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Abu-Ghureib-Folterskandal: Archiv des Grauens geöffnet

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Es ist ein Dossier, das dem Folterskandal von Abu Ghureib eine neue Dimension gibt: Das US-Online-Magazin salon.com hat 279 Fotos und 19 Videos aus dem berüchtigten Gefängnis veröffentlicht. Sie stammen aus den internen Untersuchungen der US-Armee.

Hamburg - Der Mann wankt, er taumelt. Dann schlägt er den Kopf gegen die Zellentür, immer und immer wieder, geräuschlos für den Betrachter, weil das Video stumm ist. Tut er es aus Verzweiflung, wird es ihm befohlen? Blut bleibt an der Tür zurück, hinterlässt eine rote Spur, als das Gesicht am Metall herunterrutscht. Der Mann, nur bekleidet mit einem dunklen Umhang, einem Gewand, einer Decke, er fällt nicht. Er kann nicht fallen, denn seine Hände sind an den Türriegel gekettet.

Das Gefängnis von Abu Ghureib, Block 1A. Es sind wieder einmal Bilder des Grauens, die einem den Atem rauben, so unfassbar, so unerträglich. Es sind wieder einmal bislang unbekannte Bilder aus dem berüchtigten Folterknast bei Bagdad, von dem die US-Regierung sagt, dass sie ihn bald schließen will. Unter dem Titel "The Abu Ghraib Files" hat das US-Online-Magazin salon.com die bislang umfassendste visuelle und schriftliche Dokumentation des nunmehr drei Jahre alten Folterskandals veröffentlicht, eine neue Dimension der moralischen Katastrophe einer Weltmacht, die die Öffentlichkeit so bisher nicht zu Gesicht bekam.

279 Fotos und 19 Videos wie das oben beschriebene aus den Archiven der Militärermittler des Criminal Investigation Command (CID) hat salon.com für jedermann zugänglich gemacht, versehen mit langen einordnenden Begleittexten, in denen die Redakteure das Gesehene anhand der bislang erfolgten Ermittlungen des CID, des Pentagon und unabhängiger Quellen einordnen. Fotos und Videos sind chronologisch in zehn Kapiteln sortiert. Fast lückenlos sind so jene drei Monate im Herbst und Winter 2003 dokumentiert, in denen die Bilder entstanden, die sich in das kollektive Gedächtnis der Welt einbrannten und die ein neues Symbol für Demütigung und Menschenverachtung schufen.


Die Kapitel sind überschrieben mit Kategorien wie "Sexuelle Erniedrigung", "Elektrokabel" oder "Schnittwunden", die leider halten, was sie versprechen: Nackte Männer, die offenbar dazu gezwungen werden, sich gegenseitig sexuell zu befriedigen, Soldaten, die Häftlingen Kabel anlegen, vermutlich um sie mit Elektroschocks zu quälen, Menschen mit stark blutenden Verletzungen, Schnitten, Hundebissen, sogar Schusswunden.

Viele der Aufnahmen, so heißt es bei salon.com selbst, sind bereits veröffentlicht worden: Die Soldatin Lynndie England, die einen nackten Häftling wie einen Hund an der Leine führt; der sogenannte Kapuzenmann auf dem Podest, Elektrokabel an den Fingern. Dass es noch mehr Aufnahmen aus dieser Zeit gibt, ist keine Überraschung. Vor einem Monat präsentierte ein australischer Fernsehsender bis dahin unveröffentlichte Fotos aus Abu Ghureib, die mitten im Streit über die Mohammed-Karikaturen den drohenden Kampf der Kulturen anfachten.

"Time to move on"

Was also hat die Macher von salon.com veranlasst, den Skandal erneut aufzuarbeiten? Erschrecken wir nicht weniger vor Unfassbarkeit des dokumentierten Grauens, als vielmehr darüber, wie vertraut wir mit diesem inzwischen sind? Es sei das erste Mal, schreibt Chefredakteurin Joan Walsh, dass das vollständige Dossier der internen Ermittlungen der US-Armee durch den CID mitsamt der fotografischen Beweise für die Öffentlichkeit aufgearbeitet worden sei.

Die US-Regierung wolle der Welt glauben machen, sie habe sich mit dem Skandal in ausreichender Form auseinandergesetzt, es sei an der Zeit weiterzumachen, "time to move on". Doch die Fragen, so Walsh, was in Abu Ghureib passierte und wer dafür verantwortlich war, werden mit der Schließung des Kerkers nicht aufhören. Tatsächlich gebe es nach zwei Jahren relativer Ruhe ein neues Interesse, Fragen zu stellen. Ein CID-Sprecher habe salon.com bestätigt, dass die Untersuchungen nach ihrem offiziellen Abschluss im Oktober 2005 wiederaufgenommen worden seien, "um neuen Informationen nachzugehen". Darüber hinaus beginne in dieser Woche in Fort Meade der Prozess gegen zwei in Abu Ghureib beschäftigte Hundeführer, die Häftlinge mit ihren abgerichteten Hunden bedroht haben sollen. Im Zuge dieses Verfahrens sei dem früheren Kommandeur des militärischen Geheimdienstes in Abu Ghureib, Oberst Thomas M. Pappas, als Gegenleistung für seine Aussage Immunität zugesichert worden.

Seit vergangener Woche ist bekannt, dass einem anderen Ex-Kommandeur, Generalmajor Geoffrey Miller, auf Betreiben zweier Senatoren die Pensionierung verwehrt wurde, damit man diesen weiter zu seiner Rolle im Folterskandal befragen könne. Miller wollte im Hundeprozess die Aussage verweigern, obwohl Pappas ihn beschuldigt, den Einsatz von Hunden und andere harte Verhörmethoden in Abu Ghureib eingeführt zu haben. Reservehauptmann Christopher R. Brinson, zurzeit Assistent eines republikanischen Abgeordneten, kämpft laut salon.com gegen eine Abmahnung, die er im Zusammenhang mit den Ermittlungen der US-Armee bekam. Brinson war Vorgesetzter des Stabsgefreiten Charles A. Graner, der wegen der Misshandlungen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Brinson, so schreibt die Chefredakteurin, stimme nun in den wachsenden Chor derer ein, die für das Geschehene eine höhere Kommandoebene verantwortlich machen.

Vor dem Hintergrund dieser neuen Entwicklungen, glaubt man bei salon.com, verdiene das Archiv des CID Beachtung. Auch sei die Dokumentation des Skandals in den Medien bislang nur stückchenweise erfolgt, oft ohne die Vorgänge in einen breiteren Kontext zu stellen. In der nun präsentierten Aufarbeitung fänden zudem einige neue, bislang unveröffentlichte Quellen Berücksichtigung, darunter Tagebucheinträge oder Verhörprotokolle. Das ausführliche Dossier gehöre an die Öffentlichkeit, um weitere Untersuchungen anzustoßen. Bis heute wurden nur neun Soldaten juristisch zur Rechenschaft gezogen.

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Abu Ghureib: Das Folter-Dossier der US-Ermittler


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