Ägypten Demonstranten fordern schnelles Ende der Ära Mubarak

Die Revolution in Ägypten ist längst nicht beendet. Hunderttausende Menschen drängten sich in Kairo auf dem Tahrir-Platz, schwenkten ägyptische Flaggen - und warfen dem regierenden Militärrat vor, zu langsam gegen die Korruption aus der Ära Mubaraks vorzugehen.

Demonstration auf dem Tahrir-Platz: Relikte des korrupten Regimes tilgen
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Demonstration auf dem Tahrir-Platz: Relikte des korrupten Regimes tilgen

Von Volkhard Windfuhr, Kairo


Die Massendemonstration auf dem Tahrir-Platz überraschte die politischen Beobachter: Hunderttausende Menschen verlangen am Freitag eine schnellere Aburteilung des zurückgetretenen Präsidenten Husni Mubarak, seiner Söhne Gamal und Alaa und der verhassten First Lady Suzanne Mubarak. Die Demonstranten forderten sofort gegen die wegen Korruption, Amtsmissbrauch und Verbrechen beschuldigten Ex-Ministern und Entscheidungsträger vorzugehen.

"Das Volk will den Sturz des Regimes", "Weg mit den Verbrechern" und "Wie lange sollen wir noch warten?" das stand auf zig Spruchbändern zu lesen. Die Enttäuschung der jugendlichen Revolutionäre über den schleppenden Verlauf der Ermittlungen gegen die Mubarak-Clique, die widersprüchlichen Berichte und Gerüchte über die Situation des ins mondäne Scharm al-Scheich ausgewichenen Mubarak-Clans entlud sich nach dem Freitagsgebet in Sprechchören in einer Vehemenz, wie sie seit den ersten Revolutionstagen nach dem 25. Januar nicht mehr gehört wurden.

"Wir wollen, dass die Armee endlich eingreift und die Relikte des korrupten Regimes aus unserem Gedächtnis tilgt", verlangte ein noch jugendlich wirkender Physikprofessor vor dem Eingang in die U-Bahnstation, aus der ununterbrochen Hunderte mit schwarz-weiß-roten Fahnen bewaffnete Protestler nach oben quollen. "Wir verlangen die Lakaien der korrupten Machthaber von gestern auf der Stelle zu entlassen. Werft Vizepremier Jahja Al Gamal aus dem Amt, zusammen mit Generalstabsanwalt Abdul Magid Mahmud. Beide sympathisieren nach wie vor mit den Halunken, die uns 30 Jahre lang bestohlen und geknechtet haben." Der folgende Applaus war ohrenbetäubend.

Dann ertönte, zum ersten Mal auf dem Tahrir, eine gänzlich neue Parole: "Der Feldmarschall muss weg." Das verschlug vielen die Sprache. Sekundenlange Stille. Kritik an der Armee, die den Sturz des Mubarakregimes erst möglich gemacht hatte? Ist jetzt auch die Armeeführung nicht länger tabu, verliert die Jugend ihr Vertrauen in die Streitmacht, die sich auf die Seite des Volkes gestellt hatte? Warum der Affront gegen Feldmarschall Hussein At Tantawi? Nur, weil dieser von Mubarak ernannt worden war?

Tantawi ist immerhin Vorsitzender des Obersten Rates der Streitkräfte, der seit dem Rücktritt Mubaraks am 12. Februar die Funktion des Staatspräsidenten bis zur Wahl eines neuen Präsidenten Ende des Jahres ausübt.

Rührt der Unmut vieler Demonstranten nur von ihrer wachsenden Ungeduld her? Vielen dauert der Ent-Mubarakisierungs-Prozess unverständlich lange.

Die neue Stoßrichtung gegen Tantawi nahm bereits am Donnerstag skurrile Formen an: Manipulierer verbreiteten in Zeitungen und Mails die Falschmeldung, der SPIEGEL habe den Feldmarschall interviewt. Doch Tantawi hat niemals Interviews gegeben. Das erfundene Interview sollte ihm offenbar schaden. Steckt dahinter die Linke, die Nasseristen-Riege? Oder die Moslembruderschaft, die ihre Stunde gekommen sah und die Armeeführung verunsichern möchte? Oder halten einflussreiche Medienbosse am Nil, manche Drahtzieher der islamistischen Moslembruderschaft, derartige Manöver für hilfreich, um einen Stillhalte-Deal mit der Armeeführung auszuhandeln?

Ihr schlechtes Abschneiden bei den Studentenwahlen vor wenigen Tagen wäre durchaus ein Motiv. Der bekannte Schriftsteller Alaa Al Aswani bläute seinen Zuhörern am Donnerstagabend auf einer Diskussionsrunde immer wieder ein: "Die Moslembruderschaft hat in ihrer langen Geschichte mit den Machthabern immer wieder einen Deal gemacht, dazu ist sie auch jetzt bereit."

Die Armee ist auf der Straße nach wie vor beliebt, weit mehr als die Polizei. Denn die ist nur teilweise wieder in ihre Kommandoposten zurückgekehrt.

Als es dämmert am Tahrir bevölkern immer mehr Menschen den Platz. Gegen 18 Uhr kommt es zu einem Volksauflauf: Einige Angehörige der Streitkräfte, angeblich Offiziere, gekleidet in Zivil, gesellen sich zu den Demonstranten, erklären sich solidarisch mit ihnen. Militärpolizisten nehmen die Gehorsamsverweigerer aus den eigenen Reihen fest, bringen sie in "Sicherheit", wie sie es ausdrücken. Um 19 Uhr 30 gehen am Tahrir die Lichter aus. Der Militärhubschrauber zieht weiter seine Kreise über dem Platz.

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