Ägypten Demonstranten stürmen Geheimdienstzentrale

Wer hat uns gefoltert, wer hat uns ausspioniert? Mitglieder der ägyptischen Reformbewegung fürchten, dass die Staatspolizei die Akten über ihre Untaten vernichtet - und stürmten daher mit Gewalt das Hauptquartier des verhassten Geheimdienstes.

DPA

Kairo/Hamburg - Diktaturen und diktatorische Regime überleben nur, wenn sie sich eines Apparates bedienen, der das Volk ausspioniert, gängelt und oppositionelle Bewegungen bei Bedarf brutal unterdrückt. Wenn so ein Staat dann untergeht, entbrennt der Kampf um jene hochbrisanten Akten, die festhalten, wer wann welche Untaten angeordnet hat, wer verantwortlich war - und wer also zur Verantwortung gezogen werden kann, später, vor Gericht.

So war es in vielen Staaten Osteuropas, so war es in der DDR, als im Januar 1990 die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße gestürmt wurde - und so geschieht es jetzt in Ägypten. Drei Wochen nach dem Sturz des Präsidenten Husni Mubarak stürmten mehrere hundert Demonstranten in der Nacht zum Samstag das Hauptquartier der Staatssicherheit in der Hafenstadt Alexandria.

Dabei kam es zu Straßenschlachten mit Sicherheitskräften, die Tränengas und scharfe Munition einsetzten. Die Angreifer wiederum warfen mit Molotow-Cocktails, wie das Internetportal "almasryalyoum" berichtete. Mindestens ein Demonstrant sei demnach von einem Geschoss in die Brust getroffen und ins Krankenhaus gebracht worden, Augenzeugen berichteten zudem von vier verletzten Polizisten. Ein namentlich nicht genannter Angehöriger der Sicherheitskräfte wurde allerdings mit den Worten zitiert, dass die Polizei nicht scharf geschossen habe. Es habe auch keine Toten oder Verletzte gegeben.

Die Aktion richtete sich gegen angebliche Versuche der Staatssicherheitsbehörde, belastende Akten aus der Mubarak-Ära zu vernichten, sagten Teilnehmer des Protest-Sturms in Alexandria. Einer Gruppe von Demonstranten gelang es, in das Gebäude einzudringen, zumindest die unteren Etagen des Traktes unter ihre Kontrolle zu bringen und Akten zu sichern, die dann der Armee übergeben worden seien. Zugleich hätten sie auch die Überreste von bereits zuvor mit dem Reißwolf vernichteten Dokumenten sehen können. Die Armee brachte die im Gebäude befindlichen Offiziere und Mitarbeiter des Geheimdienstes in Sicherheit, berichteten ägyptische Medien am Samstag.

Die Auflösung des Staatssicherheitsamtes ist eine der letzten noch offenen Forderungen der Reformbewegung. Die verhasste Staatspolizei soll eine besonders unrühmliche Rolle bei der versuchten Niederschlagung der Proteste gespielt haben. Am Vortag hatten Tausende von Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo den neuen Regierungschef Essam Scharaf daran erinnert.

Der Geheimdienst hatte in Ägypten in den Jahrzehnten seit der Revolution von 1952 hauptsächlich der Unterdrückung der Bevölkerung gedient. Er betrieb - nach dem Vorbild der ehemals kommunistischen Ostblock-Staaten - ein Netz von Agenten und Spitzeln, das in alle Bereiche der Gesellschaft reichte, in Geheimdienstgefängnissen wurde zudem gefoltert.

tdo/dpa/Reuters



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Seite 1
Talent 05.03.2011
1. im westen nichts neues
"Diktaturen und diktatorische Regime überleben nur, wenn sie sich eines Apparates bedienen, der das Volk ausspioniert, gängelt und oppositionelle Bewegungen bei Bedarf brutal unterdrückt." das das hier die opposition frei ist...
hamoukshah 05.03.2011
2. Koennen Terroristen Deomkratie verlangen?
Zitat von sysopWer hat uns gefoltert, wer hat uns ausspioniert? Mitglieder der ägyptischen Reformbewegung fürchten, dass die Staatspolizei*die Akten über ihre Untaten*vernichtet - und stürmten daher mit Gewalt das Hauptquartier des verhassten Geheimdienstes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749260,00.html
Also steht die Staatssicherheitsapparat heute lediglich fuer Unterdrueckung und Folter verantwortlich? Es sieht so aus, als ob man vergessen hat, wie die kuhne Beamter gegen Terror gekaempft haben. Der in der 90er Jahre verbreitete Terror, mit tausende von Toten und Verletzten, vor allem Christen, Touristen und Polizisten wurde nur durch den schweren Einsatz von Staatsicherheit Taktiken niedergeschlagen. Gestrige Terror Verdaechtige und Sympathisanten haben sich auch den Bandwagon eingeschlossen, um ihre drakonische Herrschaft zu erzwingen. Man kann das schon heute beobachten, wenn man durch die Strassen bummelt. Plakaten wie: "Achtung; wir warnen davor, dass die Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung abgeschafft wird." Solche militante Botschaften haette die Staatssicherheisapparat nie erlaubt. Spiegel-Onlines Berichtersattung ist also doch unbalanziert, jubelnd und nur anti-Mubarak.
Darjaan 05.03.2011
3. titel
das ist das gute recht des ägyptischen Volkes... hätten wir mit der Stasizentrale auch machen sollen, dann würden die Akten von Kohl usw auch mal offen gelegt... eiegntlich müsste nach jedem Regierungswechsel, das Kanzleramt "gestürmt" und alle Akten offen gelegt werden, bevor zu solchen Aktionen wie den Bundeslöschtagen kommen kann, die Helmut Kohl am Ende seiner Regierungszeit anzettelte... da fragt man sich wieviel Dreck der am Stecken gehabt haben muss, nebst seiner CDU
pfeifffer, 05.03.2011
4. Was ist dass denn für eine Formulierung?
"Geheimdienstgefängnisse waren Orte schrecklicher Folterungen." Gibt es auch unschreckliche Folterungen, ja, vielleicht sogar heitere, schöne Folterungen? Oder soll das so eine Art Babysprache sein, wie Blubberwasser, Hoppelhase, um möglichst schnell BILD-Niveau zu erreichen, wie Herzlos-Vermieter, Drogen-Tochter, Messe-Mädchen (aktuelle Onlineausgabe).
Johnnie 05.03.2011
5. Terroristen...
Zitat von hamoukshahAlso steht die Staatssicherheitsapparat heute lediglich fuer Unterdrueckung und Folter verantwortlich? Es sieht so aus, als ob man vergessen hat, wie die kuhne Beamter gegen Terror gekaempft haben. Der in der 90er Jahre verbreitete Terror, mit tausende von Toten und Verletzten, vor allem Christen, Touristen und Polizisten wurde nur durch den schweren Einsatz von Staatsicherheit Taktiken niedergeschlagen. Gestrige Terror Verdaechtige und Sympathisanten haben sich auch den Bandwagon eingeschlossen, um ihre drakonische Herrschaft zu erzwingen. Man kann das schon heute beobachten, wenn man durch die Strassen bummelt. Plakaten wie: "Achtung; wir warnen davor, dass die Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung abgeschafft wird." Solche militante Botschaften haette die Staatssicherheisapparat nie erlaubt. Spiegel-Onlines Berichtersattung ist also doch unbalanziert, jubelnd und nur anti-Mubarak.
können mit Demokratie bekämpft, und werden mit Unterdrückung und Ungerechtigkeit bestärkt.
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