Spannungen nach dem Putsch: Ägypten zittert vor dem Bürgerkrieg

Aus Kairo berichtet

DPA

Ägypten droht im Chaos zu versinken, schon bald könnte die Armee den Ausnahmezustand ausrufen. Das wäre höchst riskant: Islamisten würden in den Untergrund getrieben. Eine neue Terrorgruppe soll sich bereits gegründet haben.

Ägyptens Sicherheitskräfte machen mobil. Bewaffnete Bereitschaftspolizisten haben am Samstag in der Hauptstadt Kairo Stellung bezogen. Sie bewachen strategisch wichtige Straßenkreuzungen und Brücken der Metropole. Mit diesem Aufgebot bereiten sich die Einheiten auf einen weiteren unruhigen Abend, eine hitzige Nacht vor. Sie befürchten neue Zusammenstöße mit Anhängern der entmachteten Staatsführung.

Die Bilanz der Nacht zum Samstag ist ernüchternd. Ausschreitungen, bei denen nach letzter Zählung 30 Ägypter starbenund mehr als 1100 verletzt wurden, haben unterstrichen, dass Ägypten ein zutiefst gespaltenes Land ist. Die mit dem Militär zusammenarbeitende Opposition und die Anhänger der Muslimbrüder sind bis aufs Blut verfeindet.

Das sorgt für Angst bei vielen Ägyptern, aber auch für Frust. "Wir wollten wie die Türkei werden, jetzt wird aus Ägypten das nächste Algerien", sagt ein Touristenführer, der seine Namen lieber nicht nennen möchte. Denn der junge Mann hat Sympathien für die Sache der Muslimbrüder. So etwas sagt man außerhalb der islamistischen Enklaven Kairos derzeit besser nicht laut. Dafür gibt es gute Gründe: Seit den Straßenschlachten der Revolution 2011 hat das ägyptische Volk aufgerüstet. Bei den Krawallen am Freitagabend sollen sowohl Mursi-Anhänger als auch -Gegner auf ihre Opponenten geschossen haben.

Armee und Polizei guckten zu

Der Aufruhr hatte begonnen, als am späten Nachmittag Protestzüge der Mursi-Anhänger versuchten, zwei Nilbrücken zu überqueren, um ihr Anliegen auf dem Tahrir zu Gehör zu bringen. Um das zu verhindern, zogen ihnen dort versammelte junge Männer entgegen. Bald waren erste Schüsse zu hören, Händler, Passanten und Hunderte an einem Verkehrsknotenpunkt auf ihre Busse wartende Menschen stoben in Panik auseinander.

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Straßenschlachten in Kairo: "Sie schießen auf uns, die Hundesöhne!"
Es darf als sicher gelten, dass beide Seiten ihren Teil zur Eskalation beigetragen haben. Vor allem aber griffen die Sicherheitskräfte über Stunden nicht ein, sondern beobachteten das Blutbad bloß: Die Ausschreitungen könnten dem Militär nämlich durchaus zupass kommen.

Sollten sich Szenen wie in Kairo in den kommenden Nächten wiederholen, wird das Volk, das sich schon den Militärputsch der vergangenen Woche herbeigewünscht hat, verlangen, dass die Armee für Ordnung sorgt. Riefen die Generäle dann folgerichtig den Ausnahmezustand aus, hätten sie sich endgültig die Macht im Land gesichert.

"Krieg gegen Islam in Ägypten"

Nach den Ereignissen der Nacht riefen die Islamisten dazu auf, die Proteste fortzusetzen. Die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, der politische Arm der Muslimbrüder, begrüßte die Mobilisierung "von Millionen Ägyptern in allen Provinzen". Diese sollten "friedlich" gegen den "brutalen Staatsstreich" protestieren, hieß es in einer Erklärung. Die Partei werde "auf den Plätzen an der Seite der Massen" bleiben, bis Mursi wieder in seinem Amt sei.

Besorgniserregender ist eine andere Entwicklung, die sich bereits abzeichnet: Seit dem Militärputsch am Mittwoch fährt das Militär eine Kampagne zur Unterdrückung der Muslimbrüder, die die Organisation zurück in den Untergrund treiben könnte. Von dort aus könnte sie einen Terrorkrieg gegen den Staat führen, der ihnen ihrer Ansicht nach durch die Absetzung Mursis den Wahlsieg gestohlen hat.

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Umsturz in Ägypten: Mursi, Macht und Muslimbrüder
Am Samstag gründete sich offenbar eine erste radikale Gruppe namens "Ansar al-Scharia". In einem Online-Forum für Dschihadisten kündigten sie an, zur Not auch Gewalt einzusetzen, um Ägypten unter die Herrschaft des Islam zu stellen. Dies berichtet die auf die Beobachtung fundamentalistische Internetseiten spezialisierte Organisation Site. Danach habe "Ansar al-Scharia" angekündigt, sich zu bewaffnen und das Training seiner Mitglieder zu starten. Dem Internet-Pamphlet nach sieht sich die Organisation bereits im Krieg: Die Armee habe ihn erklärt, gegen "den Islam in Ägypten".

