Abschussrampe Pakistan: Wo die Drohnen starten und zuschlagen

Von , Islamabad

Pakistan ist das Epizentrum des Drohnen-Kriegs der CIA gegen die Taliban. Doch der Widerstand in der Bevölkerung ist massiv. Die USA zwingen Islamabad zu einem schwierigen Drahtseilakt.

Dorf in Nordwaziristan nach Drohnen-Angriff: "Wir geraten in Panik" Zur Großansicht
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Dorf in Nordwaziristan nach Drohnen-Angriff: "Wir geraten in Panik"

Der Himmel ist wie so oft strahlend blau an diesem Tag nahe Mir Ali, in der Provinz Nordwaziristan nahe der Grenze zu Afghanistan. Es surrt, einige Menschen kommen aus ihren Häusern. Sie sehen ein kleines Flugzeug in einigen hundert Metern Entfernung. Panik ergreift sie. Wer laufen kann, flüchtet ins nächste Dorf. Denn das Flugobjekt ist eine Predator-Drohne, gestartet von einer geheimen Basis in Pakistan, ferngesteuert von der CIA in Virginia, USA.

"Wir geraten in Panik, weil wir jederzeit befürchten müssen, dass eine Rakete einschlägt", sagt Haji Gul, ein Bewohner von Mir Ali. Fast täglich zeigen pakistanische Fernsehsender mittlerweile Bilder zerstörter Häuser und verwüsteter Dörfer nach solchen Drohnen-Angriffen. Auch in Mir Ali wurden bei einer solchen Attacke Mitte Januar drei Menschen getötet, angeblich allesamt Angehörige einer extremistischen Miliz.

Doch die Raketen aus den ferngelenkten Kleinflugzeugen töten nicht nur Terroristen - sie treffen, indirekt und manchmal auch direkt, die gesamte Bevölkerung in den betroffenen Regionen entlang der Grenze. Die Menschen hier sind verunsichert bis verärgert. Sie fürchten um ihr Leben, seit der Drohnen-Krieg der CIA immer größere Dimensionen angenommen hat. Und Pakistan dadurch quasi zur Abschussrampe wurde.

Denn hier, auf versteckten Flugfeldern, werden die Drohnen beladen und gestartet. Und hier schlagen sie zu, vor allem in Nord- und Südwaziristan, zwei Regionen, die an Afghanistan grenzen und Rückzugsgebiet einer unübersehbaren Zahl militanter Gruppen sind.

Verletzung der pakistanischen Souveränität

Die Drohnen-Einsätze der Amerikaner (siehe Fotostrecke unten) sind in Pakistan höchst umstritten, trotz der Erfolge gegen die pakistanischen Taliban. Laut einer Umfrage des Gallup-Institus werden sie nur von neun Prozent der Pakistaner befürwortet, zwei Drittel lehnen sie ab. Zum einen wegen der zivilen Opfer, zum anderen fühlt sich die pakistanische Regierung durch das US-Vorgehen brüskiert: Man dulde keine ausländischen militärischen Aktivitäten auf pakistanischem Hoheitsgebiet, heißt es. Jedenfalls offiziell. Das amerikanische Vorgehen sei eine Verletzung der Souveränität Pakistans.

Premierminister Yousuf Raza Gilani nannte die Drohnen-Angriffe im SPIEGEL-Interview sogar "kontraproduktiv": "Unsere Top-Leute in der Regierung und bei den Militärs sind sehr erfolgreich dabei, Keile zwischen die Militanten und die örtlichen Stämme zu treiben. Aber nach jeder Drohnen-Attacke rücken die wieder dichter zusammen", erklärte er. "Die Drohnen sind unter anderem deshalb schädlich, weil sie antiamerikanische Ressentiments im ganzen Land fördern."

Fotostrecke

7  Bilder
Drohnen im Einsatz: Krieg per Mausklick

Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass die pakistanische Regierung die Amerikaner in Wahrheit in ihrem Vorgehen unterstützt. Es gilt als sicher, dass der pakistanische Geheimdienst den Amerikanern Erkenntnisse über den Aufenthaltsort von Terroristen liefert. Die CIA kenne sich in der unübersichtlichen Berglandschaft Westpakistans nicht gut genug aus und sei auf fremde Hilfe angewiesen, heißt es unter der Hand. Von einem Abkommen zwischen beiden Ländern ist die Rede: Pakistan verbietet den Amerikanern den Drohnen-Einsatz nicht, darf aber Kritik üben, um sein Gesicht zu wahren.

Allerdings gerät auch die pakistanische Regierung selbst durch die Drohnen-Angriffe in die Kritik der Bevölkerung: Warum, fragen nicht nur konservative und traditionell amerikakritische Kreise, lässt Islamabad zu, dass die CIA Pakistan als Abschussrampe für seine Predator-Drohnen nutzt?

Premierminister Gilani sagt dazu, die Unterstützung der Bevölkerung sei unabdingbar, wenn man die Aufständischen bekämpfen wolle. "Die bekommen wir aber nicht, wenn die Amerikaner sich einmischen, ohne dass wir sie darum gebeten hätten."

Kritik an Blackwater-Einsatz

Für besondere Empörung in der Bevölkerung sorgten Berichte in der internationalen Presse, die amerikanische Sicherheitsfirma Blackwater, die sich heute Xe nennt, habe Mitarbeiter in Pakistan stationiert. Die CIA soll das Bestücken der Drohnen mit Raketen an das US-Unternehmen ausgelagert haben. Blackwater-Mitarbeiter hatten zuvor im Irak unrühmliche Schlagzeilen gemacht - wegen getöteten Zivilisten und angeblichen Sexskandalen. Im Dezember 2009, berichtete die "New York Times", sei diese Kooperation allerdings wegen der massiven Empörung in Pakistan beendet worden .

Pakistans Regierung und das Militär würden die Drohnen-Angriffe künftig am liebsten in eigener Regie durchführen. Die USA mögen das Land deshalb mit entsprechender Technologie ausstatten, fordern sie.

Doch Washington lehnt das ab. Zwar liefern die USA Kampfhubschrauber, Flugzeuge und der "New York Times" zufolge auch unbewaffnete Shadow-Drohnen, doch über den Einsatz bewaffneter Flugkörper will die CIA die Kontrolle behalten. Außerdem befürchtet man, Pakistan könnte die Technologie womöglich gegen andere Ziele als die Taliban im Westen des Landes einsetzen - etwa gegen Indien.

Dabei ist offen, ob die Amerikaner sich selbst an internationale Abkommen halten. Uno-Ermittler Philip Alston rief die US-Regierung nach einem Angriff auf eine Religionsschule Mitte Januar in Nordwaziristan dazu auf darzulegen, wem die Angriffe eigentlich gelten und wie viele Todesopfer es durch die Drohnenschläge gibt. "Das gesamte Programm ist so geheim, dass wir nur sehr wenige Informationen haben, um überprüfen zu können, ob die USA auf ihre Verpflichtungen gemäß der Genfer Konvention achten."

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Drohnenkrieg der CIA: Prominente Opfer
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Grafiken: US-Drohnen

Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS