Neue Flüchtlingsroute Angst an der Adria

Italiens Geheimdienste sind besorgt: Wenn der Landweg über den Balkan versperrt ist, könnten bald Zehntausende Flüchtlinge über die Adria kommen. Lässt sich auch die Seegrenze abriegeln?

Von , Rom


Am Strand in Durres: Italien ist weit weg und doch so nah - nur 80 Kilometer übers Mittelmeer.
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Am Strand in Durres: Italien ist weit weg und doch so nah - nur 80 Kilometer übers Mittelmeer.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Vom albanischen Hafen Durres bis nach Italien sind es gerade einmal 80 Kilometer. Ein paar Stunden im Boot über die Adria, um hineinzukommen in die "Festung Europa". Von Montenegro aus ist es nicht viel weiter. In beiden Ländern bereitet sich ein ganzer Geschäftszweig auf die anstehenden Großaufträge vor. Als "Schleuser" werden sie von den einen gejagt, von den anderen als "Fluchthelfer" gesucht und bezahlt.

Die Warnung der italienischen Geheimdienste an ihre Regierung ist deutlich: Falls die Grenzen auf dem Balkan geschlossen werden oder nur noch bestimmte Nationalitäten weiter nach Norden ziehen dürfen, werde die Seeroute über die Adria wieder geöffnet.

Dann werden Männer, Frauen, Kinder auf Schlauchbooten oder auf seeuntüchtigen Kuttern zusammengepfercht übers Wasser transportiert und an Italiens Küste landen oder stranden.

Die Regierung brachte das Problem am Montag dieser Woche beim Treffen der EU-Innenminister in Amsterdam zur Sprache. Rom fürchtet den Ernstfall: Was tun, wenn Hunderttausende von Osten her übers Meer kommen?

Verschärft wurde die Lage am Mittwochabend: Mazedonien hat tatsächlich für einige Stunden seine Grenze zu Griechenland für Flüchtlinge geschlossen - und damit die sogenannte Balkanroute abgeriegelt.

Gewiss, über die Adria reisen Flüchtlinge seit vielen Jahren ein. Mal mehr, mal weniger. Die meisten wollen gar nicht in Italien bleiben, sondern weiter nach Skandinavien, in die Niederlande, nach Frankreich und vor allem nach Deutschland. So haben die italienischen Behörden sie meist durchziehen lassen. Doch die Ausgänge nach Norden sind heute weitgehend geschlossen.

  • Frankreich hat die Grenze dichtgemacht, um Terroristen fernzuhalten, wie Staatspräsident François Hollande erklärt.
  • Österreich igelt sich ein, weil es sich "überlastet" fühlt.
  • Und die Schweiz lässt schon gar keine "Flüchtlingsströme" in ihre aufgeräumte Eidgenossenschaft.
  • Jetzt redet man auch in Deutschland über "Begrenzungen".

Was also tun?

Jedenfalls "keine Mauern bauen", sagt Italiens Premierminister Matteo Renzi. Europa habe Jahrzehnte daran gearbeitet, Mauern abzureißen. "Neue bauen, heißt, uns selbst zu verraten." Nur ein funktionierendes Ordnungs- und Verteilungssystem könne die aktuellen Probleme lösen, davon ist Renzi überzeugt.

Deshalb werden in Italien jetzt eilig große Hotspots errichtet, Zentren zur Erstaufnahme von Flüchtlingen, in denen diese registriert und katalogisiert werden: Wer hat eine Chance auf Asyl oder ein Bleiberecht, wer soll wieder weggeschickt werden?

Dasselbe sollen, müssten, wollten auch die Griechen machen - aber da hapert es noch. Deshalb wird die Regierung in Athen mal wieder angegangen, aus Berlin wie aus Rom.

Griechisch-mazedonische Grenze: Was tun, wenn Hunderttausende vom Osten übers Meer kommen?
AFP

Griechisch-mazedonische Grenze: Was tun, wenn Hunderttausende vom Osten übers Meer kommen?

Sind die Migranten in Griechenland oder in Italien erfasst, folgt Phase zwei des Planes, den EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker bis zum EU-Gipfeltreffen am 18. Februar im Detail ausarbeiten soll: Die Abschiebung der Einwanderer ohne Bleiberecht und die "automatische" Verteilung der anderen auf alle EU-Länder. Wer wie viele nehmen muss, richtet sich dabei nach der Wirtschaftskraft, der Bevölkerungszahl und dem Ausmaß der Arbeitslosigkeit eines jeden Landes.

