Abstimmung nach 20 Jahren Burmas Generäle rufen zur Scheinwahl

REUTERS

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok

2. Teil: Ein 87-Jähriger will dem Regime die Stirn bieten


Doch nicht bei all ihren Anhängern fand der Boykottaufruf der Friedensnobelpreisträgerin Zustimmung. Der pensionierte Armee-Offizier Tun Sein gründete mit Gesinnungsgenossen die "National Democratic Force" (NDF) und ließ sich als Kandidat für die Wahl am Sonntag aufstellen. Tun Sein ist ebenfalls eine Freiheitsikone: Im Befreiungskampf Burmas kämpfte er erst gegen die Briten, dann gegen die Japaner an der Seite des Vaters von Suu Kyi. Später diente er der Friedensnobelpreisträgerin als Sicherheitschef.

Viel Hoffnung für sein Land hat der 87-Jährige allerdings selbst nicht. Denn in ihrer fast 50-jährigen Herrschaft haben die Generäle die einstige "Kornkammer Asiens" - Burma ist rund zweimal so groß wie Deutschland - trotz reicher Bodenschätze heruntergewirtschaftet und förmlich ausgesaugt.

Für Militär, Polizei und Geheimdienst geben sie zehnmal so viel aus wie für den Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsetat. Ihre Gegner verfolgen sie skrupellos. 2100 politische Gefangene sind zum Teil seit Jahren eingekerkert. Nur in China sitzen mehr Journalisten hinter Gittern als in Burma. Der Uno-Sonderbeauftragte für den südostasiatischen Staat, Tomas Ojea Quintana, verlangt sogar die Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals, um die Schandtaten der Junta zu ahnden.

"Aber politische Probleme kann man nicht mit einem Boykott lösen", verteidigt der aufrechte Streiter Tun Sein seine Kandidatur. "Ich trete an, damit ich im Parlament demnächst dem Volk eine Stimme geben kann." Vielleicht, so hofft er, werde die Wahl am Sonntag die Tür zu Demokratie und innerem Frieden ja doch ein Stück weit öffnen.

Ein heimliches Netzwerk will die Generäle kontrollieren

Mit dieser Hoffnung steht der alte Freiheitskämpfer allerdings ziemlich alleine da. Im Gegenteil: "Das Volk der Kachin bereitet sich auf einen unausweichlichen Bürgerkrieg vor, auch wenn den niemand will", erklärte Lahpai Nawdin, einer der Sprecher dieses rebellischen Bergvolkes in Burmas Norden. Er rief die von der Junta verfolgten ethnischen Minderheiten des Landes auf, sich im Kampf gegen Unterdrückung und Verfolgung nun endlich zu einigen. "Wir haben nur eine reale Option: Uns politisch und militärisch zusammenzuschließen". Nach Schätzungen von Experten könnten die aufständischen ethnischen Gruppen in Burmas Norden und Osten insgesamt 65.000 Kämpfer aufbieten und rund ein Viertel des Landes unter ihre Kontrolle bringen.

Die Blogger, Facebooker und Computer-Fans in Burma wollen die Generäle auf anderen, friedlicheren Wegen in die Bredouille bringen: Für den Wahlsonntag haben sie ein illegales Netzwerk von Wahlbeobachtern gebildet. "Wir werden uns gegenseitig aus den Wahllokalen per Handy anrufen und uns über den Ablauf informieren. Wir werden uns SMS schicken, twittern und unsere Informationen ins Ausland bringen", kündigt "Timpler" an, ein 30-jähriger IT-Fan, dessen Identität die Machthaber trotz strengster Zensur und Internetkontrolle bisher nicht haben knacken können. "Timpler" weiß, wie gefährlich sein selbstgewählter Job ist. Bee Du, ein oppositioneller Journalist, der ähnlich wie er Kontakt zu burmesischen Exil-Medien hatte, wurde vor kurzem zu 37 Jahren Haft verurteilt, nachdem er den Schergen des Systems ins Netz gegangen war.

Auch junge Männer, die mit ihren Laptops irgendwo am schlammigen Ufer des Salween an der Grenze zwischen Burma und Thailand sitzen, lassen sich von der Gefahr für Leib und Leben nicht schrecken. Sie sammeln in einer windschiefen Bambushütte alle Informationen zur Wahl und zur politischen Situation in Burma, die ihnen aus einem weitgespannten informellen Netzwerk zufließen - und geben sie an Exil-Medien und ausländische Journalisten weiter. "Ich kenne das Risiko, das wir eingehen", sagt einer von ihnen. "Aber ich denke, dass wir das unserem Volk in diesen Stunden schuldig sind."

insgesamt 3 Beiträge
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pfälza 05.11.2010
1. DIese Generäle...
sind schon so verblendet von ihrer eigenen Ideologie, dass sie auch wirklich überzeugt sind, dass die internationale Gemeinschaft ihnen diesen Schmu abnimmt. Das ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Vlt machen die Generäle ja mal einen Fehler und lassen die USA nicht mehr an den Ölvorkommen teilhaben...dann werden sich die USA entsinnen, dass sie ja die Hüter des Friedens sind und dort auch die Demokratie mit Bomben hinbringen...
Ricy 05.11.2010
2. im besten Fall ein Kompromiss?
"*Rebellische Blogger*wollen das Regime bloßstellen?" Wie denn? Sicher ist es leichter einem einheitlichen Volk unter repressive Regimes vorzustellen. Allerdings ist Birma schon geografische in viele verschiedene ethnische Gruppen geteilt. In diese weit verstreuten Populationen bedeuten Ideale und Demokratie völlig unterschiedliche Dinge. Nichtsdestotrotz eine Kapitulation solle diese Regime nicht unterstützen. Im besten Fall ein Kompromiss?... Abwarten!
Erebos 05.11.2010
3. Gab und gibt es auch hier
In unserer wehrhaften Demokratie sind bestimmte Gruppen (rechte und linke) auch ausgeschlossen, weil sie das System ändern wollen würden. Dort sind also auch Gruppen ausgeschlossen, weil sie das System ändern wollen würden. Also.
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