Ägypten Christen fliehen aus dem Nordsinai

Mehrere Christen sind im Nordsinai in den vergangenen Wochen ermordet worden - mutmaßlich von Dschihadisten. Hunderte Gläubige fliehen jetzt. Die christliche Gemeinschaft in dem Gebiet droht zu verschwinden.

AFP

Sieben Christen wurden in den vergangenen vier Wochen im Norden der Sinai-Halbinsel in Ägypten mutmaßlich von Islamisten ermordet - erschossen, enthauptet und verbrannt. Immer mehr Angehörige der religiösen Minderheit fliehen deshalb aus Angst vor weiteren Gewaltakten aus dem Gebiet.

In der Stadt Ismailia am Suezkanal seien 200 Menschen aus der Provinzhauptstadt al-Arisch eingetroffen, berichtete die Internetseite des Staatsfernsehens. Weitere Familien würden erwartet. Nach Angaben einer Kirche in Ismailia sind 100 Familien angekommen, die Menschen seien am vierten Tag in Folge dorthin geflohen.

Die Familien seien verängstigt und bräuchten Hilfe, so eine Angehöriger der Kirche. Sie seien erschöpft, benötigten dringend Nahrung und Kinderkleidung und seien erschüttert durch die Gewalt und Brutalität der Dschihadisten. Die Menschen würden in Privatwohnungen oder in Unterkünften, die von der Regierung gestellt wurden, untergebracht.

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi wies seine Minister an, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um den Geflüchteten zu helfen. Es war die erste öffentliche Reaktion der Regierung zu dem Terrorfeldzug gegen Christen in der ägyptischen Unruheregion.

Zuletzt wurde ein Lehrer christlichen Glaubens in al-Arisch aus einem Auto heraus erschossen. Die Angreifer flüchteten. Ein anderer Christ, ein Klempner, wurde am vergangenen Donnerstag in der Stadt vor den Augen seiner Frau und Kinder in seinem Haus erschossen.

Anwohner berichten von Todeslisten

Zu den Taten bekannte sich zunächst keine Gruppe. Allerdings hatte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die einen Ableger in dem Gebiet hat, zuletzt ein Video veröffentlicht, in dem sie Angriffe auf Christen in Ägypten ankündigt. In dem Video soll auch der Selbstmordattentäter zu sehen sein, der im Dezember fast 30 koptische Christen in der Kairoer Kirche Sankt Peter und Paul getötet hatte.

Bewohner von al-Arish erzählen, es seien Todeslisten im Umlauf, auf denen die Namen von Christen stünden und auf denen ihnen mit Ermordung gedroht werden. "Mein Vater ist der zweite Name aus der Liste, auf der alle Christen stehen", sagt ein Mann namens Munir Adel, ein Gemüseverkäufer, der am Freitag aus al-Arish floh. Seine Eltern konnten wegen ihres hohen Alters die Stadt nicht verlassen. "Sie können jeden Moment ermordet werden", so Munir Adel.

Im Norden der Sinai-Halbinsel operieren seit Jahren Dschihadisten, die 2014 der Terrormiliz IS die Treue geschworen und viele Anschläge auch in anderen Landesteilen verübt hatten. Die ägyptische Armee führt einen teilweise offenen Kampf gegen die Extremisten. Die Region ist militärisches Sperrgebiet.

Vor Beginn des arabischen Frühlings 2011 lebten Schätzungen zufolge rund 5000 Christen im Norden des Sinai. Ein Großteil von ihnen hat das Gebiet seitdem verlassen. Zuletzt - vor der neuen Fluchtwelle - sollen noch rund tausend Christen dort gelebt haben.

Kritiker werfen der ägyptischen Regierung vor, dass sie den Christen im nördlichen Sinai nicht ausreichenden Schutz geboten habe. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die am Donnerstag nach Ägypten reist, würdigte hingegen die Unterstützung der ägyptischen Regierung für die koptischen Christen. Diese hätten "eine sehr gute Situation für die Ausübung ihrer Religion", sagte Merkel. Gerade in einem muslimisch geprägten Land sei das beispielhaft.

anr/dpa/AP/Reuters



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