Klingt gut, gerecht, machbar - Regierungschef Renzi hält deshalb auch flammende Plädoyers dafür. Aber die Chancen auf Umsetzung stehen nicht gut. Eine Reihe der 28 EU-Mitgliedstaaten ist vehement dagegen. Und bislang hat ja nicht einmal das von allen beschlossene EU-weite einmalige "Umverteilen" von 160.000 Flüchtlingen funktioniert, die in Italien und Griechenland gestrandet sind. Für gerade einmal 331 Menschen fand sich bislang ein Aufnahmeland.

Weil die Aussichten für eine gerechtere Verteilung eher dürftig sind, fordert Italiens Innenminister Angelino Alfano deshalb beinahe täglich, "die Kontrollen der EU-Außengrenzen zu verstärken". Auch das klingt plausibel, ist es aber nur in der Theorie.

Das haben die Entwicklungen auf der Adria-Flüchtlingsroute im vergangenen Vierteljahrhundert gezeigt. Ein kurzer Rückblick:

10.000 Menschen auf der "Vlora": Keiner darf bleiben

Am 8. August 1991 kam der schrottreife Frachter "Vlora" mit 10.000 Menschen an Bord aus Albanien in Bari an: das erste Dickschiff mit Flüchtlingen, die "Einweihung" der Adriaroute gewissermaßen und der restriktiven Einwanderungspolitik. "Keiner darf bleiben", entschied damals der christdemokratische Regierungschef in Rom, Giulio Andreotti. Schließlich waren zuvor bereits nach und nach 20.000 bis 30.000 Albaner eingereist, seit das kommunistische Regime seine Bürger nicht mehr erfolgreich einsperren konnte. Mehr Albaner wollte Italien nicht.

1991 flohen Zigtausende auf dem Schrottdampfer "Vlora" aus dem Hungerland Albanien ins italienische Bari
AP

1991 flohen Zigtausende auf dem Schrottdampfer "Vlora" aus dem Hungerland Albanien ins italienische Bari

Die "Vlora"-Passagiere durften nicht an Land. Es gab Krawalle, Selbstmorddrohungen, der SPIEGEL beschrieb damals die apokalyptischen Szenen. Schließlich wurden die Menschen ins Fußballstadion gesperrt und am Ende in Schiffen und Flugzeugen zurücktransportiert. Dazu gab es "Aufbauhilfe" für Albanien. Das, was sich heute viele wünschen, wurde damals praktiziert: Härte zeigen, zurückschicken! Was kümmert uns die Uno-Flüchtlingskonvention?

Nur gebracht hat es nicht viel. Viele Albaner versuchten erneut, nach Italien zu kommen. Wenn nicht legal, dann eben illegal. Die Mafia tat sich mit den albanischen Schlepperbanden zusammen, beide machten Riesengeschäfte. Auf der anderen Seite wurde Italiens Küstenwache mit Millionenaufwand hochgerüstet.

Aber es half einfach nichts: Sollte sie auf die Menschen schießen? Deren Schiffe versenken? Jeden Tag, jede Nacht kamen Boote. Bald lebten knapp 500.000 Albaner in Italien. Mehr wollten das offenbar nicht, denn die Zahl blieb seither ziemlich konstant.

Dafür kamen Menschen aus anderen Elends- oder Kriegsregionen, viele aus asiatischen Ländern. Und demnächst werden es überwiegend Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan sein, die auf Schlauchbooten oder seeuntüchtigen Kuttern den riskanten Sprung über die Adria nach Europa wagen.

Vom albanischen Durres nach Italien sind es, wie gesagt, 80 Kilometer - von der türkischen Küste zur griechischen Insel Lesbos gerade einmal acht. Vor Lesbos ertrinken mit trauriger Regelmäßigkeit Männer, Frauen und Kinder im Mittelmeer. Was auf der zehnfachen Strecke passieren könnte, mag sich wohl niemand ausmalen.


Zusammengefasst: Die Balkanroute wird immer beschwerlicher, immer mehr Grenzen sind dicht. Deshalb fürchtet nun Italien eine Renaissance der Adria-Passage. Tausende Menschen könnten schon bald vom Balkan aus übersetzen. Und dann? Die Regierung in Rom lässt Hotspots einrichten, hofft auf eine faire Verteilung in Europa. Doch die dürfte am Widerstand der EU-Partner scheitern.

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