Abu-Ghureib-Skandal Ex-US-Oberst meldete frühzeitig Häftlingsmisshandlungen

Schon einen Monat bevor die ersten Bilder aus dem Gefängnis von Abu Ghureib die Welt schockierten, wurde in einem internen US-Armeebericht auf Misshandlungen von irakischen Gefangenen hingewiesen. Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht eine Spezialeinheit, an der auch CIA-Mitarbeiter beteiligt sind.


 US-Soldat in Falludscha: Härte gegenüber Gefangenen
REUTERS

US-Soldat in Falludscha: Härte gegenüber Gefangenen

Berlin - Offiziell will sich Stuart A. Herrington gegenüber der "Washington Post" nicht äußern. Doch der renommierten US-Zeitung liegen vertrauliche 13 Seiten vor, die der frühere Oberst der US-Armee, ein Veteran der Aufstandsbekämpfung im Vietnam-Krieg, nach einer Reise durch den Irak verfasste.

Zentraler Inhalt: Mitglieder einer militärischen Elite-Einheit, der auch CIA-Mitarbeiter angehören, würden Gefangene misshandeln. Bemerkenswert an dem Bericht, der an US-Generäle im Irak ging, ist der Zeitpunkt, zu dem er verfasst wurde: Dezember 2003. Erst mehr als einen Monat später gelangten Bilder von Misshandlungen von irakischen Gefangenen in Abu Ghureib in die Hände von US-Armeeangehörigen, die über das von US-Truppen unterhaltene Camp eine Untersuchung durchführten.

Herrington, so die "Washington Post", habe schon damals festgehalten, dass einige Festnahmepraktiken der US-Truppen im Irak "technisch" illegal seien. Auch wies der Ex-Offizier daraufhin, dass die Koalitionskräfte durch Massenverhaftungen "kostenlose Gegner" schaffen würden, weil sie Menschen inhaftierten und für Monate festhielten, die möglicherweise gar nicht ins Gefängnis gehörten.

In seinem Bericht erhob Herrington insbesondere Vorwürfe gegen die Task Force 121, einer gemeinsamen Einheit aus Mitgliedern der Special Operations und der CIA, die auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen und hochrangigen Mitgliedern des früheren Regimes ist. Diese Einheit, kurz TF 121 genannt, habe Gefangene im gesamten Irak misshandelt und für ihre Verhöre geheime Orte benutzt, um ihre Aktivitäten zu tarnen, schreibt der Vietnam-Veteran.

Gefangene, die von TF 121 festgenommen worden seien, zeigten Verletzungen, die von medizinischem Personal als Ursache von Schlägen eingestuft wurden, heißt es in dem Bericht weiter. "Es scheint klar zu sein, dass TF 121 in Bezug auf die Behandlung von Gefangenen Zurückhaltung auferlegt werden muss", schrieb Herrington.

Nach Angaben des ehemaligen Offiziers bestätigte ihm ein Vernehmungsoffizier in einem Lager für hochrangige Gefangene in Bagdad, dass die von der Task Force 121 eingelieferten Personen Zeichen von Schlägen aufgewiesen hätten. Er habe daraufhin den Offizier danach gefragt, ob er seine Vorgesetzten auf das Problem hingewiesen habe.

Der Offizier, zitiert die "Washington Post" aus dem Bericht, habe daraufhin erklärt: "Jeder weiß davon."

Gegen eine Gruppe von Spezialkräften einer Marineeinheit, die als Teil der Task Force aktiv waren, wurde bereits Anklage wegen Misshandlung von Gefangenen erhoben. Sie wird im Zusammenhang mit dem Tod von zwei Häftlingen gebracht. Einer sei bereits am 4. November 2003 in einem Duschraum in Abu Ghureib gestorben, einen Monat bevor Herrington erschien, um seine Untersuchung durchzuführen, schreibt das Blatt.

Im Gegensatz zu anderen Vorfällen im Irak, wie etwa zum Lager Abu Ghureib, liegt zur Vorgehensweise der Special Operations Forces im Irak noch kein offizieller Bericht vor. Eigentlich hätte dieser schon zu einem früheren Zeitpunkt dem US-Kongress präsentiert werden sollen. Doch werde daran noch gearbeitet, zitiert die "Washington Post" einen Sprecher des Pentagon.



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