen eingetreten. Diese Unterschicht und untere Mittelschicht geht eher nicht so oft zur Abstimmung. Jetzt hat die SVP es aber durch geschicktes Marketing, einem Mix aus rechtsradikalen Parolen und populistischem Hinweisen auf tatsächlich vorhandene Missstände, verstanden, eben diese Bevölkerungsschichten zu mobilisieren. Deshalb ist diese Initiative durchgekommen. Und nicht weil die Schweiz rassistisch oder generell ausländerfeindlich ist. Jetzt müssen eben diejenigen, die nicht gegen diese Initiative gestimmt haben (und erst gar nicht abstimmen waren) das Schlamassel ausbaden. Viel Vergnügen!
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