Algerien als Negativ-Beispiel

Sieht man ganz schwarz, wie der erwähnte Touristenführer, kann man befürchten, dass es in Ägypten zu einem Bürgerkrieg kommen könnte, wie er seit 1992 in Algerien tobt. Dort verübte das Militär einen Staatstreich, nachdem sich ein Wahlsieg der Islamisten abzeichnete. Es folgte der Ausnahmezustand, dann die brutale Unterdrückung der Islamisten. Die Frommen gingen daraufhin in den Untergrund und verlegten sich auf Terroranschläge, die die Armee jeweils mit grausamen Vergeltungsaktionen beantwortete. Der Krieg in Algerien hat bis heute bis zu 150.000 Menschen das Leben gekostet.

Ob Ägypten wirklich diese Richtung einschlägt, wird sich vielleicht schon in den kommenden Tagen zeigen. Die Verhängung von Ausgangssperren und des Ausnahmezustands wären erste Indizien, dass die Armee eine harte Linie fahren will.

Sollten sich die Militärs andererseits darum bemühen, möglichst schnell eine Übergangsregierung zu bilden, besteht Hoffnung, dass die enttäuschten Islamisten doch noch in den politischen Prozess eingebunden werden könnten. Es kann gut sein, dass die Weichen noch vor dem kommenden Dienstag gestellt werden: Dann beginnt der Fastenmonat Ramadan.

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1. Düstere Aussichten
butternut 06.07.2013
Zitat von sysopDPAÄgypten droht im Chaos zu versinken, schon bald könnte die Armee den Ausnahmezustand ausrufen. Das wäre höchst riskant: Islamisten würden in den Untergrund getrieben. Eine neue Terrorgruppe soll sich bereits gegründet haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-armee-koennte-buergerkrieg-befoerdern-a-909778.html
Wo Islamisten nicht ihren Willen bekommen, da gibt es Mord und Totschlag. Afghanistan, Pakistan, Sudan, Nigeria, Irak, Türkei etc. und jetzt Ägypten. Bin gespannt, wie viele Millionen Menschen in Afrika und Asien noch von religiösen Eiferern abgeschlachtet oder in den Tod getrieben werden, bis es so etwas wie eine islamische Aufklärung gibt.
2. Das geringere Übel
Juergen_Spaeth 06.07.2013
Islamisten sind zum demokratischen Diskurs unfähig. Das sollten endlich auch die verstehen, die damals aus lautem Verständnis der tatsächlichen Hintergründe den arabischen Frühling herbeigesehnt hatten.... Also unsere Gutmenschen. Die Islamisten halten genaus so wenig von Demokratie, Menschenrechte wie Kommunisten und Faschisten. Und da soll noch mal einer behaupten, die Geschichte wiederhole sich nicht.
3. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht...
atech 06.07.2013
Zitat von sysopDPAÄgypten droht im Chaos zu versinken, schon bald könnte die Armee den Ausnahmezustand ausrufen. Das wäre höchst riskant: Islamisten würden in den Untergrund getrieben. Eine neue Terrorgruppe soll sich bereits gegründet haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-armee-koennte-buergerkrieg-befoerdern-a-909778.html
der SPON wünscht sich die Einbindung der Islamisten in eine neue politische Ordnung in Ägypten, obwohl die Islamisten den Scharia-Staat wollen. Den die Demonstranten eindeutig verhindern wollten. Die Ägypter hatten genug von einer Bevormundung von oben. Was sollte man den Ägyptern statt dessen wünschen? - Doch wohl, dass so bald wie möglich neue, freie, demokratische Wahlen abgehalten werden. Zu denen natürlich alle Parteien Zugang haben. Und eine eindeutige und vernichtende Wahlniederlage für die Muslimbrüder. Eine neue, liberale Regierung, die dann großzügig vom Westen unterstützt wird, damit es auch dem ägyptische Volk insgesamt wirtschaftlich und gesellschaftlich wieder besser geht. Dem steht entgegen, dass die Familien, deren Militärangehörige das Land schon seit Jahrzehnten wirtschaftlich kontrollieren, ihre Macht nicht freiwillig abgeben werden. Eine neue Militärdiktatur erscheint nicht unwahrscheinlich. Und der Westen wird diese eher begrüßen als auf Jahre hinaus instabile, aber demokratisch-freiheitliche Verhältnisse, denn: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht...
4.
zylinderkopf 06.07.2013
Ich hoffe nur, das die ägyptische Armee gnadenlos durchzieht. Agypten war unter Militärherrschaft ein verläßlicher Partner in der Region. Überall wo der Islam herrscht, gibt es nur Unruhen und Menschenrechtsverletzungen ekelhaftester Art. Das sollten sich die berufsbetroffenen Zwangsdemokratisierer mal vor Augen führen.
5. optional
großwolke 06.07.2013
Werden sie gewählt, schalten sie von oben herab die Rechte andersdenkender aus, befinden sie sich in der Unterzahl oder werden gar aktiv verfolgt, werden sie nur noch fanatischer, morden und terrorisieren. Das sind sie, die Islamisten. Damit bleibt eigentlich keine sinnvolle Möglichkeit, mit dieser Religion friedlich in einem Land zu leben, wenn man nicht dazugehört. Und noch ein Nachsatz für alle, die hier vielleicht gleich wieder den Islam zur Religion des Friedens ausrufen und auf das böse, undemokratisch putschende Militär in Agypten schimpfen wollen: besorgt Euch eine Koranübersetzung und lest mal ein bisschen quer. Danach bleiben keine Zweifel mehr. Nicht die geringsten. Solange es Muslime gibt, die ihr heiliges Buch als wörtlich zu nehmende Gebrauchsanweisung für das Leben verstehen, wird es keinen Frieden geben.
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